360-Grad-Panorama

Wie das antike Pergamon wiederbelebt wird

Vor dem Pergamonmuseum ist ein Rundbild der gleichnamigen Stadt aufgestellt worden. Yadegar Asisi hat im Maßstab 1:1 das Panorama der antiken Metropole erstellt und dem Museum damit einen neuen Besuchermagneten beschert.

Ein Stück Besessenheit gehört dazu. Bis zu 16 Stunden am Tag hat Yadegar Asisi in den vergangenen Monaten in seinem Kreuzberger Hinterhofatelier gearbeitet – und dabei nur immer eins im Sinn: Pergamon. „Pergamon – Panorama der antiken Metropole“ ist Berlins kommendes Ausstellungshighlight im Pergamonmuseum, das ab Freitag bislang unbekannte Einblicke in die Antike gewährt (bis 30..September 2012). Nicht zuletzt auch dank Asisi. Der „Architekt der Illusionen“ präsentiert ein 360-Grad-Panoramabild von Pergamon im Maßstab 1:1. Es zeigt die antike Metropole und die umgebende Landschaft im Jahre 129 n. Chr. in einer Tag-und-Nacht-Simulation, die auch akustisch untermalt wird.

Für das 103 Meter lange und 25 Meter hohe Rundbild wurde im Ehrenhof des Pergamonmuseums eigens eine Rotunde aufgebaut – ein Panometer, wie Asisi den temporären Rundbau nennt. Und clever, wie der Künstler ist, hat er sich die eigene Wortschöpfung des speziellen Ausstellungsgebäudes, zu denen er bereits in Leipzig und Dresden zwei ehemalige Gasometer umgenutzt hat, auch gleich patentieren lassen.

Dass der Wahlberliner mit persischen Wurzeln momentan sehr gefragt ist, hätte er sich zu Beginn seiner Karriere nicht vorstellen können. „Es war ein langer Weg“, freut sich der Künstler über das große Interesse an seiner Arbeit und an seinem Leben. „Ich bin der Letzte, der nicht gern redet“, gesteht er. Asisi spricht schnell, was nicht verwundert: Er hat viel zu erzählen. Angefangen von seinen Wurzeln in Persien, den Stationen seines Lebens in der DDR und in West-Berlin, seiner Arbeit für Architekten wie Daniel Libeskind oder Hans Kollhoff bis hin zu seiner Passion, den Panoramabildern.

Als entscheidend für seinen Werdegang sieht Asisi den Tod seines Vaters. „Die Folgen waren für meine Familie und für mein Leben richtungweisend“, sagt der Künstler. Dabei hat er seinen Vater nie kennengelernt. Denn der Offizier wurde unter Schah Resa Pahlewi 1954 nur wenige Monate vor Asisis Geburt wegen Hochverrates hingerichtet. Der Grund: Asisis Vater war Soldat der persischen Armee und zugleich Mitglied der Geheimen Zelle der Kommunistischen Partei. Nach der Hinrichtung erhielt Asisis Familie ebenso wie die Angehörigen der anderen Offiziere, die wegen der Mitgliedschaft in der Geheimen Zelle getötet wurden, ein Hilfsangebot. Die Ostblockstaaten gewährten den betroffenen Familien Asyl. Asisis Mutter, hochschwanger, junge Witwe und verantwortlich für ihre bislang fünf Kinder, sah in der Ausreise eine Chance. Vor allem hinsichtlich der Bildungsmöglichkeiten ihres Nachwuchses, die sie im Ausland eher gesichert sah. „Unsere Familie ist mit anderen über Wien und Polen in die DDR gelangt und dort verteilt worden. Ich wurde unterwegs in Wien geboren.“

Wie er letztlich in Berlin gelandet sei? Wo soll er anfangen? Asisi überschlägt sich im Redefluss, die Geschichten seines Werdegangs sprudeln aus ihm heraus. Beispielsweise die von seiner Kindheit in Halle an der Saale. „Wir wohnten dort in einer prächtigen Villa, die wir uns mit mehreren Familien, die mit uns das Land verlassen hatten, teilen mussten.“

Die im Umgang mit Emigranten noch unerfahrene DDR habe damals zeigen wollen, wie gut es im Sozialismus sei. „Wir hatten sogar einen Koch in dem Haus, in dem wir allerdings auch nicht gerade feudal lebten, sondern mit sieben Leuten zwei Zimmer bewohnten.“ Er habe das Leben in dem großen Haus mit den vielen anderen Kindern als kleiner Junge geradezu „paradiesisch“ gefunden.

Dann der Umzug nach Leipzig, wo Yadegar Asisi zur Schule ging und schon als Kind sein Interesse an illusionistischen Dingen entdeckte. „Die Poesie der Illusion hat mich schon früh als Kind gepackt“, sagt der erfolgreiche Panoramakünstler. Vor allem italienische Künstler interessierten den späteren Meisterschüler des bekannten Malers Klaus Fußmann. „Ich war von der Malerei als Kind schon wie besoffen.“ Die Schulzeit verlief „schlafwandlerisch“, wie der selbstbewusste Künstler sagt. Trotz seines Faibles für Kunst und Illusionen studierte Asisi nach dem Abitur aber erst einmal Architektur, ein Fach, bei dem ihm seine zeichnerische Begabung zugutekam.

Zum Studium gezwungen

Auch die Geschichte, wie er nach dem Studium in Dresden 1978 nach West-Berlin kam, sei abendfüllend, berichtet Asisi. „Nach Studienende wurde ich freundlich aufgefordert, die DDR zu verlassen. Die wollten, dass ich in meine Heimat zurückkehre und mich dort am Aufbau beteilige. Doch mit meinem persischen Pass konnte ich nicht in den Iran und bin dann nach Westdeutschland.“ Eine Schwester wohnte in Hannover, ein Bruder in West-Berlin, Asisi pendelte fortan zwischen beiden Städten und wurde mit seinem besonderen Pass an der Grenze unproblematisch durchgewinkt. Bis ein Grenzbeamter dann mal genauer hinschaute und aus dem Pass mit all den vielen DDR-Stempeln nicht schlau wurde. Asisi landete gleich an der Grenze im „Helmstedter Knast“, von wo aus er zur Ausländerpolizei nach Hannover überstellt wurde. „Das war mein Glück.“ Denn dort hieß es, dass er nur in West-Deutschland bleiben dürfe, wenn er hier studiere. „Dann habe ich mir gesagt, wenn die mich schon zum Studium zwingen, dann fange ich jetzt mit Kunst an, und bin an die damalige Hochschule der Künste gegangen.“

Warum gerade er einer der 20 Ausgewählten von etwa 600 Bewerbern war, könne er bis heute nicht erklären. „Wahrscheinlich hat denen meine Vita gefallen, Talent hatte ich ja auch“, sagt Asisi. Nach dem Sturz von Schah Resa Pahlewi und dem Start an der HdK ging er 1979 für ein Jahr in den Iran. Dort leistete er Aufbauarbeit an der Teheraner Hochschule und drehte politische Pantomimefilme für das Fernsehen. „Das war eine wichtige Zeit, weil ich realisiert habe, dass ich Kraft habe und Dinge bewegen kann.“ Diese Kraft und seine künstlerische Begabung nutzte Asisi in Berlin dann nicht nur für seine eigenen Entwürfe als Architekt. Er arbeitete auch für viele weltbekannte Kollegen. Darunter Daniel Libeskind, für den Asisi einen Simulationsfilm eines Panoramabildes von dessen Modell für das neue World Trade Center in New York erstellte. Oder Hans Kollhoff, der seinen siegreichen Wettbewerbsbeitrag für die Hochhäuser am Alexanderplatz von Asisi mit einem Panoramabild von 29 Meter Länge und 4,50 Meter Höhe illustrieren ließ. Auch für Josef Paul Kleihues und viele andere habe er Architektursimulationen gemacht. „Mit der Hand, eben keine Computer-Simulationen“, ergänzt Asisi.

Seine 25-jährige Lehrtätigkeit, zuletzt an der Beuth Hochschule, hat Asisi vor zwei Jahren beendet. Er wolle die Zeit, die ihm bleibt, für etwas nutzen. Die verbeamtete Hochschule vereinnahme zu stark. „Wenn ich mit zehnfacher Energie dort etwas einfach bewegt habe, dann schaffe ich mit einfacher Energie außerhalb der Hochschule das Zehnfache.“

Das Engagement für seine Panoramakunst scheint ihm da effektiver. „Ich habe mit dem Panorama schon in den 90er-Jahren ein fantastisches Medium entdeckt. Es wäre Wahnsinn, das nicht zu einer neuen Renaissance kommen zu lassen.“