Bahnhof Friedrichstraße

Hier flossen mehr Tränen als irgendwo sonst

Am "Tränenpalast" des Berliner Bahnhofs Friedrichstraße endete für DDR-Bürger einst die Welt. Jetzt eröffnet Bundeskanzlerin Merkel hier nach umfangreicher Sanierung die offizielle Ausstellung zur innerdeutschen Grenze.

Lichtdurchflutet, transparent und modern: Auch so kann eine Sackgasse aussehen. Denn nichts anderes war, dem äußeren Anschein zum Trotz, der elegant geschwungene Glaskasten zwischen Stadtbahn und Spree mitten in Berlin. Nach außen wirkte der Pavillon nach einem Entwurf des Architekten Horst Lüderitz einladend.

Doch in Wirklichkeit schieden sich hier bis 1989 zwei Welten: Die Deutschen erster Klasse durften den Bau betreten, wurden hier penibel, oft schikanös kontrolliert und konnten dann eine S- oder U-Bahn nach West-Berlin besteigen. Die Deutschen zweiter Klasse, die Bürger des „Arbeiter- und Bauernstaates“ DDR, mussten außen vor bleiben, wollten sie nicht Verhör, gar Festnahme wegen „versuchter Republikflucht“ riskieren.

"Schleuse zur Freiheit"

Weil hier wohl mehr Tränen des Abschieds geweint wurden als irgendwo sonst in der 28 Jahre lang geteilten Stadt, bekam Lüderitz’ Entwurf bald einen vielsagenden Spitznamen „Tränenpalast“. Am heutigen Mittwoch weiht Bundeskanzlerin Angela Merkel in dem gründlich sanierten Bau eine Ausstellung zur deutschen Teilung und zum DDR-Grenzsystem ein. Mitten im Regierungsviertel und in Sichtweite des Reichstages eröffnet damit die zweite Dependance des Bonner Hauses der Geschichte der Bundesrepublik in der Hauptstadt.

Ein gutes Vierteljahrhundert lang, vom Sommer 1962 bis zum Herbst 1989, war Lüdertiz’ Bau eine „Schleuse zur Freiheit“, die Bundesbürger, ab 1963 zeitweise und seit 1971 dauerhaft auch West-Berliner sowie jene Untertanen der SED-Diktatur nutzen durften, die entweder einen Reisepass für den Westen bekommen hatten oder aus der DDR-Staatsbürgerschaft offiziell „entlassen“ worden waren.

Dann verlor, mit einem kleinen Versprecher des Politbüro-Mitglieds Günter Schabowski am 9. November 1989, die Berliner Mauer schlagartig ihre abschreckende Wirkungen, drückten nur Stunden später Zehntausende Ost-Berliner die scheinbar ewige tödliche Grenze mitten durch eine Stadtnieder.

Als nach wenigen Monaten Bauzeit der spätere Tränenpalast im Juli 1962 in Betrieb ging, beschrieb ein westdeutscher Journalist die Neuerung ironisch: „Welch ein Abschied, neuerdings, aus Ost-Berlin! Welcher Glanz auf dem Kontrollbahnhof Friedrichstraße! Da muss der Rückkehrer nicht mehr durch den schmalen Durchlass in der Kachelmauer, mit der die Halle nach dem 13. August zerteilt wurde, da muss er nicht mehr im trüben, betrübten Licht dieser Endstation Sehnsucht seine Tagesaufenthaltsgenehmigung den beiden Transportpolizisten vorzeigen und dann weiterziehen in den ärmlichen Raum der Kontrolleure.“

"Licht für den ideologischen Steinschlag"

Scharf hob der Korrespondent Dieter Hildebrandt, nicht identisch mit dem Kabarettisten gleichen Namens, dagegen die Wirkung des neuen Abfertigungspavillons ab: „Kein Dämmerlicht mehr bei der Kontrolle, keine provisorischen Absperrungen, keine Notunterkünfte für Wechselstuben und Kontrollen!“ Elf Monate nach dem Mauerbau „leistete“ die DDR sich „Helligkeit an der Mauer. Licht für den ideologischen Steinschlag, Neon für die Kontrollstation mitten in Berlin.“

Die Zumutung eines Todesstreifens quer durch die Vier-Sektoren-Stadt fasste er in treffende Worte: „An dieser Stelle ist der Trennungswall zur Architektur, die Ungeheuerlichkeit elegant geworden.“ Nun gab es „aparte Holztäfelungen, hübsche Tische, auf denen man seinen Ausweis oder seinen Pass ausbreiten kann, Schmucke Barrieren, eleganten Stempeltheken“. Sarkastisch fügte Hildebrandt hinzu: „Ist es nicht geradezu eine Lust, sich in diesem Foyer des Sozialismus kontrollieren zu lassen?“

Das allerdings waren die Kontrollen nie. Da die Mauer nie einen anderen Zweck hatte, als DDR-Bürger am Verlassen des vermeintlich „besseren deutschen Staates“ zu hindern, waren die Ausreisekontrollen noch schärfer als bei der Einreise nach Ost-Berlin. Schon vor dem Eingang gab es die erste „Vorkontrolle“ durch DDR-Polizisten; in die Glashalle hinein kam nur, wer einen offenbar echten westlichen Pass hatte. In der eigentlichen Kontrollstelle wurde dann jeder Ausweis genau geprüft, auf dass niemand mit falschen Papieren passieren könnte.

Ohnehin schloss sich an die bald mit engen Kabinen und noch engeren Durchlässen zugestellte Glashalle weiterhin ein düsterer Gang an, der durch die verbauten Katakomben der Umsteigestation zu den drei für West-Bürger zugelassenen Bahnsteigen führte – für die U6, für die S-Bahn gen Bahnhof Zoo, die hier ihre Endstation hatte, und für die durchgehenden Fernbahnen, die besonders scharf kontrolliert wurden.

Mit den Jahren wurden die Kontrollen im „Tränenpalast“ immer weiter verbessert, Kameras aufgehängt, Abfertigungswege und Schilder veränderten politischen Rahmenbedingungen angepasst. Nur sehr wenige Fluchten gelangen hier, etwa die einer Frau, die ihren Sohn in ihrem Koffer versteckt hatte – dass er in Ost-Berlin blieb, war eigentlich die Bedingung für die Reisegenehmigung der Mutter gewesen.

Location für Konzerte und Feiern

Der Kontrast zwischen lichter Architektur und der Schleusenfunktion zwischen Unfreiheit und Freiheit blieb bis 1989 unverändert. Zu dieser Zeit hatte der Bau bei durchgängigem Betrieb schon lange Rost angesetzt – genau wie der Staat, der ihn errichtet hatte.

Als die Kontrollstelle ihre Funktion verloren hatte, rettete ein Kulturveranstalter den Bau. Anderthalb Jahrzehnte lang diente der Tränenpalast, der seinen Spitznamen nun auch offiziell trug, als angesagte „Location“ für Konzerte, Feiern und manchmal auch politische Diskussionen. Im Vorraum gab es schon damals eine kleine Ausstellung zur deutschen Teilung. Im Juli 2006 endete diese Nutzung; zu den letzten öffentlichen Diskussionen gehörte eine Veranstaltung zum 60 Jahrestag der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SPD im April 1946.

Jetzt, mehr als fünf Jahre später, wird der Tränenpalast wieder eröffnet. Seine rund 400 Quadratmeter sind zum Museum der deutschen Teilung umgestaltet worden. Zu sehen sind unter anderem originale, 1990 gerettete Kontrollkabinen und ein Modell des Grenzbahnhofs Friedrichstraße. Als Ausstellungsbau eignet sich Horst Lüderitz’ Entwurf auch wesentlich besser denn als Tor zur Freiheit.

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