Deutsches Theater

Für Ulrich Khuon ist Berlin keine Heimat

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Stefan Kirschner und Matthias Wulff

Foto: Sven Lambert

Vor einem Jahr startete Ulrich Khuon am Deutschen Theater in seine erste Berliner Spielzeit. Mit Morgenpost Online zieht der 60-Jährige Bilanz und sprach über seinen Heimatbegriff, Größenwahn und natürlich Theater.

Ulrich Khuon (60) startet in seine dritte Saison als Intendant des Deutschen Theaters (DT). Die Saison wird am Freitag mit Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Jelineks „Winterreise“ eröffnet. Stefan Kirschner und Matthias Wulff sprachen mit Khuon, der nicht selbst inszeniert, über Berliner Größenwahn, Komik auf der Bühne und Politiker im Theater.

Morgenpost Online: Herr Khuon, Ihr Kollege bei Hertha BSC hat die Berliner als größenwahnsinnig charakterisiert. Teilen Sie die Einschätzung des Trainers Markus Babbel?

Ulrich Khuon: Jeder, der eine Zeit lang in der Stadt lebt, neigt dazu, sich mit der Stadt zu identifizieren, aber auch die Stadt mit sich. Und es liegt ja auch nahe, dass der, der sich in einer Metropole wie Berlin, die sich ständig weiter entwickelt und die eine der wichtigen Großstädte Europas ist, aufhält denkt, er sei Berlin. Das kann man dann Selbstbewusstsein nennen. Oder Größenwahn.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich in Berlin Zuhause?

Khuon: Das wäre zu viel gesagt. Ich lebe jetzt zwei Jahre hier, immer noch in einem Prozess.

Morgenpost Online: Wo fühlen Sie sich denn Zuhause?

Khuon: Och, eigentlich nirgendwo anders. Ich fühle mich sehr wohl hier. Aber Zuhause – so weit bin ich noch nicht.

Morgenpost Online: In der letzten Spielzeit gab es weder eine Einladung zum Theatertreffen noch einen Erfolg bei der Kritikerumfrage in „Theater heute“ – die beiden wichtigen Branchenauszeichnungen. Frustriert Sie das?

Khuon: Das nicht, aber auf jeden Fall ist es schade. Wenn man da zu wenig wahrgenommen wird, muss man sich selbstkritisch damit auseinandersetzen.

Morgenpost Online: Das war anders, als Sie noch Intendant des Hamburger Thalia Theaters waren?

Khuon: Das verschwimmt in der Erinnerung. Es war eigentlich derselbe Rhythmus. Wir waren im ersten Jahr in Hamburg mit „Liliom“ beim Theatertreffen, hier am DT in der ersten Spielzeit mit „Diebe“. Im zweiten Jahr waren wir in Hamburg und auch hier nicht eingeladen und gingen auch bei der Kritikerumfrage leer aus. Allerdings war das dritte Jahre am Thalia sehr erfolgreich...

Morgenpost Online: …dann können wir uns ja auf eine tolle neue Spielzeit am DT freuen?

Khuon: Wir arbeiten mit aller Energie an jeder Inszenierung. Gelingen hat aber auch mit Glück zu tun.

Morgenpost Online: Sie starten mit zwei Uraufführungen und vier Gegenwartsautoren. Worum geht es?

Khuon: Um die Freiheit des Einzelnen, um die Frage, wo entsteht Verantwortung, wo bleibt in diesem Freiheitszusammenhang das Gefühl für den anderen. Der Impuls, auch etwas für die Gesellschaft tun zu sollen. Im Stück „Capitalista, Baby!“ geht es im Gegensatz dazu um die Perfektionierung der Ich-Stärke.

Morgenpost Online: Die amerikanische Autorin Ayn Rand gilt als ultraliberal?

Khuon: Sie sagt, wir müssen den Staat so klein kriegen, dass wir ihn in der Badewanne ertränken können. Der Staat soll sich aus allem heraushalten – das ist das Gegenbild zum sozialdemokratischen Ansatz. Das ist bizarr, aber als Stück interessant. Auf der anderen Seite haben wir Elfriede Jelinek, die in der „Winterreise“ einen Verletzungszustand des Individuums beschreibt. Eine hyperempfindliche Wahrnehmung gesellschaftlicher Verletzungen. In Dea Lohers „Unschuld“ haben die Figuren das Gefühl, dass sie eine Schuld auf sich geladen haben, allein weil sie da sind.

Morgenpost Online: Erinnert an Ibsen.

Khuon: Sie geht da noch weiter. Das Stück beginnt damit, dass zwei Migranten sehen, wie eine Frau ins Wasser geht. Sie helfen nicht, weil sie Angst haben, dass sie dann entdeckt werden. So ist gleich ein moralischer Zwiespalt da.

Morgenpost Online: Eigentlich ist doch Andreas Kriegenburg der Regisseur für Loher-Stücke, aber der macht jetzt die „Winterreise“?

Khuon: Kriegenburg mochte das Stück gleich – damit eröffnen wir unsere Saison. Die Beziehung Kriegenburg/Loher hat manchmal verhindert, dass andere wichtige Regisseure Stücke dieser Autorin inszeniert haben, weil es schon eine Art Musterinszenierung gab.

Morgenpost Online: Bei den diesjährigen Autorentheatertagen haben alle auf die ultimative Komödie gewartet, aber dann gab es in der Langen Nacht nichts zu lachen.

Khuon: Es war ein bisschen schade, dass der Fokus der Kritik so sehr auf der Langen Nacht mit den vier szenischen Uraufführungen lag. Aber eine Erkenntnis war auch, dass sich Komik und Länge nicht vertragen.

Morgenpost Online: Gibt es keine guten Komödienschreiber in Deutschland?

Khuon: Philipp Löhle, Rebekka Kricheldorf, Roland Schimmelpfennig – da gibt es schon großartige Begabungen. Das Bild der Komödie hat sich verändert, es erzählt sich heute anders als zu Feydeaus Zeiten. Die Grotesken sind eigentlich auch Kommunikationsgrotesken, René Pollesch ist ein solcher Komödienautor.

Morgenpost Online: Werden Sie am Alleinjuror bei den Autorentheatertagen festhalten?

Khuon: Ich finde das Prinzip gut, auch weil es tollkühn und entschieden ist. Aber die Gastspiele, die beim Festival gezeigt werden, suchen wir schon selber aus.

Morgenpost Online: Seit fünf Jahren kümmert sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit auch um Kultur. Hat sich das bewährt?

Khuon: Ich finde es gut, wenn der Regierungschef Kultur zu seiner Sache erklärt. Das ist ein Signal, dass dieser Bereich sehr wichtig ist. Und dann kommt es darauf an, wie er der Aufgabe nachgehen kann.

Morgenpost Online: Kommt Klaus Wowereit denn oft ins Deutsche Theater?

Khuon: Gelegentlich. Klaus Wowereit ist ja nicht allein. Er und sein Kulturstaatssekretär André Schmitz bilden ein gutes Tandem. Und ich empfinde es als sehr ermunternd für die Kulturszene, dass es das Interesse der Stadtspitze an Kultur gibt. In anderen Städten habe ich auch schon das Nicht-Interesse erlebt.