Mit der titelgebenden Figur aus „Der Geizige“ hat der große Molière uns die Karikatur eines frühkapitalistischen Charakters gezeichnet. Das Laster der Geldgier verblendet Harpagon, der aus Angst vor Dieben eine Kassette mit Bargeld im Garten seines Hauses vergräbt und Panikattacken bei dem Gedanken bekommt, dass er zu laut über das Versteck nachgedacht haben könnte.

Der Dichter und Musiker Peter Licht hat sich von dem gut 300 Jahre alten Stück inspirieren lassen. In seiner Neufassung „nach Molière“, abgeschmeckt mit einem Schuss Samuel Beckett und einer Prise Comicsprache, bringt er neben Konsum- und zarter Kapitalismuskritik noch einen Generationskonflikt unter. Regisseur Jan Bosse hat das Ganze mit feiner Ironie und einem Klecks Singspiel à la Mozart abgeschmeckt und mit einem glänzend aufgelegten Ensemble am Maxim Gorki Theater serviert.

Das Geld liegt im Speicher

Im Hause Harpagon geht es recht modern zu, auch wenn die Kostüme das Gegenteil behaupten: Kathrin Plath hat die Figuren mit Rüschenhemden, Stiefelchen, Schnallenschuhen, Strümpfen, weiten Kleidern und opulenten Perücken ausgestattet, die richtig schön stauben dürfen. Sohnmann Cléanthe, dessen Namen in der Peter-Licht-Fassung kosenamenmäßig wie bei allen anderen jungen Menschen im Stück auf „i“ endet, hat lässig-pubertär die Füße samt Schuhwerk auf den Esstisch platziert. Und ätzt los. Über diesen nervigen Alten, der sein Vater ist. Ein „Unsympi“, der partout keine Kohle rausrücken will. Nix Zirkulation, nur Verstopfung. Alles liegt „im Speicher“. Und dann erst der Ausblick: „Zehn Jahre Pflegipflegi, Alzheiteitei, Demenzoflitz. Macht 480Tausend, so viel verdien ich im ganzen Leben nicht!“ Durchaus ein Dilemma der künftig erbenden Generation. Erst kann sie nicht rebellieren, weil die Eltern tolerant sind und denselben Geschmack haben, und dann wird nicht mal etwas hinterlassen.

Robert Kuchenbuch spielt den nassforsch fordernden Sohn, der in der direkten Auseinandersetzung mit seinem Vater immer kleinlauter wird, und lässt auch eine verletzliche Seite durchschimmern. Die Rolle des alten Geizkragens Harpagon ist Peter Kurth auf den Leib geschrieben. Die Beschimpfungen seiner Brut perlen an ihm ab wie Wassertropfen in der Teflonpfanne. Er sitzt auf dem Stuhl am Kopf der Tafel, verfolgt nur mit den Augen die Sprechenden. Wie eine Spinne im Netz.

Bühnenbildner Stéphan Laimé hat einen verspiegelten, sich verjüngenden Raum geschaffen. Ein echter Hingucker! Im Zentrum des Bühnenkastens steht ein dreieckiger Tisch, der auch als Auftrittsfläche dient. Denn jeder aus dem Kreis der Familie bekommt im Verlauf des pausenlosen, zweistündigen Abends mindestens eine Solonummer spendiert: Johann Jürgens, der als Valère/Vali so schön ungläubig mit den Augen rollen kann, tritt in einen Dialog mit dem „Gott der Hose“, der ihm empfiehlt, die neuen Beinkleider nur beim Tragen unter der Dusche zu reinigen, weil sonst Ausbleichung droht. Hilke Altefrohne (Elise/Eli) gibt eine Gesangs- und Tanzeinlage. Sabine Waibel, mit froschgrünem Kostüm und Bärtchen in der Doppelrolle als „Onkeltante“, lässt sich kabarettreif über ihre Zipperlein aus. Matti Krause (La Fleche/Flechi) wird von Papa Harpagon mit den Beinen in den Schwitzkasten genommen und Jonas Landerschier bleibt als „Maitre de la Musique“, seiner Orgel treu und sorgt für die musikalische Untermalung.

Ein Abend mit vielen komischen Momenten

Und Marianne? Die wird – wie bei Molière – sowohl von Papa Harpagon als auch vom Sohn begehrt, aber bei Peter Licht kommt sie nicht – wie Godot. Die stete Nachfrage der anderen sorgt für einen hübschen Running Gag. Ebenso wie die regelmäßig gestellte Frage, wer beim Tischdecken hilft? Standardantwort: „Ich bin nicht dran!“

Bosse hat die zeitgemäße Molière-Bearbeitung von Peter Licht mit leichter Hand inszeniert. Ein Abend mit vielen komischen Momenten, der vor Kalauern ebenso wenig zurückschreckt wie vor sich auftürmenden Assoziationsketten. Und die Wahrheit? Die kommt, das lernen wir bei der Reflexion über Mülltrennung, „in die Wahrheitstonne“.

"Der Geizige" am Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Berlin-Mitte. Tel.: (030) 20221115. Termine: 26. Februar.; 10. und 18. März., 19.30 Uhr.