Berliner Spaziergang

Katharina Thalbach ist die Zauberin vom Wannsee

Katharina Thalbach inszeniert den Opern-Klassiker die "Zauberflöte" für die Seefestspiele am Wannsee. Morgenpost Online traf die Schauspielerin und Regisseurin wenige Tage vor der Premiere zu einem Spaziergang.

Foto: M. Lengemann / Martin Lengemann

Irgendwann während des Spaziergangs sieht Katharina Thalbach von hinten sehr unheimlich aus. Sie steht im strömenden Regen am Fischtalteich in Zehlendorf, den schwarzen Schirm hat sie nach hinten gekippt, er verdeckt ihren gesamten Oberkörper, ihre Beine werden von einem schwarzen Mantel verhüllt. Wie ein Zauberer wirkt sie, in eine Zeremonie vertieft. Aber das Gemurmel, das durch die prasselnden Regentropfen zu hören ist, passt nicht zu dem unheimlichen Eindruck. Ganz leise sagt sie in Richtung Teich: „Nagnagnagnag. Naaag. Nagnag. Nagnagnag.“

Die Schauspielerin Katharina Thalbach spricht mit Enten, einem geduldigen Publikum. Sie genießt den Moment sichtlich, auch wenn die Tiere nicht antworten. Ihr ist das egal, so wie sie seit 15 Jahren auch keine Theaterkritiken mehr liest. Am kommenden Donnerstag, 11. August 2011, wird sie wieder an einem Ufer stehen. Sie wird sich verbeugen, den Wannsee im Rücken. Wenn alles gut geht, scheint dann der Mond am wolkenlosen Himmel, und rund 5000 Zuschauer applaudieren ihr, der Regisseurin der „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart.

"So, machen wir's!"

Seit Wochen probt sie in der Zehlendorfer Turnhalle an der Onkel-Tom-Straße für diesen Moment und alle die Aufführungen danach. In der Turnhalle ist sie umgeben von einem Pulk Menschen, sie ruft Schauspielern etwas zu, läuft weg, wieder zurück, ruft etwas wie „So machen wir's!“ und kommt schließlich zum Ausgang. Dort steht ein überdimensionaler nackter Fuß, offenbar Teil der Dekoration.

Sie hatte zur Bedingung für den Spaziergang gemacht, dass sie Stachelbeeren bekommt. Doch als sie die beiden Stachelbeeren-Schalen sieht, wirft sie nur einen Blick darauf und sagt mit ihrer bekannten, schnarrenden Thalbach-Stimme: „Wunderbar, danke, kann die bitte jemand in mein Büro bringen?“ Dann will sie los und zwar sofort. Termine warten.

Der Stress ist nicht gespielt. Die Probenzeiten für das Sommerspektakel am Wannsee seien extrem kurz bemessen, insgesamt nur fünf Wochen hat sie Zeit für Mozarts bekannteste Oper. Es ist die zehnte, die sie inszeniert, aber noch nie hat sie etwas dieser Größenordnung stemmen müssen. Sie sagt: „Zum ersten Mal Freilicht und sooo viele Leute.“ Auf die Frage, wie es ihr gehe, winkt sie nur ab und sagt: „Wie es einem so geht, wenn man zwölf Stunden am Tag arbeitet, acht Stunden schläft und sich dann noch vier Stunden Gedanken macht.“ Über die Zauberflöte? „Nein, über alles.“

Schon nach drei Minuten ist also klar, wovon wir sprechen werden, darüber, dass es im Leben der 57 Jahre alten Frau immer einen fließenden Übergang gab zwischen dem Stück oder Film, an dem sie gerade arbeitet, und ihrem Leben an sich. Für Katharina Thalbach waren diese Welten immer miteinander verwoben. „Es ist alles Lebenszeit“, sagt sie über ihre Arbeit mit Schauspielern. Und sie sei geizig mit ihrer Zeit. Deswegen will sie, dass es für alle auch eine angenehme Arbeit sei. Bei ihrem Team aber stimme die Chemie, und sie habe „alle richtig lieb gewonnen“ in den letzten Wochen.

Dabei hatte gerade „Die Zauberflöte“ erhebliche Anfangsschwierigkeiten: Erst darf die Bühne nicht in Potsdam aufgebaut werden, dann wird sie auf den Wannsee verlegt, anschließend verbieten die Behörden aus Sicherheitsgründen auch dort eine Bühne auf dem See. In letzter Minute einigen sich die Produzenten, die Aufführung ans Ufer zu verlegen. Katharina Thalbach lässt dieser Trubel eher kalt. Sie konzentriert sich auf die künstlerische Umsetzung, auch weil sie sich „diese Aufregung nicht leisten kann“. Gleichzeitig dämpft sie ihre Vorfreude. „Dann ist es nicht so schlimm, wenn ich eins vor den Latz geknallt kriege.“

Die Augen der Mutter

Nach drei Minuten Fußweg erreichen wir einen Park, stehen oben an einem Rodelberg, der ohne Schnee, Kinder und Schlitten etwas Trauriges ausstrahlt. Nicht für Katharina Thalbach: „Ein großartiges Plätzchen“, ruft sie. „Ich wusste gar nicht, dass es hier so etwas gibt!“ In der Ferne rennt ein Hund über das regennasse Gras und streckt bei jedem Sprung die Beine weit von sich. „Ja, lauuuuf!“, ruft sie und schiebt beim „u“ ihren Unterkiefer nach vorn. „Lauuuuuf!“ Als sie den Berg hinunterläuft, murmelt sie mehr zu sich: „Braver Hund, der hat sicher Spaß…“

Sie läuft langsam, sagt, sie müsse sich noch schonen. Bis vor wenigen Tagen lag sie noch krank im Bett, hatte Rückenprobleme, dazu eine schwere Erkältung. Dank vieler Spritzen, Hühnerbrühe und Dampfbädern war sie innerhalb von zwei Tagen wieder fit. Der Zeitplan sei so eng, und dann hat sie noch während der Proben ein Gastspiel in Tirol, „Der Raub der Sabinerinnen“, wo sie auch die Hauptrolle spielt.

Das klingt stressig, aber sie kennt es nicht anders. Seit sie fünf Jahre alt ist, spielt sie auf Bühnen. Mit 13 Jahren spielte sie eine Hure in der „Dreigroschenoper“ am Berliner Ensemble, auch danach gab es eigentlich kein Jahr, in dem sie nicht in mehreren Stücke auftrat oder zumindest ein Film mit ihr erschien. Angeleitet wurde sie dabei zunächst von Helene Weigel. Die Witwe Bertold Brechts nahm sich der jungen Thalbach an, als deren Mutter starb, und führte sie auch in die Welt des Theaters ein. Mit 19 Jahren bekam sie ihre Tochter Anna, im gleichen Friedrichshainer Krankenhaus, in dem sie selbst geboren worden war. Anna ist inzwischen selbst eine berühmte Schauspielerin und Mutter einer Tochter.

"Rund-um-die-Uhr-Beruf“

Auf dem Weg zum Fischtalteich sagt Katharina Thalbach, dass der Schauspielberuf sich schlecht mit Mutterschaft vereinen lasse. „Das ist ein Rund-um-die-Uhr-Beruf“, sagt sie. „Selbst wenn man nach der Vorstellung nicht noch Stunden in der Kantine sitzt, dauern die meisten Abende bis elf, halb zwölf.“ Zu ihrer Tochter und Enkeltochter hat sie trotzdem engen Kontakt, beide haben die Augen von Katharina Thalbach, aber nicht: ihre Stimme.

Dieses Kratzige, Rauchige, leicht Gequetschte aus ihrem Mund hat wenig mit Abenden bei Rotwein und Zigaretten zu tun. Der Beweis dafür findet sich in jeder gut sortierten Videothek. Dort steht noch der DEFA-Film „Die Leiden des jungen Werther“ aus dem Jahr 1976. Wer ihn bestellt, muss damit rechnen, dass der Mann an der Theke noch einmal den Staub von der Videokassette pustet.

Thalbach spielt darin Charlotte, in die sich Werther verliebt. Sie trägt ein blaues Kleid mit Blümchen und wirft ihre großen Bette-Davies-Augen auf ihn, und schon da hat ihre Stimme etwas Dunkles, Kratziges, fast: Männliches. Es ist ein trauriger Film, der, wie in Goethes Vorlage, mit Werthers Selbstmord endet. Er markiert auch für Katharina Thalbach ein Ende: Im Dezember des Jahres 1976 verlässt sie die DDR. Sie und ihr Mann protestieren wie viele Künstler im Osten damit gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung. Für Katharina Thalbach bedeutet die Ausreise sieben Jahre Kontaktsperre zu ihrer Großmutter.

Erste Männerrolle

Am Fischteich angekommen, sagt sie, dass sie noch immer merke, ob jemand eine DDR-Vergangenheit habe. „Wenn er das Wort Sowjetunion sagt, ist das auf jeden Fall ein Ostler.“ Diese Zeit in Ost-Berlin gehöre zu ihrer Geschichte, aber sie möchte das nicht zu dramatisch verstanden wissen. „Mir ist ja im Grunde nichts Schlimmes passiert, ich bin ja mit 22 Jahren heil rausgekommen.“ Sicher, sie sei überwacht worden, auch wegen Thomas Brasch, ein preußischer Jude, der sich immer wieder regierungskritisch äußerte. Brasch saß mehrere Monate im Stasigefängnis, worüber er mit niemandem sprach, auch mit ihr nur sehr selten. Den Mauerfall haben beide als Zuschauer erlebt. „Wir hatten uns ja inzwischen eingerichtet im Westen.“

Eingerichtet klingt zwar gemütlich, bedeutet aber für Katharina Thalbach, dass sie wieder ihre Lebenszeit mit Arbeiten verbringen kann. Sie hat die Stadt nie verlassen, damals nur die Seite gewechselt und sieht heute vom Savignyplatz aus die ganze Stadt als ihre Heimat an. Schon im dritten Jahr in der Bundesrepublik dreht Katharina Thalbach „Die Blechtrommel“, darin lässt sie sich Brausepulver aus dem Bauchnabel lecken. Ein Jahr später erscheint ihr wohl wichtigster Berliner Film, gedreht von ihrem Mann Thomas Brasch: „Engel aus Eisen“. Er spielt zur Zeit der Luftbrücke. Es gibt kaum eine Szene, in der nicht ein Flugzeug am Himmel über Berlin brummt. Es ist auch: Katharina Thalbachs erste eigentliche Männerrolle. Sie gehört einer Gruppe Krimineller an – und muss sich am Ende sogar mit einem Gangster um eine Menge Geld prügeln, das schließlich im Teich versinkt.

Am Fischteich in Zehlendorf, bei den Enten und Seerosen, sagt sie, dass ihr Bösewicht-Rollen immer gefallen haben. „Dunkle Energien ziehen mich magisch an.“ Das Böse sei doch immer interessanter. In Schneewittchen wäre sie die böse Königin, sagt sie, und ergänzt nach einer Weile: „Oder einer von den Zwergen.“ Denn auch das wurde ihre Spezialität in den vergangenen Jahren: Männerrollen. Ob als Joachim mit angeklebtem Zwirbelbart in „Zwei auf einer Bank“, als sächsischer Theaterdirektor in „Raub der Sabinerinnen“ oder als Harald-Juhnke-Vertretung im „Hauptmann von Köpenick“.

Das Böse in ihr

Männlich und Böse gleichzeitig? Hitler jedenfalls möchte sie nicht spielen. „Besser als Charlie Chaplin bekomme ich das nicht hin.“ In einem Harry-Potter-Theaterstück aber wäre sie wohl der böse Lord Voldemort. Sie weiß auch, dass man seinen Namen eigentlich nicht aussprechen darf, sondern ihn nur mit „Er, dessen Name nicht genannt werden darf“ umschreiben darf. Oder kurz: „Der dunkle Lord“. Sie aber sagt: „Ich darf Voldemort sagen. Ich bin's ja selber.“

Ihre wohl düsterste Rolle bisher war die der „Denunziantin“, ein Film aus dem Jahr 1993. Katharina Thalbach spielt Helene Schwaerzel, eine Frau, die einen Hitler-Attentäter wiedererkennt und an die Nazis ausliefert. Sie bekommt dafür eine Million Reichsmark und muss nach Kriegsende vor Gericht. Es gibt im Film diesen Moment, in dem sie zu sich selbst sagt: „Vielleicht ist das Böse in mir einfach stärker als das Gute.“ Es ist ein trauriger Satz, einer, der nachklingt.

Die Schauspielerin Katharina Thalbach steht 19 Jahre später im Regen und ruft: „Die Entchen, mein Gott, wie süß!“ Dann beginnt sie ihren „Nagnagnag“-Dialog mit den Tieren. Vielleicht ist ihr bewusst, dass sie von hinten aussieht wie der dunkle Lord. Auf jeden Fall weiß sie, dass dieses Herumlaufen im Park plötzlich zu einer filmreifen Szene geworden ist: der Regen, der See, ihr wallender Mantel, die Enten und gegenüber auf dem Hügel ein dunkles Haus.

Grenze zwischen Leben und Bühne

Dieses Haus ist das Ziel des Spaziergangs und die Frage auf dem Weg dorthin, ob sie schon einmal das Meer angeschrien habe, kommt für sie in diesem Augenblick auch nicht überraschend. Das passt alles zur ihrer Szene. Sie sagt nicht „Ja“ oder „Nein“, sondern: „Tüüüüürlich, das macht doch jeder!“

Wieder ist nicht ganz deutlich, wann bei ihr die Rolle einsetzt, und wann sie einfach sie selbst ist. Vielleicht ist das nach 52 Bühnenjahren auch nicht wichtig. Sie legt den Schirm neben sich, zündet eine Zigarette an und erzählt ein Erlebnis, das ihr gezeigt habe, wie gefährlich ihr Beruf ist, wie dünn die Grenze zwischen Leben und Bühne. Ihre Stimme berlinert dabei wie in „Du bist nicht allein“, in dem sie eine arbeitslose Marzahnerin spielt. Am Ende ihrer Geschichte steht der Satz: „Ich lebe noch.“ Wieder so ein Satz, der nachklingt.

Es passiert im Jahr 1987 bei ihrer erste Regiearbeit in der Werkstatt im Schiller Theater: „Macbeth“ von William Shakespeare. Katharina Thalbach spielt die schwangere Lady Macduff. „Ich habe mir also einen dicken Korkbauch umgehängt, in den dann ein Schauspieler, dessen Namen ich jetzt nicht nenne, mit einem Dolch hineinstechen soll.“ Bei der Generalprobe sei er besonders in Rage gewesen und habe sehr fest zugestochen. Mehrfach in den Bauch von Macduff und Katharina Thalbach. Sie sagt: „Nachdem ich tot bin, nehme ich hinter der Bühne den Korkbauch ab und merke, dass da eine Menge Blut aus mir herauskommt.“ Erst nach dem Ende der Probe sei sie zum Notarzt gefahren und habe noch heute eine Narbe in der Nähe des Bauchnabels. Sie habe später immer ein Kettenhemd darunter angezogen. „Aber: Ich lebe noch.“