Buchautorin

Katja Kullmann, Eichborn und das Pech der Kreativen

Der Verlag von Bestsellerautorin Katja Kullmann ist insolvent. Das passt zu ihrer Lebensgeschichte, die von Erfolg bis Hartz IV reicht. Ihr neues Buch "Echtleben" dreht sich passenderweise um Unabhängigkeit und Flexibilität.

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Katja Kullmann hat einige wechselreiche Jahre hinter sich. 2002 schrieb sie den Bestseller „Generation Ally“, arbeitete als freie Journalistin, doch als 2008 zwei Aufträge platzen, wurde sie auf einmal Hartz-IV-Empfängerin in Berlin. Dieser Tage ist ihr neues Buch erschienen „Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“. Sie schreibt über die Generation der 30- bis 45-Jährigen, die sich erst nach Unabhängigkeit und flexiblen Arbeitsverhältnissen sehnte und nun merkt, dass ihnen jede Sicherheit flöten gegangen ist. Und wie zum Beweis ihrer Thesen, meldete ihr Verlag – der Eichborn Verlag – vergangenen Donnerstag Insolvenz an. Über Treppenwitze der Geschichte sprach sie mit Matthias Wulff.

Morgenpost Online: Was haben Sie gedacht, als Sie hörten, dass der Eichborn Verlag, bei dem Sie gerade ein Buch herausgebracht haben, in die Insolvenz geht?

Katja Kullmann: Schade, habe ich gedacht, dass es nicht ein halbes Jahr später passiert ist. Dann hätte ich noch ein interessantes Schlusskapitel gehabt.

Morgenpost Online: Aber vielleicht ja keinen Verlag mehr.

Katja Kullmann: Dann hätte ich mir einen anderen Verlag gesucht. In der Tat, ich habe gedacht: Die Verlagspleite ist jetzt noch das Sahnehäubchen in meiner Geschichte. Dieses extreme Auf und Ab zieht sich durch mein kleines Leben, und das gleiche passiert bei vielen anderen Menschen auch. Vorher war ich bei der Verlagsgruppe Ganske, die mit einem Schlag alle Redakteure und Grafiker entlassen hat. Davor habe ich den Personalabbau bei Gruner + Jahr miterlebt. Es ist für mich die vierte Rationalisierungsmaßnahme oder Pleite.

Morgenpost Online: Bekommen Sie jetzt Ihr Autorenhonorar?

Katja Kullmann: In dem Buch stecken eineinviertel Jahre Arbeit drin. Ich habe neun Monate lang keinen anderen Job gemacht und es in der Erwartung geschrieben, dass ich bei Erscheinen die Summe x bekomme…

Morgenpost Online: …oh Gott…

Katja Kullmann: …genau, ich habe das Geld beim Erscheinen Anfang des Monates nicht bekommen, weil es da für den Verlag schon sehr eng war. Nach einigen Verhandlungen habe ich dann als eine Art Ratenzahlung 40 Prozent der vereinbarten Summe bekommen. Die anderen 60 Prozent, mit der ich den Rest des Jahres finanzieren wollte, werden erst einmal nicht kommen.

Morgenpost Online: Mit wem sprechen Sie nun?

Katja Kullmann: Also, mein Anwalt und ich müssen mit dem Insolvenzverwalter über die Konkursmasse verhandeln. Wenn ich Glück habe, kommt doch noch ein Teil der 60 Prozent auf mein Konto, wenn ich Pech habe, bekomme ich gar nichts und wenn ein Wunder geschieht, kauft Hollywood den Verlag, macht aus meinem Buch einen Film und ich werde richtig reich.

Morgenpost Online: Bei dem Lauf, den Sie gerade haben, glaube ich das kaum. Kann man aus den Niederschlägen irgendetwas lernen?

Katja Kullmann: Man kann ein Muster erkennen. Es trifft immer das einfache Bodenpersonal. Die Leute, die Dinge herstellen wie Texte oder Fotos, die die Produkte erbasteln, bekommen zum hundertsten Mal eins auf die Nuss, weil irgendwelche älteren Herren, die man nie zu Gesicht bekommt, den Hals nicht voll bekommen.

Morgenpost Online: Die Stellenstreichungsaktion bei Ganske war einmalig, auch eine Insolvenz bei einem Verlag kommt selten vor. Haben Sie nicht einfach Pech gehabt?

Katja Kullmann: Natürlich ist meine Geschichte schillernd, weil sie sich von sehr hoch zu sehr tief spannt, vom Bestsellerautor bis zum Hartz-IV-Empfänger, aber ich bin sicher kein Einzelschicksal. Was mir passiert ist, beleuchtet grell die dunkle Seite der sogenannten Kreativwirtschaft. Kreativ sind dabei weniger die Jobs als die Beschäftigungsverhältnisse: Auflösung fester Arbeitsplätze, Aufkündigung der Sozialpartnerschaft, die Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der Arbeitgeber.

Morgenpost Online: Aber es gab doch die Schriften der „digitalen Bohème“, die stolz auf ihre Unabhängigkeit und ihr selbstbestimmtes Leben war. Ist dieses Modell gescheitert?

Katja Kullmann: Danach sieht es aus. Wobei ich den Idealismus von einst auch verteidigen möchte: Als ich erwachsen wurde, wollte ich gegen fest verkrustete Strukturen antreten, und Karrieren sollten nicht durch Geld der Eltern, Geschlecht und Geburtsname bestimmt werden. Unser Ideal war das der Selbstverwirklichung, obwohl ich das Wort heute nur noch mit Zynismus aussprechen kann. Alle, die heute nur halbwegs erfolgreich dabei sind, singen dieses Lied von Unabhängigkeit und Kreativität weiter, aber das ist nur eine Form der Selbstvergewisserung. In Wahrheit geht es um Ausbeutung und Selbstausbeutung. Natürlich könnte ich auch für die Wirtschaft schreiben, wie das die Verfechter der digitalen Bohème mittlerweile machen. Ich mache das nicht, für mich wäre das ein Verrat an meinen Idealen.

Morgenpost Online: Warum halten sich Hierarchien und autoritätsfixiertes Verhalten? Ist das eine Menschheitskonstante?

Katja Kullmann: Ich fürchte es. Es hat sich doch wenig geändert, außer dass man seinen Vorgesetzten duzen und in casual wear ins Büro kommen darf. Ich beobachte auch, dass es zunehmende Feindschaft zwischen Freien und Festangestellten gibt…

Morgenpost Online: …wobei Festangestellte für schlechten Sex stehen, wie in Ihrem Buch zu lesen war, ist ein erschütternder Befund…

Katja Kullmann: …ja, das ist die Polemik einer Kollegin gegen die von ihr als „langweilig“ erachteten Festangestellten. Aber es gibt natürlich einen Hass gegen die Festangestellten, wenn die ihnen wieder einmal erklären, dafür gibt es jetzt zehn Prozent weniger oder der Artikel wird erst später entlohnt.

Morgenpost Online: Sie schreiben: „Was ich mir mit vielen Gleichaltrigen teile, ist ein egozentrischer Eigensinn.“ Was ist damit gemeint?

Katja Kullmann: Das ist doppeldeutig gemeint. Es unterstreicht das Trotzige, dass man anders sein wollte, eben nicht so wie die Eltern in bürgerlicher Behaglichkeit leben. Und Eigensinn hat auch mit Selbsterschaffung zu tun. Es geht eben nicht nur um die Produktion von Waren, sondern auch um sich selbst. Eigensinn ist ein Versprechen von Freiheit, einer spielerischen Variante des Lebens. Im Rückblick war es wohl naiv, dem Freiheitsversprechen der Republik zu glauben.

Morgenpost Online: Mitte 20 hat man, auch gedanklich, viel mehr Optionen als heute, kurz nach ihrem 40. Geburtstag. Das Spielerische hat Ihnen doch nicht die Republik genommen, sondern das Alter.

Katja Kullmann: Natürlich ist das so, deshalb schreibe ich im Buch über die „neuen Erwachsenen“, die Kohorte der 30 bis 45-jährigen, und ziehe eine Zwischenbilanz: Wo wollten wir hin und was ist geblieben? Was herauskommt, ist ein gebrochenes Glückversprechen. Vielleicht hilft es ja einfach diese Erfahrung zu erzählen und der jüngeren Generation weiterzugeben. Vielleicht ist die ja schlauer.

Morgenpost Online: Sie schreiben: „Ich war zu langsam für Berlin gewesen. Nun trollte ich mich und zog zurück nach Deutschland.“ Das ist doch reine Ironie.

Katja Kullmann: Gar nicht. Berlin ist das Labor Deutschlands. Alle westdeutsche, mittelständische Fantasien der letzten 20 Jahre finden sich hier: Selbstverwirklichen, sein eigener Herr sein, frei sein. Jeder, der diese Flausen im Kopf hat, kommt nach Berlin.

Morgenpost Online: Wenn wir jetzt durch den Prenzlauer Berg laufen würden, dann kämen wir nicht auf die Idee: So sieht ein geplatzter Traum aus.

Katja Kullmann: Bei mir sah es auch toll aus, als ich in Berlin war. Und ich sah auch einigermaßen schick und schlank aus, was denken Sie denn? Mir hat einfach keiner angemerkt, wie schlecht es mir ging.

Katja Kullmann liest aus „Echtleben“ am 22. Juni 2011 im HBC, Karl-Liebknecht-Straße 9 um 20 Uhr