Film

Hau zu! Kung-Fu! So kämpft Jet Li für China

Schon als Kind wurde der Schaupieler Jet Li gedrillt. Jetzt ist er Chinas größter Kino-Star und spielt im Blockbuster "Die Mumie 3" einen Schurken. Morgenpost Online hat Jet Li getroffen und sprach mit ihm über seine entbehrungsreiche Jugend. Auch US-Präsident Richard Nixon hat er mal schwer beeindruckt.

Qin Shihuangdi zu verkörpern, ist für einen chinesischen Schauspieler hohe Verpflichtung. Qin Shihuangdi vereinigte 200 Jahre vor Christus das Reich der Mitte und genießt in seiner geschichtsbewussten Heimat das Ansehen eines Washington oder Bismarck. Westlich geschulte Augen erblicken allerdings eher ein Tyrann Stalinschen Formats, der Zehntausende Sklavenarbeiter beim Bau der Chinesischen Mauer zu Grunde gehen ließ, Hunderttausende potenzielle Gegner zwangsumsiedelte und mit Erlässen wie diesem das Spitzeltum verallgegenwärtigte: „Wer einen Schuldigen nicht denunziert, wird in zwei Teile gehackt.“

Nun hat sich Hollywood Qin Shihuangdis angenommen, die Bilderfabrik, die zum Ärger aller professionellen Historiker das Bild der Geschichte viel stärker prägt als sie selbst. Das US-Kino hat sich meist, seinem Drang nach Helden und Schurken gehorchend, einen feuchten Kehricht um historische Akkuratesse gekümmert und ist schon diversen Nationen auf die Zehen getreten, nicht zuletzt 50 Jahre der deutschen.

Jet Li war schon immer ein Musterknabe

Die Chinesen bekommen in „Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers“ ein wahres Ekel geboten, das nicht nur die Große Mauer auf den Gebeinen seiner Untertanen errichtet, sondern auch den Geliebten seiner Braut vierteilen lässt, obwohl er ihr versprochen hatte, ihn zu verschonen. Und dieses Monstrum, gegen das Richard III. wie ein Major der Heilsarmee erscheint, wird von dem größten Star dargestellt, den das chinesische Kino zu bieten hat: von Jet Li.

Man kann darin ein positives Zeichen sehen wie Li, der darauf setzt, dass seine Landsleute inzwischen zwischen Historie und Kinofiktion zu unterscheiden wissen. Aber es passt nicht ganz in das Bild des „Staatskünstlers“. Jet Li war schon der Musterknabe des neuen China, als das noch in den Krallen der Kulturrevolution steckte. Nicht, dass ihm das bewusst gewesen wäre. Mit acht wurde er in eine wu shu-Schule aufgenommen; das ist eine Kampfkunstform, die in zahllosen Kung Fu-Filmen verewigt wurde, und deren Name ironischerweise „Stoppt den Kampf!“ bedeutet.


Das Internat funktionierte streng militärisch. Weckglocke um 6 Uhr, binnen 90 Sekunden Anziehen, Sprint auf den Paradeplatz und Strammstehen; dann eine Stunde Übungen. Zähneputzen, Waschen, Frühstück, von 8.30 bis 12 erneut Training. Nach dem Mittagessen – theoretisch – eine Ruhephase, doch oft genug ertönte der Ruf „Touristengruppe!“, und die Schüler mussten vorführen. Nach dem Abendmahl ab 19.30 Uhr erneut Übungen, bis mindestens 22 Uhr. Und das jeden Wochentagabend – ausgenommen Freitag, wenn dem Stadtbezirk regelmäßig die Elektrizität abgedreht wurde, um Strom zu sparen.

"Ich will Bananen!" rief er in eine Blumenvase

Der elfjährige Li Lian Jie – Jet Lis richtiger Name – lernte so gut, dass man ihm eine vaterländische Ehre anvertraute: China mit 43 anderen Eleven auf einer Amerika-Tour zu repräsentieren. Zum Kampfesdrill gesellten sich Übungen mit Messer und Gabel („Das Messer darf nie den Teller berühren!“) und Lektionen in Ideologie („Alle Amerikaner sind Klassenfeinde!“).

Dazu kamen Warnungen vor geheimer Überwachung durch FBI-Wanzen. In seinem New-Yorker Hotelzimmer machte sich der kleine Li einmal darüber lustig; „Ich will Schokolade!“ rief er dem aufgelegten Telefon zu, der Spiegel bekam „Ich will ein Eis!“ zu hören und eine Blumenvase „Ich will Bananen!“


Als Höhepunkt stand Knirps Li im Rosengarten des Weißen Hauses und führte dem US-Präsidenten Chinas Wehrhaftigkeit vor. Richard Nixon gab sich onkelhaft beeindruckt: „Möchtest du nicht mein Leibwächter werden, wenn du groß bist?“ Der Elfjährige blieb patriotisch: „Ich will nicht einen Einzelnen beschützen. Wenn ich groß bin, verteidige ich eine Milliarde chinesische Mitbürger!“ Solch eine Antwort war nicht geprobt worden. Beide Seiten erstarrten in Schweigen – das erst von Henry Kissinger gelöst wurde: „Meine Güte, ein so kleiner Junge, und er redet schon wie ein Diplomat!“

Sechs Mal wu-shu-Landesmeister

An weltpolitische Prominenz sollte sich der „kleine Junge“ gewöhnen. „Das lief immer so: Ich schlafe in der Schule, plötzlich öffnet sich die Tür, und jemand sagt: ‚Auf, auf, zum Flughafen!‘. Ich beeile mich, und dort erblicke ich Deng Xiao Ping oder Tschou En Lai, die einen Staatsgast begrüßen, Präsident Ford oder Präsident Carter. Ich überreiche einen Blumenstrauß und sage ‚Willkommen in China!‘ – und dann geht’s zurück ins Bett.“

Die Laufbahn des strebsamen Zöglings ging ungebrochen weiter: Sechsmal wu shu-Landesmeister, Hauptrolle in seinem ersten Film mit 18, erste Regie mit 23. Die Stoffe waren patriotisch. Das Regiedebüt „Zur Verteidigung geboren“ handelte von einem Soldaten, der seine Stadt gegen US-Marines verteidigt. In seinem weltweiten Durchbruch „Once upon a Time in China“ treiben Amerikaner Frauen eines chinesischen Dorfes in die Prostitution und drängen ihre Kultur auf.

Die Partei sah es wohlwollend – und genehmigte den Absprung nach Hollywood. Jet Li ist nicht so komisch wie Jackie Chan und nicht so charismatisch wie Bruce Lee, aber so gewandt und anmutig und brillant choreografiert wie er kämpft keiner auf der Leinwand.

Er bewundert den Dalai Lama

Li ist – anders als die Kronkoloniechinesen Chan und Lee – ein Festlandgewächs, und er hat allem Anschein nach die Grenzen der Sprachregelung verinnerlicht, welche das offizielle Peking setzt. Ja, mit den Lehren des Falun Gong – Treue, Freundlichkeit, Toleranz – könne er sich identifizieren, aber Toleranz bedeute auch, ohne Zorn zu reagieren, und weshalb dann diese ständigen Demonstrationen gegen die Regierung?

Jawohl, er bewundere den Dalai Lama als religiösen Führer, aber Religion und Politik seien verschiedene Paar Stiefel, und er habe keine politischen Meinungen. Im Übrigen gehe es in Tibet um „die Regelung einer internen Situation durch das verwaltende Land“. Wenn das keine politische Meinung ist.

Den August wird Jet Li in Peking verbringen, einmal mehr mit Martial Arts-Vorführungen für die staunende Welt. Das ist ein Dienst für den Staat, der ihm diese beispiellose Karriere ermöglicht hat, aber dazuhin ein persönliches Anliegen. Auch der Lehrer, der ihm wu shu vermittelte, hat seine Kunst einmal bei Olympischen Spielen demonstriert – und zwar 1936, in Berlin.

P.S.: Die New Yorker Geschichte muss noch zu Ende erzählt werden. Als der Elfjährige ins Hotelzimmer zurückkam, wartete eine Überraschung: Auf dem Tisch standen Schokolade, Eiskrem und Bananen.