Osterfestspiele

Berliner Philharmoniker sagen Salzburg Adieu

Die Berliner Philharmoniker trennen sich nach 45 Jahren von den Osterfestspielen in Salzburg. Sie wollen stattdessen ab 2013 in Baden-Baden auftreten. Die Entscheidung setzt dem seit Jahren schwelenden Konflikt ein jähes Ende.

Foto: dapd / dapd/DAPD

An diesen Freitag den 13. wird man sich in Salzburg lange erinnern. Die Bombe kam um 22.30 Uhr per E-Mail. In einer nüchternen Pressemitteilung gaben die Berliner Philharmoniker davon Kenntnis, dass die Osterfestspiele 2012 – man gibt „Carmen“ mit Simon Rattle und seiner Frau Magdalena Kozena – die letzten an der Salzach sein werden. Nach 45 Jahren wird also mit pflichtemotionalen Leerformeln Schluss gemacht. Nur per SMS wäre es noch kürzer gewesen. Tschüss, wir hatten eine gute Zeit, aber jetzt bist du in die Jahre gekommen. Klamm bist du auch. Wir haben es noch einmal versucht, aber es geht nicht mehr.

Zudem sitzt eine andere, angeblich solventere Geliebte bereit: das Festspielhaus Baden-Baden. Dessen Intendant Andreas Mölich-Zebhauser wartet sehnsüchtig darauf, sich mit einem kapitalen Orchesterhecht an der Angel im Karpfenteich der Musikfestivals endlich in die A-Liga zu hieven. Die besten Künstler kommen ja schon länger. Weil man in Baden-Baden schnell und bequem Geld macht. Wer im subventionierten Kulturbetrieb großgeworden ist, lässt sich hier von privaten Sponsoren die Nase vergolden.

In die eigene Tasche gewirtschaftet

Diese Sponsoren, bzw. die Stiftung mit der sie sich nobilitieren, hatte Mölich-Zebhauser schon im Herbst 2009 Carte blanche gegeben, als sich die Philharmoniker erstmals auf Brautschau begaben, weil ihnen ihr Salzburger Festspielverhältnis unbequem wurde. Jahrelang hatte man am Erbe Herbert von Karajans gut verdient, denn wenn die Musiker (außerhalb ihrer Berliner Dienstzeit) im Graben Oper spielen, werden sie extra bezahlt. Das ist Vergangenheit. Weder Claudio Abbado noch Rattle ließen, als sie 1994 bzw. 2002 dessen Amt auch dort übernahmen, eine besondere Verbundenheit zu diesem Teil des Karajan-Erbe erkennen; viel zu lange wurden die Osterfestspiele als lästige Pflichtübung betrachtet. Irgendwann war die Beziehung erodiert, für nur zwei Aufführungen wollte man sich diesen Aufwand nicht mehr antun. Zudem schrumpfte die Zahl der Förderer, die Defizite wurden größer, auch weil, was erst Anfang 2010 von den Philharmonikern aufgedeckt wurde, der Geschäftsführer jahrelang in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte.

Man räumte auf, bastelte an einer neuen Organisationsform, Karajans Witwe Eliette gab privates Geld. Mit dem neuen Intendanten Peter Alward, den Musikern wie Rattle als langjähriger künstlerischer Leiter von EMI Classics bestens vertraut, wurde bereits bis 2016 geplant. Alles nur Makulatur, weiß man es jetzt besser, denn hinter den Kulissen hielt Mölich-Zebhauser, man kann ihm daraus als Geschäftsmann keinen Vorwurf machen, sein Baden-Badener Angebot weiter aufrecht. In Salzburg aber bewegte sich – Opernproduktionen brauchen eine lange Vorbereitungszeit – wenig. Gut, Stefan Herheims „Salome“ machte 2011 das Festival nach der jahrelangen Durststrecke mit einem mittelmäßigen, aus Aix-en-Provence nachgespielten „Ring des Nibelungen“ (der wohl der erste Sargnagel war) trotz einer nur durchschnittlichen Sängerriege wieder künstlerisch satisfaktionsfähig. Aber auch die auf 93 Prozent gestiegene Auslastung half den früher notorisch überbuchten Festspielen mit ihren nur acht Prozent Subventionen nicht aus der pekuniären Schieflage. Die Strukturen lassen sich nicht ändern, an eine dritte, gar vierte Opernvorstellung ist kaum zu denken.

Das und noch viel mehr, versprach freilich Baden-Baden. Exklusive Education-Projekte, Konzerte an allen möglichen und unmöglichen Orten. Zudem billigere Produktionsmöglichkeiten, Marketing, Sponsoren alles bietet das Festspielhaus als Rundum-Sorglos-Paket. Und mit deutlich niedrigeren Kartenpreisen will man zudem endlich den Ruch des Reichen-Festivals loswerden, den die reichen Philharmoniker so gar nicht mochten. Wie Andreas Mölich-Zebhauser den wohl gegenüber Salzburgs fünf Millionen Euro noch höheren Etat finanziert, ist sein Geheimnis. So perfekt abschnurrende Werkstätten wie an der Salzach sucht man da allerdings vergebens, große Oper findet an der Oos nur an wenigen Spieltagen statt. Und die Besucher sind so erzogen, das sie nur zu den Big Names kommen.

Die Totenglocken läuten schon

Also fand am Freitagmittag in Berlin eine Orchesterversammlung statt. Acht statt zwei bezahlte Opernvorstellungen hätte man so – dank einem Kooperationsvertrag der Osterfestspiele mit dem Madrider Teatro Real, den man selbstredend zu transferieren gedenkt – im Köcher. Das dürfte wohl den Ausschlag geben haben. Ausstieg mit Vertragsende 2012. Keine Gnadenfrist. Keine Zeit für die Salzburger, denen so der Teppich unter den Füßen weggezogen wurde, sich neu zu sortieren. Der Stiftungsrat, die Salzburger Gremien, die nicht erfreuten Sponsoren wurden hastig informiert, spätnachts folgte die Pressemeldung, in der Mölich-Zebhauser als Hellseher zitiert wird: „Ganz Baden-Baden freut sich auf die Philharmoniker.“

In Salzburg aber schäumt man, der Bürgermeister erwägt eine Klage wegen Vertragsbruch. Eliette von Karajan ist „erstaunt und enttäuscht“. Der düpierte Peter Alward, der bereits diese Woche Bauproben für den 2013 geplanten „Parsifal“ hat, übt sich in Diplomatie und glaubt an eine Fortsetzung der Osterfestspiele mit anderen Orchestern. Manche hören die Totenglocken läuten. Und in Berlin sitzen Medienvorstand Olaf Manninger und Intendant Martin Hoffmann, wissen zwar noch nicht, ob sich alle Abmachungen juristisch umtüten lassen, aber freuen sich über den Coup. Die Berliner Philharmoniker haben ihre bisweilen kaltschnäuzige Attraktivität wieder unter Beweis gestellt. Ähnlich rüde haben sie vor einem Jahr für ihr Silvesterkonzert vom ZDF zur ARD gewechselt. Das gute Recht der Erfolgreichen. Doch von den Kommerzgründen, die eine von Berlin höchstsubventionierten Kunstinstitution auf Abwege verleiten, wird noch zu reden sein.