Sir Simon Rattle

Die Philharmoniker dürfen nicht perfekt spielen

Sir Simon Rattle will keine Perfektion von seinem Orchester - und niemals neben einem Dirigenten aufwachen. Das erzählte der Dirigent der Berliner Philharmoniker im Interview - und sprach auch über Perfektion, das Berliner Publikum und Leben und Arbeit als "halbwegs normaler Mensch".

Das Allerheiligste. Hier, im Dirigentenzimmer, residiert seit jeher der musikalische Leiter der Philharmoniker, Treiber und Getriebener. Die wenigen in der Heinz-Erhardt-Zeit möblierten Quadratmeter beherbergen seit fast 50 Jahren ganz große Gefühle: Genie und Leidenschaft, Ehrgeiz und Verzweiflung, Wut, Glück und bisweilen sicher reichlich Einsamkeit.

Wo einst Karajan und Abbado ihr berufliches Zuhause hatten, herrscht seit 2002 Sir Simon Rattle, geboren in der Beatles-Stadt Liverpool. In bescheidener Lässigkeit hängt er im Dienstsofa, die Einstein-Frisur in geordnetem Durcheinander, in intellektuellem Schwarz vom Rollkragen bis zu den Sneakers, mit Trend-Gespür gewählt. Rattle, 55, nimmt Wasser zum Tee. Gleich ist Probe.

In der Hauptstadt der Respektlosigkeit genießt der Chefdirigent den Status eines lebenden Heiligen. Schwimmt er sommermorgens im Schlachtensee, rufen aufgeregte Bürger in der Philharmonie an: Ob das denn sein könne, dass der Herr Rattle tatsächlich wie jeder andere Mensch einfach so zum Baden gehe? Manche erwarten wohl, dass er übers Wasser wandelt. Artig gibt der Dirigent die Komplimente zurück: "Die bewegendsten, schönsten und glücklichsten Momente meines Lebens verdanke ich meiner Arbeit hier in Berlin", sagt er.

Der Frühstarter, der mit 25 Jahren das Symphonieorchester Birmingham übernahm und 18 Jahre lang kontinuierlich entwickelte, hat mit seinem gottgleichen Vorvorgänger Herbert von Karajan soviel gemein wie Jogi Löw mit Sepp Herberger. Sie sind einfach anders. Die neue Generation von Führungskräften ist wohl genauso machtbewusst wie die alte, nur deutlich umgänglicher, weniger despotisch, liberaler in der Arbeit mit Individualisten. Wenn er dirigiert, scheint er das Orchester unentwegt zu umarmen, bei den Proben steigt er vom Pult hinab, um mit Musikern direkt zu sprechen, sein Ziel ist, sich aufzulösen in Musik und Miteinander, jenem Moment, nach dem alle streben.

Rattle, der gelernte Schlagzeuger, hat das Berliner Publikum mit vielen modernen Stücken geprüft. Anders als seine Vorgänger achtet er weniger sklavisch auf den unverwechselbaren Sound als vielmehr auf die Fähigkeit der Musiker, sich den jeweiligen Komponisten anzupassen. Das Helle, Klare, Transparente zieht sich gleichwohl als typischer Rattle-Sound durch fast alle Konzerte.

Rattles Stil: demonstrativ vorgetragenes Understatement. Sein Credo: Raus in die Stadt, Philharmoniker in jede Kita, jede Schule. Seine Botschaft: Es gibt Hoffnung. Deswegen wurde sein Vertrag just bis 2018 verlängert. Hajo Schumacher führte das Gespräch mit Simon Rattle.

Morgenpost Online: Sir Simon, beschreiben Sie bitte Ihr akustisches Erwachen am Morgen: Gibt es Geräusche, die Sie stören?

Sir Simon Rattle: Störende Geräusche? Welch eine herrlich absurde Idee. Gestört vom Klang - klingt wie ein Roman. Karlheinz Stockhausen hatte die großartige Idee, dass jede große Stadt einen Park brauche, wo totale Stille herrscht, elektronisch erzeugt. Eine interessante Idee. Aber ich liebe all die Geräusche. Ich bin in Liverpool aufgewachsen, da hat man die Vögel morgens husten gehört. Hier in Berlin gibt es tatsächlich Vogelgezwitscher.

Morgenpost Online: Haben Sie denn gar kein Ruhebedürfnis?

Sir Simon Rattle: Die Frage stellt sich mit zwei kleinen Kindern nicht, die wohl die perfekte Definition von "Hintergrundgeräusch" sind. Musiker, die nicht mit dem Klang von richtigem Leben umgehen können, haben ein massives Problem. Der Mensch lebt, er bestreitet sein Leben, und die Musik ist eine, die wunderbarste Art, dieses Leben zu erzählen. Klänge kann man nicht einfach löschen, sie gehören dazu - als Elemente, Bausteine des Lebens.

Morgenpost Online: Sie laufen also immer mit gespitzten Ohren durch die Welt, sind ununterbrochen im Dienst?

Sir Simon Rattle: Haben Sie "im Dienst" gesagt? Sie haben ein komplett schiefes Verständnis davon, was es bedeutet, ein Dirigent zu sein. Sehen Sie, ich wuchs auf und dachte, es sei völlig normal, dass ununterbrochen Klänge und Musik in meinem Gehirn sind. Als Kind nimmt man ja das als Realität, was man selbst erlebt und glaubt, bei allen anderen ist es auch so: unentwegt Harmonien im Kopf, Ohrwürmer, kleine Schleifen, die sich wiederholen. Ich hatte damals keine Ahnung, dass es bei anderen Menschen offenbar nicht so ist. Inzwischen habe ich mich dran gewöhnt, dass es keine Pause gibt da oben. Als ein halbwegs normaler Mensch, also so normal, wie ein exzentrischer Brite zu sein vermag, lebe ich mit diesem Strang in meinem Hirn. Aber glauben Sie nicht, dass ich morgens aufwache als Simon, der Dirigent, der sofort "im Dienst" ist. Um Himmels willen. Ein Dirigent, das ist so ziemlich das Letzte, womit sie morgens aufwachen wollen, vor allem, wenn sie es selbst sind.

Morgenpost Online: Wie beschreiben Sie einem Laien den kreativen Prozess: Wie nähern Sie sich einem neuen Stück, wie arbeiten Sie sich in die Tiefe?

Sir Simon Rattle: Das ist immer wieder ausgesprochen hart. In den Erinnerungen von Nadeschda Mandelstam, der Frau des Dichters Ossip Mandelstam, habe ich eine ungewöhnliche Erklärung gefunden, wie ein Gedicht gleichsam ankommt. Es geschieht nicht am Schreibtisch, sondern im Bett oder auf einem Spaziergang. Plötzlich spürte er, dass da ein Gedicht zu ihm kam. Aber er hatte keine Worte, er wusste nicht einmal, wovon es handelte, er merkte nur, dass es plötzlich da war. Er musste die Worte buchstäblich aus dem Himmel reißen. Bei Dirigenten ist es etwas anderes. Ich bin ja kein Erschaffer wie ein Dichter oder ein Komponist, sondern ein Wieder-Erschaffer, der Bestehendes interpretiert. Aber sehr oft ist es bei mir auch so, dass ein Stück auf geheimnisvolle Weise zu mir kommt. Ich spüre, dass es plötzlich da ist, ohne dass ich es greifen oder erklären kann. Als ich 21 Jahre alt war, da hat mir Carlo Maria Giulini, ein großartiger Dirigent, gesagt: Hör auf, nach den Stücken zu suchen, die kommen alleine und klopfen an deine Tür, aber erst, wenn sie wollen, dass du sie bearbeitest. Ich weiß, was Sie denken: Das klingt etwas esoterisch. Aber Giulini hatte Recht. Diese Stücke kommen wirklich zu einem, warum und woher auch immer.

Morgenpost Online: Und wenn Sie eines Tages nicht mehr kommen?

Sir Simon Rattle: Sie kommen sehr zuverlässig, immer wieder, sie suchen dich. Und dann kommt diese Phase, in der man mit dem Stück lebt. Wie diese Gerichte, die man Stunden um Stunden, ja manchmal Tage kocht. Bei mir dauert es bisweilen Jahre, dass ich ein großes Stück im Kopf bewege, den Zugang suche, alles drumherum lese, höre, fühle. Manche Stücke kochen sehr, sehr lange.

Morgenpost Online: Sie entzaubern den Mythos vom Musenkuss, von der genialischen Eingebung.

Sir Simon Rattle: Es gibt andere Musiker, die springen einfach hinein mit unglaublichem Instinkt. So wie Wynton Marsalis, mit dem wir neulich gespielt haben. Er gab mir einige Noten, als er zur Probe auf die Bühne kam. Ich fragte ihn, ob ich denn auch den Rest haben könnte, aber er sagte: Nein, das geht nicht, die sind noch nicht fertig. Der letzte Teil kam am Tag vor dem Konzert, als wir die Probe schon beendet hatten. Eine sehr ungewöhnliche Arbeitstechnik.

Morgenpost Online: Braucht Wynton Marsalis einen Dirigenten?

Sir Simon Rattle: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen: Es steht doch alles in den Noten, wofür braucht man da einen Taktstock? Aber wie oft habe ich schon "Sein oder Nichtsein" gehört? Und doch war jeder Hamlet anders. Wir Dirigenten machen immer wieder Hamlet, aber mit 100 Musikern gleichzeitig.

Morgenpost Online: Die Jagd nach Perfektion scheint die Mission der Philharmoniker zu sein. Ist dieser Anspruch nicht der sicherste Weg zu dauerhaftem Unglücklichsein?

Sir Simon Rattle: Perfektion gibt es überhaupt nicht. Die Jagd danach kann einen blind machen für viele andere Aspekte. Rafael Kubelík, einer der großartigsten Dirigenten überhaupt, war der mildeste Mensch, den man sich vorstellen kann. Das einzige Mal, als ich ihn wirklich fast wütend sah, war bei seiner Arbeit mit einem englischen Orchester. "Gentlemen, warum glauben Sie, dass Präzision gleich Perfektion ist. Glauben Sie mir, es gibt viele andere Wege." Er hatte Recht. Alle Komponisten, die ich kenne, sind vor allem interessiert an Atmosphären, an Kommunikation durch Interpretation. Niemand schreibt Musik, um perfekt wiedergegeben zu werden. Wer kommunizieren will, der muss sich vor Präzision regelrecht fürchten. "Vorsprung durch Technik" ist ein großartiger Ansatz, wenn man Automobile baut, aber dieses Mantra gilt nicht für ein Orchester. Wir sind keine Maschine, ganz im Gegenteil. Musik ohne Fehler ist leblos. Selbst das schönste Bergpanorama braucht Tierdung.

Morgenpost Online: Aber will das Publikum nicht Perfektion und Präzision?

Sir Simon Rattle: Wenn das Publikum erwartet, dass wir eine CD nachspielen, dann bekommen wir ein Problem. Es gibt natürlich diese außergewöhnlichen Momente, wenn alles so funktioniert, wie wir uns das gedacht haben. Aber solche Konzerte lassen sich nicht vorbereiten. Wenn wir proben, dann organisieren wir uns zunächst. Aber das reicht noch nicht. In Wirklichkeit bauen wir in den Proben ein Flugzeug und die Startbahn. Wir sind bestens vorbereitet. Aber den Flug, den unternehmen wir erst im Konzert. Da heben wir ab und gehen in die Luft, ohne so ganz genau zu wissen, wohin uns die Reise führen wird, ob es Turbulenzen gibt und an welcher Stelle. Diese Überraschungen sind ja das Wunderbare, aber sie bedeuten das exakte Gegenteil von präzise nachgespielten Platten.

Morgenpost Online: Wenn Sie dirigieren, spüren Sie die Stimmung im Publikum?

Sir Simon Rattle: Das ist eine spannende Stimmung, ja. Ich sehe die Menschen ja kaum, aber dennoch habe ich ein Gefühl, dass Sie atmen, ob sie auf unserer Seite sind oder eher skeptisch. Ich höre Husten, ich höre natürlich auch, wenn geredet wird. Nur ein kleiner Hinweis an die Konzertbesucher: Überlegen Sie sich genau, an welcher Stelle sie reden. Es gibt diese wunderbare Szene aus der Londoner Philharmonie, wo zwei Freundinnen sehr private Informationen austauschen, leider exakt in dem Moment, als das Orchester plötzlich verstummt. So hörten alle Zuschauer mit. Es gilt: Wer plaudern will, sollte die Partitur kennen. Aber notorische Erzähler sind die Ausnahme. Wir erleben sehr oft ein wohlwollendes, kundiges Publikum. Im Moment, da wir starten, spüren wir diese kollektive Konzentration, die Spannung. Und oft kommt es dann zu diesen inspirierenden Wechselwirkungen: Es ist fast unmöglich, vor einem großartigen Publikum schlecht zu spielen. Insofern belohnen wir uns gegenseitig.

Morgenpost Online: Was halten Sie vom Berliner Publikum?

Sir Simon Rattle: Sehr lebhaft ...

Morgenpost Online: Eine höfliche Umschreibung für undiszipliniert?

Sir Simon Rattle: Das meine ich nicht. Es kann aber vorkommen, dass die Zuhörer bei einem französischen Komponisten verwirrter sind als bei sehr zeitgenössischer Musik. Die Menschen haben ein eigenes Gespür dafür, was aus ihrer eigenen Kultur stammt und was nicht. Wenn wir etwas Bekanntes spielen, aber in einer neuen Art und Weise, merken wir umgehend, dass mit den Menschen etwas geschieht, dass sie aufhorchen und oftmals mitgehen. Die Berliner sind ein schnelles, ein erfahrenes Publikum. Die Menschen sind wie die Stadt, sehr dynamisch, immer ein bisschen auf der Rasierklinge, sehr modern. Der Unterschied zu anderen Städten ist für mich immer wieder faszinierend, München zum Beispiel: Dort ist alles so anders, aus einer ganz anderen Zeit, nicht schlechter, nur eben anders - kaum zu glauben, dass beide Städte auf ein und demselben Planeten liegen.

Morgenpost Online: Muss das Berliner Publikum pausenlos mit neuen Kunststückchen erobert werden?

Sir Simon Rattle: Wir sind keine Comedians, definitiv auch nicht so lustig. Wir können auch nicht jede Sekunde daran denken: Wie mag uns das Publikum nun gerade finden?

Morgenpost Online: Ein Wort zur Tradition: Spüren Sie den Geist von Karajan, von Abbado, jene magische große Linie in diesem Orchester?

Sir Simon Rattle: Absolut.

Morgenpost Online: Wie wird so etwas weitergegeben? Wo exakt versteckt sich die Tradition?

Sir Simon Rattle: Ganz ehrlich: Das weiß niemand. Dieser Geist ist einfach da. Er wird weitergegeben. Es ist ein osmotischer Prozess, den man nicht erklären kann. Ich habe dieselben Musiker in unterschiedlichen Orchestern gesehen, und es ist faszinierend zu beobachten, wie sie wo spielen. Die Gruppe beeinflusst das Individuum ganz gewaltig, insofern hat Tradition nichts mit Vergangenheit zu tun, sondern ist ein sehr aktuelles Phänomen, das weitergegeben und dabei immer auch verändert wird. Manche Dinge dagegen bleiben ewig, zum Beispiel dieser intensive, geradezu ungezähmte Individualisten-Geist, der dieses Orchester ausmacht, ganz gleich, wer dirigiert. Wenn man sich aus einer Herde die ruhigsten Schafe aussucht und sie ein paar Wochen hierher bringt, garantiere ich: Sie werden Tiger sein. Aber niemand weiß, wie das funktioniert. Es muss mit der einzigartigen Geschichte zusammenhängen, mit dem Wissen, sich selbst befreit zu haben, sich treu geblieben zu sein, sich nicht fesseln lassen zu wollen. Dieses Orchester lebt Freiheit, jeden Tag.

Morgenpost Online: Was wird in zwanzig Jahren von der Ära Rattle bleiben?

Sir Simon Rattle: Sie stellen meine Bescheidenheit auf die Probe. Aber im Ernst: Dieses Orchester hat mich ausgesucht, obwohl oder gerade weil ich aus einer anderen Kultur stamme. Ich bin kein Mitteleuropäer. Und wenn die Musiker glauben, dass sie diesen Unterschied wollen, dass sie Spannung brauchen, dann ist das ein klares Statement. Es wäre eine völlig falsche Annahme, wenn man mich für den Boss hält. Es gibt keinen Boss hier. Die Philharmoniker sind ein unvergleichliches Kollektiv, das sich immer wieder aufs Neue auf die Suche nach gemeinsamer Energie begibt. Das ist die Mission.

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