Philharmonie

Hans Liberg nimmt Klassikbetrieb auf die Schippe

Der niederländische Musik-Kabarettist Hans Liberg spielt in seinem Stück "Symphonie Libergique" mit den Ritualen und Konventionen der Sinfonieorchester. Der Spaßvogel collagiert und würfelt in der Berliner Philharmonie bunt durcheinander.

Foto: SNOWBOUND / SNOWBOUND/German Brass

Komiker wird man nicht, man ist es von Geburt an. Schon als kleiner Junge, als er sich seines besonderen Talents noch gar nicht bewusst war, brachte jedenfalls Hans Liberg Menschen zum Lachen. Als einmal am Ende einer Schulaufführung versehentlich zu früh der Vorhang fiel und alle Mitschüler vor Schreck erstarrten, war er der Einzige, der sich gelassen verbeugte.

Auch als Pianist brachte er die besten Voraussetzungen mit: Liberg spielte kaum je nach Noten, weil er alles immer schnell auswendig im Kopf hatte, über jedes Motiv, das er irgendwo aufschnappte, sofort frei improvisieren konnte.

Als ihm eines Tages bei einem Konzert mit Steve Reich spontan die skurrile Idee kam, im Pausenfoyer auf seinem Keyboard die Minimalmusic zu parodieren, war das die Initialzündung zu seiner beruflichen Karriere als Musikkabarettist.

Längst ist Liberg, der 1954 in Amsterdam geboren wurde, weit über die niederländischen Grenzen hinaus bekannt. Sein Durchbruch gelang dem 56-Jährigen 1983, als er das Finale des renommierten Kabarettfestivals „Camaretten“ erreichte und sein erstes abendfüllendes Programm „Dada“ vorstellte. Von da an ging es in Riesensprüngen bergauf. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er 1997 in New York den „International Emmy Award“, und schon ein Jahr darauf durfte er anstelle von Sir Peter Ustinov die Emmy Award Gala moderieren.

Als studierter Musikwissenschaftler weiß Liberg, dass Musik an sich überhaupt nicht lustig ist „Erst, wenn man den Kontext ändert, wird sie lustig“, zitiert er Debussy.

Er setzt das um, indem er Musiken collagiert und parodiert, wobei er Klassik, Jazz, Rock und Pop recht wild durcheinander würfelt, gar auch Handy-Klingeltöne und Werbejingles in seinen Mix einbezieht. So verbindet er Mozarts „Kleine Nachtmusik“ mit Domenico Modugnos Schlager „Volare“ oder die Nokia-Erkennungsmelodie mit einem Walzer von Chopin.

Mit solchem Crossover, das mit den abrupten Modulationen und Übergängen noch wüster daher kommt als ein Abend des Geigers Nigel Kennedy, nimmt der Entertainer bevorzugt die Klassik-Puritaner auf die Schippe. Schnell wird er dabei auch zu einer Krawallschachtel, wenn er mit rauer Stimme Beethovens „Tatatata“ oder Vivaldis „Viagra-Zeiten“ mitgrölt, sein Publikum antreibt, mitzuklatschen oder aus einem Klavierkonzert eine Karaoke-Nummer macht.

Mit seiner Show „Symphonie Libergique“, die er am 17. Januar mit den Hamburger Symphonikern und dem Dirigenten Basil Coleman in der Berliner Philharmonie präsentiert, spielt der Spaßvogel natürlich auch mit den Ritualen und Konventionen der Sinfonieorchester. Dabei sollen die Musiker nur spielen, was in ihren Noten steht und nicht etwa selber noch anfangen zu chargieren, denn das könnte „leicht peinlich werden“.

Der Komiker karikiert auch namhafte Solisten und Interpreten. Die Klavierlegende Glenn Gould zum Beispiel, die so merkwürdig tief und dicht an den Tasten saß. Seinen Landsmann André Rieu, der die Klassik so popularisiert. Oder den Starpianisten Lang Lang, der sich überemotional am Flügel bewegt.

Der Erfolg ist ihm dabei meistens sicher. Vor drei Jahren bekam Liberg als erster Entertainer sogar eine Einladung in den „klassischen Musiktempel“, den Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, der traditionell nur für klassische Konzerte reserviert ist. Auch da lachte das Publikum Tränen, und das erfüllt ihn natürlich mit großem Stolz.

Allein sein vierjähriger Sohn, der sich wünscht, der Vater würde mal was Richtiges spielen, ist sein schärfster Kritiker. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass die Klassikfreunde in seinem Publikum schon lange eine Minderheit bilden. Vor allem in seiner Heimat hat die so genannte E-Musik einen schweren Stand. Jeder Holländer gehe im Schnitt nur einmal im Jahr in die „Matthäuspassion“, die es sogar schon als Karaoke-Version gibt. Und so sieht sich Hans Liberg fast noch zum Bildungsvermittler zwischen E und U berufen. Auch, wenn der Komiker privat eher ernst als spaßig wirkt, um einen Witz ist er nicht verlegen: Was verbindet die Hamburger Symphoniker und die Beatles? – Sie sind seit 1968 nicht gemeinsam aufgetreten.

Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Straße1, Tiergarten. Termin: Montag, 17. Januar 2011, 20 Uhr.

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