Nun fühlt er sich schon wie ein halber Berliner: Seit zwei Wochen ist Neeme Järvi in der Philharmonie zu Hause. Drei Konzerte hat er als Einspringer für den erkrankten Kirill Petrenko gegeben. Jetzt folgen seine vier regulären Abende mit den Berliner Philharmonikern. Ein gewaltiges Pensum für den 73-Jährigen. Aber schließlich glaubt er fest daran, dass das Dirigieren Körper und Geist jung und fit erhält. Und den Philharmonikern kann er sowieso nichts abschlagen.
Er erzählt von der Probe und gerät sofort ins Schwärmen: „Zum allerersten Mal haben sie heute Rimsky-Korsakows ‚Mlada' gespielt, und es war unbeschreiblich. Für mich hat es sich angefühlt, als würden sie dieses Stück schon ihr Leben lang spielen.“ Er liebt die Pionierarbeit mit dem Spitzenorchester, das er seit zwanzig Jahren dirigiert. Bei seinem letzten Gastspiel hat er sich für Hans Rott eingesetzt. Jetzt engagiert er sich für russische Raritäten: die Suite aus Rimsky-Korsakows Ballett-Oper und die vierte Sinfonie von Sergej Tanejew. Er hat die vierte Sinfonie schon in Chicago und Peenemünde dirigiert, für die Philharmoniker ist das Werk Neuland.
450 Plattenaufnahmen gemacht
„Die Welt ist voll von guter Musik, die erst entdeckt werden muss“, meint der estnische Dirigent. Er kann nicht verstehen, warum von Rimsky-Korsakow alle immer nur „Scheherazade“ hören wollen, wo er doch so viele große Orchesterwerke und unbekannte Opern geschrieben hat. Seine Sinfonien hat Neeme Järvi aufgenommen. Darin ist er unermüdlich. 450 Plattenaufnahmen hat er in den letzten dreißig Jahren gemacht. Die meisten sind Raritäten. „Wenn ich etwas Ausgefallenes für ein Konzert suche, sehe ich erst einmal bei mir im Plattenregal nach“, schmunzelt der Altmeister.
Im Dirigentenzimmer hat er es sich mit einer großen Obstschale gemütlich gemacht. Der joviale ältere Herr mit den hellwachen Augen sitzt im Sessel. Er unterhält sich gern, spricht Englisch mit hartem estnischem Akzent. Gerade hat er einen Dirigentenkollegen aus Taschkent herzlich umarmt. Als er 1971 den ersten Preis im Santa-Cecilia-Wettbewerb gewonnen hat, bekam der Kollege den dritten Preis. Seitdem hat er ihn nicht gesehen – und doch gleich wiedererkannt. Richtig gefreut hat er sich auch, als er gesehen hat, dass der Norweger Leif Ove Andsnes in dieser Saison als Pianist-in-Residence in Berlin ist. „Ich habe ihn vor Jahren als Solist bei den Berliner Philharmonikern eingeführt“, erklärt der Dirigent.
Nun freut er sich auf seine erste Begegnung mit dem Pianisten Arcadi Volodos, der in den vier Konzerten Tschaikowskys erstes Klavierkonzert spielen wird. Zu dem berühmten Werk hat Järvi auch eine besondere Beziehung: „Vor vielen Jahren war ich Dirigent beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb. Eine ganze Woche lang dirigierte ich jeden Tag vier Mal das Klavierkonzert und das Violinkonzert. Danach kannte ich die Stücke ganz gut.“
Auf dem Leningrader Konservatorium hat er bei Nikolaj Rabinowitsch und Ewgenij Mrawinsky eine erstklassige Ausbildung erhalten. Für russische Komponisten setzt er sich besonders gern ein. „Die russische Musik ist so reich“, sagt er. „Die Russen haben so viel für die Weltkultur getan.“ Nur im Moment sieht er eine Phase der Stagnation. Unter den zeitgenössischen Komponisten würde er niemanden mit Schostakowitsch oder Prokofjew vergleichen. „Wenn Leute viel leiden, projizieren sie all ihre Gefühle in die Musik. Jetzt haben sie Freiheit und Demokratie – und sind musikalisch im Nirgendwo.“
Solche Themen diskutiert er leidenschaftlich gern mit seinen Kindern. Eigentlich ist er kein Freund von Computern und anderer moderner Technik. Er schätzt das persönliche Gespräch, das keine E-Mail ersetzen kann. Aber er liebt doch das Internettelefon Skype, denn darüber bleibt er mit seinen Söhnen jederzeit weltweit in engem Kontakt. „Kristjan war gerade in Rotterdam, und Paavo ist gestern in Detroit fast im Schneesturm stecken geblieben“, erzählt er. Er möchte demnächst ganz incognito im Saal sitzen, wenn Kristjan bei den New Yorker Philharmoniker gastiert. Vater und Söhne haben nur selten zur selben Zeit frei, denn alle drei sind international gefragte Dirigenten. Nur die Tochter Maarika ist etwas aus der Art geschlagen und Flötistin geworden.
Großer Stolz schwingt in Neeme Järvis Stimme mit, wenn er von seinen Kindern erzählt. Er erinnert sich gern daran, dass „Mozart“ Kristjans erstes Wort war und dass er als Kleinkind in die Lautsprecherbox kroch, um nach seinem Lieblingskomponisten zu suchen. Heute lernt auch der Vater von den Söhnen. Er interessiert sich für Kristjans experimentelle Konzerte, und Paavo hat ihm einen neuen Weg zu Bruckner eröffnet.
Protest gegen die Betonköpfe
Vor dreißig Jahren ist Neeme Järvi aus seinem Heimatland ausgezogen, weil er die Betonköpfe und die Politik nicht mehr ertragen konnte. Als Chefdirigent der Göteborger Symphoniker, des Royal Scottish National Orchestra und des Detroit Symphony Orchestra hat er sich seinen erstklassigen Ruf erspielt. Trotzdem ist er im Herzen immer mit Estland verbunden geblieben, und inzwischen dirigiert er dort auch wieder regelmäßig. Er macht sich durchaus Sorgen: „Wir müssen auf unser kleines Land aufpassen. Das Kulturleben ist nicht in guten Händen, der Etat wurde um 30 Prozent gekürzt.“ Er hofft darauf, dass das Musikleben einen Schub vorwärts bekommt, wenn Tallinn 2011 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wird.
Neeme Järvi liebt seinen Beruf, das wundersame „Sprechen mit den Händen“. Er findet sogar, dass das Alter seine Vorteile hat, weil er die Geheimnisse der Musik und des Dirigierens jetzt viel besser versteht als früher. Feste Positionen hat er in Den Haag, Tallinn und Tokio. An Ruhestand ist nicht zu denken, ganz im Gegenteil. In zwei Jahren wird er Chefdirigent des Orchestre de la Suisse Romande in Genf. „Darauf freue ich mich sehr, dann kann ich mich wieder mehr mit dem französischen Repertoire befassen.“ Einen persönlichen Grund zur Freude hat er auch. Seine Tochter und zwei seiner acht Enkelkinder leben in Genf. „Sie sind noch klein, aber sie üben schon das Dirigieren“, lacht der Begründer der erfolgreichen Järvi-Dirigenten-Dynastie.



