Konzert in Berlin

Sade begeistert mit Altem und Neuem

Lange mussten ihre deutschen Fans auf sie warten. Nun ist Sade, die Frau mit der Samtstimme, mit ihrem Album "Soldier of Love" unterwegs. In der O2 World ließ sie ihre Hits lebendig werden.

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Konzerte werden anberaumt, um zu beweisen, dass sich Menschen hinter der Musik verbergen. Sogar in den Achtzigern des 20. Jahrhunderts wurden Lieder nicht von Fabelwesen vorgetragen. Michael Jackson war ein sterbliches Geschöpf, Madonna altert. Und nun fährt Sade leibhaftig aus dem Bühnenboden der O2 World wie ein Geist aus der Maschine. 10.000 Besucher mittleren Alters recken ihre Hälse. Sie verfolgen staunend, wie der Vorhang im Gewitter Feuer fängt, verglüht und eine Frau enthüllt, die 52 Jahre alt sein soll und 25 Jahre alte Stücke singt, die ihr noch immer passen wie der enge, schwarze Hosenanzug. Neue Stücke singt sie auch.

In „Soldier Of Love“ verrät Sade: „I'm at the borderline of faith. I'm at the hinterland of my devotion. I'm in the front line of this battle of mine. But I'm still alive.“ An der Grenze des Vertrauens, im Hinterland der Hingabe, an der Front ihres persönlichen Krieges, aber noch am Leben. Eine Söldnerin der Liebe. Sie trägt Ohrringe, so groß wie Suppenteller.

Unvermittelt knirscht es in der Halle und in der Musik, während Sade „Your Love Is King“ von 1983 haucht, ihr allererstes Lied. Ein tontechnischer Störfall, der die Gäste aus der Andacht reißt. Sade und ihre gleichnamige Band, die Männer mit den Hüten, scheinen sich über den Fehler im System zu amüsieren.

Das System, der Pop der Achtziger, war eine Illusion. Es ging um makellose Oberflächen und heroische Verheißungen. Die Stars und Musikanten hatten triftige Gründe, anschließend vorübergehend zu verschwinden. Sade entzog sich dem Geschäft so anmutig und stilvoll, wie sie sich in ihm bewegt hatte.

Man wusste ohnehin nie viel über Sade Adu. So dezent und elegant Sade ihr Leben hütet, so schwebt sie über die Bühne. Heiser schreit das Saxofon, Sade tanzt lächelnd durch ihre Geschichte. Immer wieder fallen Gardinen zwischen sie und ihre Zuschauer, um Landschaften darauf zu werfen, Winterwälder oder das New York der Cool-Jazz-Ära, wo ein Wolkenkratzer sie emporhebt. Dann singt sie, als sei sie eingesperrt hinter den Bildern, die ihre Musik den Leuten in die Köpfe malt. Samtrot und silbrig werden Stoffbahnen herabgelassen, um sie zu verstecken oder zu umrahmen. Doch wie das so ist mit Vorhängen: Man sieht, was eigentlich dahinter ist.

Sade tritt den Berlinern nicht als singende Projektionsfläche entgegen, sie lässt ihre Hits lebendig werden. „Mein Berlin!“ ruft sie gerührt und bittet um Entschuldigung für ihre Menschenscheu. Vielleicht waren die achtziger Jahre auch die falsche Zeit für ihre Stücke, weil es weniger um Herzenswärme als um Haltung ging. Vielleicht war es schon damals göttliche Musik, gemacht von Menschen.