Trilogie-Abschluss

In Larssons "Vergebung" sieht man Lenas dunkle Seite

Daniel Alfredsons Verfilmung von Stieg Larssons "Vergebung" zeigt ein düsteres Bild des Nordens. Hauptfigur Lisbeth ist Lenas schwarze Schwester.

Fangen wir mal mit einer ganz steilen These an: Dass Lena derart viele Punkte aus Skandinavien bekommen hat, hängt mit Lisbeth zusammen. Lisbeth Salander. Lisbeth ist die Heldin von Stieg Larssons mehr als ein Dutzend Millionen Mal verkaufter Milleniumstrilogie („Verblendung“, „Verdammnis“, „Vergebung“).

Sie revolutionierte den skandinavischen Kriminalroman (und nicht nur den), so wie Lena die deutsche Popszene (und nicht nur die) revolutioniert. Sie ist – spätestens seit den Verfilmungen der Romane – das neue Gesicht Schwedens, so wie Lena das neue Gesicht Deutschlands ist.

Nur hätte sie in Oslo keine Chance gehabt, denn Lisbeth ist die Gegen-Lena, Lenas dunkle Seite. Nicht nett. Gewaltbereit. Kaputt. Lena, so jetzt endlich die These, wurde aus Schweden und Norwegen mit Punkten überschüttet, weil die sich da nach einem ganz anderen, einem reinen Mädchen sehnten.

Am Ende von Daniel Alfredsons Verfilmung von „Vergebung“, dem Abschlussteil der Trilogie, rüstet sich Lisbeth noch einmal ganz in ihre ganze Anti-Haltung hoch. Lisbeth verwandelt sich wieder in jenen antibürgerlichen Albtraum, als den wir sie kennengelernt hatten – ungefähr 2500 Seiten oder sechs Filmstunden zuvor. Sägeblattspitze Punkhaare meterhoch auf dem Kopf, ein Lederpanzer um den dünnen Leib, gruftige Kajalringe um die Augen. Ein Mädchen wie eine entsicherte Waffe.

Der Wahnsinn geht zu Ende, ihr Leben klärt sich im tageslichtlosen Geviert eines Gerichtssaals. Ein Leben, das – so zumindest die vage These Larssons – die alptraumhafte Gesellschaft, das unheimliche Wesen Schwedens, wenn nicht Skandinaviens (oder vielleicht gar der Welt) zur Kenntlichkeit bringt.

Nur kennen wir leider das Wesen, die Gesellschaft, dessen Volkskörper Lisbeth verkörpern soll, zur Genüge, wenn wir ein bisschen skandinavische Krimis gelesen (oder ihre zum Teil vielfältigen filmischen Bearbeitungen gesehen) haben. Wie in den zehn Kommissar-Beck-Romanen von Maj Sjöwall und Per Wahlöö aus den Sechzigern oder in den zehn Mankellschen Wallander-Fällen ist Schweden auch in den drei von zehn geplanten Lisbeth-Salander-Krimis, die der Antifa-Experte und Marxist Larsson vor seinem plötzlichen Herztod 2004 noch verfertigen konnte, ungefähr so stabil wie ein Billy-Regal, das ein Dreijähriger zusammengeschraubt hat.

Keine Insel der sozial Seligen, kein glückliches „Folkehjem“, sondern ein verrottetes kapitalistisches System, das so lange in sozialdemokratischer Tünche gebadet wurde, bis alle glaubten, es sei tatsächlich ein Vorbildland. In der schwedischen Krimiwelt aber ist die Demokratie nur ein potemkinsches Dorf. Rechtsradikale überall. Frauenhasser überall. Und regiert wird diese Demokratiechimäre, darum vor allem geht es am Ende in „Vergebung“, aus den Hinterzimmern der Macht, in denen ältere Männer von hoher Mielkehaftigkeit sitzen und so tun, als sei der kalte Krieg noch im Gange.

Lisbeth hat die Herren in den Hinterzimmern, die Leute von der Schwedenstasi namens Sicherheitspolizei nur gestört. Weil sie nicht vorgesehen war. Lisbeth Salander ist die irgendwie illegitime Tochter eines sowjetischen Überläufers namens Alexander „Zala“ Zalatschenko. Von dem weiß sie zuviel. Den hat sie eines Tages mit Benzin übergossen und angezündet. Weswegen sie weggesperrt werden musste. Sie wurde gefoltert, missbraucht, entmündigt. Sprich: Ihr wird alles zugefügt, was auch – zumindest aus der Perspektive Stieg Larssons – Schweden zugefügt wurde.

Eine finstere Soziopathin ist das Ergebnis, die sich das Internet als ihre Waffe gegen die Welt zunutze macht, die man ungefähr so gern in den Arm nehmen möchte wie Lena – und die das ungefähr so entschieden, aber deutlich stacheliger ablehnen würde.

Ohne Überleitung, weitgehend ohne Rückblenden stolpert „Vergebung“ in die Geschichte hinein. Im blutigen Showdown von „Verdammnis“ hatte Lisbeth – wie immer an der Seite des aufrechten, engagierten Journalisten Mikael Blomkvist (Mikael Nyqvist) – ihren Vater, das Monster, beinahe umgebracht. Mit einer Kugel im Kopf liegt sie jetzt im Krankenhaus, kaum einen Flur vom Intensivbett ihres Erzeugers weg. Bis eines Tages ein älterer Mann auftaucht, Zalatschenko im Bett erschießt und anschließend sich selbst.

Während Lisbeth allmählich zu sich kommt, versuchen die Männer in den Hinterzimmern verlustfrei aus der Kiste herauszukommen und Lisbeth unschädlich zu machen. Dreier Morde ist sie angeklagt. Alle Gespenster aus ihrer Vergangenheit machen mobil gegen sie. Und auch ihr Halbbruder, Zalatschenkos comichafter Killer in Person eines schmerzunempfindlichen, weißblonden deutschen Riese namens Niedermann, kommt ihr mit wenig brüderlichen Gefühlen immer näher. Der einzige, der Lisbeth hilft (sieht man einmal vom Internet ab, das sie selbst von der Intensivstation aus mühelos bedient), ist Blomkvist. Es kommt zu einem Showdown vor den Schranken des Gerichts, für den Lisbeth den Krankenkittel gegen ihre alte Punk?rüstung tauscht.

Daniel Alfredson filmt die Geschichte sauber ab. Der überbordende Text wurde zusammengestrichen, dem Plot das Politisieren weitgehend ausgetrieben. Was weder der Spannung noch der Geschichte Abbruch tut. Zumal der Trilogie-Abschluss sehr davon lebt, dass er – im Gegensatz zu Alfredsons „Verdammnis“ – eine Heimat hat. „Vergebung“ ist vor allem ein Gerichtsthriller. Und als solcher ist er auch richtig gut. Weswegen es nicht sonderlich stört, dass man doch noch deutlich sehen kann, wofür „Vergebung“ im Gegensatz zu Niels Arden Oplevs Verfilmung von „Verblendung“ tatsächlich gedacht war – fürs Fernsehen nämlich. Ganz nah bleibt Alfredson an Blomkvist. Und vor allem an Lisbeth. Ein Luxus, den wir nach diesem letzten Film vermissen werden. Denn Noomi Rapace wirft sich auch jetzt wieder derart in Lisbeths Haut, dass es einem den Atem nimmt.

Trotzdem fragt man sich am Ende, was man sich möglicherweise in zwei Jahren auch wegen Lena fragen wird: Was zur Hölle hat Millionen Menschen eigentlich derart in Hysterie gebracht, dass sie sich durch fast dreitausend Seiten lesen und mehr als sieben Stunden Film absitzen, sich einer Geschichte auszusetzen, die mäßig geschrieben ist, voller verwirrender Subplots und Erzählungslücken steckt, voller Klischees und geklitterter Gesellschaftsanalyse?

Vielleicht, wahrscheinlich bleibt am Ende nur Lisbeth übrig. Deren Wahnsinn jedenfalls hat jetzt erst einmal Pause. Für zwei Jahre. Dann geht er wieder los. David Fincher („Seven“, „Fight Club“) beginnt demnächst mit den Dreharbeiten zur amerikanischen Version von „Verblendung“. Ende 2011 soll der Film in die Kinos kommen. Wahrscheinlich mit Carey Mulligan (gerade als Tochter von Michael Douglas in „Wall Street II“ im Kino) als Lisbeth. Die sieht aber eher nach unserer Lena aus. Noch.