Kinostart

Tiefe Abgründe in Stieg Larssons "Verblendung"

| Lesedauer: 6 Minuten
Elmar Krekeler

Sie ist eine Zerbrechliche mit Lederkluft und Motorrad, eine zu Herzen gehende Kriegerin: Noomi Rapace macht die Verfilmung von Stieg Larssons Bestseller "Verblendung" zu einem Ereignis. Dem Journalisten Blomkvist hilft sie auf der Suche nach einem vor Jahrzehnten verschwundenen Mädchen auf die Sprünge.

Diese Augen. Alles andere ist Maske, ist Verkleidung, ist Rüstung. Die schwarzen Haare, die Nägel in Lippe, in Nase, in den Ohren. Die Muskeln. Der Helm. Das Motorrad. Lisbeth Salander, die nicht leben kann ohne ihren Apple, hat eine Computerspielfigur aus sich gemacht. Eine missbrauchte Unberührbare. Einen Schatten, der ohne Netz im Netz lebt, auf Messers Schneide, immer am Rand des Ausbruchs durch Stockholm stapft.

Eine Kriegerin, die zu Herzen gehend zerbrechlich aussehen kann, die man ständig trösten möchte, was einem wohl und – aus ihrer versehrten Sicht – völlig zu Recht mit Tritten in den Unterleib vergolten werden würde. Das zierlichste Pulverfass, das sich denken lässt. Und in den Augen glüht derart, dass man jederzeit mit der Explosion rechnen muss.

Noomi Rapace ist Lisbeth Salander. Noomi Rapace ist so sehr Lisbeth Salander, dass niemand, der sie in Niels Arden Oplevs Kinoversion von Stieg Larssons "Verblendung" gesehen hat, jemals wieder in Larssons weltweit millionenfach bestsellender "Millennium-Trilogie" über die geheimnisvolle Computerermittlerin lesen kann, ohne dabei Noomi Rapace im Kopf zu haben.

Noomi Rapace, die außerhalb Schwedens noch völlig unbekannte Dreißigjährige, ist Lisbeth Salander allerdings derart intensiv, dass sich die Gewichte der Geschichte verschieben. Und das ist auch gut so. Denn Larsson hatte den Beginn seiner in bester Sjöwall-Wahlöö-Manier auf zehn Bände angelegten Serie über die Verderbtheit der schwedischen Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung eigentlich "Männer, die Frauen hassen" überschrieben. War aber den männlichen Blick nicht losgeworden.

Larssons Held im ersten Teil der unvollendeten Dekalogie war der aufrechte Journalist Mikael, genannt Kalle, Blomkvist. Ein Spiegelbild Larssons, ein aufrechter Kämpfer gegen alles Böse in Schweden. Dieses Böse füllte bekanntermaßen schon vor Larssons Salander/Blomkvist-Fällen mehrere Regalmeter Kriminalliteratur. Im Übereifer des späten Debütanten hatte Larsson dem armen Blomkvist leider versucht, mindestens drei der vielen Todsünden der postsozialistischen Gesellschaft aufzuhalsen: Korruption, Faschismus und gewalttätige Misogynie.

Oplev korrigiert das. An Gesellschaftskritik ist sein bemerkenswert geschickt gebauter Zusammenschnitt des larssonschen Siebenhundertseiters kaum, an Korruption etwas, an Faschismus gar nicht interessiert. Oplevs "Verblendung" ist ein Film über Gewalt gegen Dutzende geschichtsloser Frauen. Gegen Lisbeth Salander. Und gegen Harriet Vanger.

Harriet Vanger ist seit 40 Jahren verschwunden. Sie war 16, als sie verschwand. Von Hedeby, einer abseits gelegenen Insel, nur mit einer schmalen Brücke mit dem Festland verbunden, auf der fast ausschließlich Vangers wohnen. Die Vangers sind eine der großen alten Industriellenfamilien, die Krupps Schwedens gewissermaßen. Und ähnlich nazi-angebräunt wie die der Krupps ist auch ihre Geschichte. Sie sind unter einander ähnlich zerstritten. Unter dem tiefbraunen Mulch allerdings, der sich auf Hedeby angesammelt hat, gärt noch etwas ganz anderes.

Henrik Vanger vermisst Harriet. Er war ihr Lieblingsonkel. Seit sie verschwand, bekommt er jedes Jahr eine getrocknete Blume zum Geburtstag geschickt. Er hält sie für eine Botschaft des Mörders. Die Blumen des Bösen hängen als morbide Galerie an der Wand. Es wird nicht die einzige morbide Galerie bleiben, an der die Kamera vorbeizieht. Als Vanger ahnt, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt – er ist 82 – schaltet er Mikael Blomkvist ein.

Der hat sich und seinem "Millennium"-Magazin (daher der Titel "Millennium-Trilogie") mit einer Geschichte gegen die Umtriebe eines korrupten Wirtschaftsbosses eine blutige Nase geholt, hat sich reinlegen lassen. Im Winter von Hedeby kühlt er seine Wunden, wühlt sich in die Welt der Vangers.

Und merkt allmählich, dass ihm jemand über die Schulter schaut beim Ermitteln. Dass er verfolgt wird in seinem eigenen Computer. Ein guter Geist, der ihm beim Rätseln hilft. Immer intensiver, je mehr Frauenleichen aus dem Vangerschen Modder auftauchen: Lisbeth Salander, als Schatten engagiert für den engagierten Journalisten, ahnt in Harriets Geschichte die eigene.

Und was in Larssons Dickleiber noch beinahe durchgehend als klassischer "Geschlossener-Raum-Krimi" daherkommt, wird bei Oplev zum Roadmovie, zu einer Überlandfahrt in die Abgründe des schwedischen Landlebens und der Lisbeth Salander. Oplev montiert immer wieder Lisbeths (im Buch höchstens angedeutete) Missbrauchsgeschichte in die Erzählung, konstruiert sie als Gegengeschichte zum finsteren Missbrauchsfall, als der sich der Fall Harriet Vanger herausstellt, und stilisiert Lisbeth Salander zum rächenden Engel hoch.

Dagegen ist an dem altlinken, alternden Macho Michael Nyqvist, an dessen Blomkvist alles hängen sollte, machtlos. Den Geschlechterkampf hat er verloren. Er darf bloß bleich, verkühlt und hilflos aus seinen Winterklamotten gucken, Zaungast sein beim Spiel der Frauen. Zwischen Lisbeth und Harriet, einer Verschwundenen und einer lebendigen Toten, die beide lebendiger werden, je länger die "Verblendung" anhält.

Leider hält sie ein bisschen zu lange an. Denn Oplev dreht Larssons Geschichte zwar um ein entscheidendes Stück weiter. Darüber verlässt ihn aber der Mut, den er gebraucht hätte, sich gleich einiger fader Familienszenen und vor allem des Larssonschen Rahmens zu entledigen. So hangelt er sich, nachdem der Mörder erledigt ist, von einem Ende zum nächsten. Was nur erträglich ist, weil wir der Metamorphose der Noomi Rapace noch länger beiwohnen dürfen.