Urlaubslektüre

Das sind die sechs Krimis für diesen Sommer

| Lesedauer: 11 Minuten
Brigitte Helbling

Foto: dpa / dpa/DPA

Wirre Polizisten, versoffene Kommissare und Detektive in Miniröcken, die von toten Weihnachtsmännern gegrüßt werden. Sie alle versuchen, geheimnisvolle Fälle zu klären. Was ist nur aus unseren Detektiven geworden? Die Ermittler in den Krimis des Sommers können einem glatt das Fürchten lehren.

Der Schwede an sich: korrupt, faul, versoffen

In die Reihe der großen schwedischen Kriminalautoren seit Sjöwall/Wahlöö gehört auch Leif GW Persson, ein Professor für Kriminalistik und ehemaliger Sicherheitsberater der Regierung, der hartnäckig am sauberen Image seiner Heimat rüttelt. Der Stockholmer Polizeibetrieb in Perssons Romanen ist dermaßen disfunktional, dass man sich fragt, wie diese Beamten überhaupt je einen Fall lösen. Die Antwort lautet: nur aus Versehen, und das ist ganz im Sinne der globalpolitischen Kabalen, die gerne hinter Perssons brisanteren Fällen (der ungeklärte Mord an Staatspräsident Palme, der RAF-Überfall auf die westdeutsche Botschaft in Stockholm) lauern.

Perssons bekanntester Roman heißt "Zwischen der Sehnsucht des Sommers und der Kälte des Winters", ein labyrinthisch anmutendes Werk, das Premier Olof Palme als westlichen Spion entlarvt und eine Aufklärung seines Todes bietet, die am Ende keine sein darf - zumindest in der Fiktion. Das Buch ist mit gängigen Schwedenkrimis kaum zu vergleichen. Persson nennt dafür Vorbilder wie James Ellroy und John le Carré und unterstreicht damit einen Anspruch, die Welt als komplex strukturierten Sumpf zu zeigen, in dem der Einzelne allenfalls darauf hoffen kann, den Kopf über Wasser zu halten.

Perssons neuer Roman "Sühne" ist dann all jenen zu empfehlen, die einen einfacheren Einstieg in diese Erzählwelten suchen. Das Buch nimmt einen alten Bekannten ins Visier, Kommissar Evert Bäckström - korrupt, faul, versoffen und der Albtraum jedes anständigen Polizisten. Nach längerer Strafversetzung hat es Bäckström in die Zuständigkeit von Polizeidirektorin Anna Holt verschlagen, wo er einen Mordfall übernimmt: Ein alter Mann ist in der eigenen Küche per Topfdeckel erschlagen worden. Bäckströms Team zeigt sich bemerkenswert effizient, vielleicht, weil der Chef es wie kein Zweiter versteht, andere für sich arbeiten zu lassen. Dumm nur, dass seine Ergebnisse die Arbeit weiterer Kollegen im Revier erheblich behindern.

An der Grenze zur Satire zeigt "Sühne", warum Persson einer der meistgelesenen Autoren Schwedens ist: Da ist kein Wort zu viel, jeder Seitenhieb sitzt, der Verlauf ist unvorhersehbar und die eingestreuten Zusatzinformationen - etwa zur zwielichtigen Geschichte der "Großen Polizeimedaille in Gold" - das reine, abseitige Vergnügen.

Leif GW Persson: Sühne. btb, 2009, 448 Seiten, 19,95 Euro. Dieses Buch bei Amazon bestellen...

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Der Kommissar als Wirrkopf

"Higegatte" nennt Kommissar Adamsberg hartnäckig den Friedhof Highgate in London, wo er und sein Stellvertreter Danglard einen merkwürdigen Fund machen. Vor den Toren stehen siebzehn Schuhe, komplett mit skelettierten Füßen, die noch im Schuhwerk stecken. Die beiden Pariser Polizisten hat es nach London zum Polizeikongress verschlagen, im Kreis europäischer Kollegen soll die "Regelung der Migrationsströme" beraten werden. Das ist nicht wirklich der Fall des verträumten Adamsberg, der Strömen viel lieber ihren Lauf lässt. Anderseits versteht der Kommissar ohnehin kein Englisch. Und die bleichen Füße vor "Higegatte" finden bald schon eine Entsprechung in einem grausigen Mord im Pariser Villenviertel, wo ein älterer Herr komplett zerfetzt in seinem Salon aufgefunden wird. Der Zusammenhang? Den kann man getrost Adamsbergs Intuition überlassen, ergänzt durch Danglard, der alles weiß, was es auf der Welt zu wissen gibt. Genügt zu sagen, dass sich der Kommissar später nach Serbien aufmacht, um in einem Dorf das Grab von neun Untoten zu untersuchen - oder das, was die Dorfbewohner ganz sicher dafür halten.

Es geht also um Vampire, Vampirjäger und Aberglauben in Fred Vargas' neuem Buch und um einen Kommissar, der nicht nur seinen Revierskollegen abwechselnd als Wirrkopf und Heiliger erscheint. Jahrelang hat Vargas als Archäologin ihre erfolgreichen Bücher in den Pausen zwischen Ausgrabungen entworfen, mittlerweile ist sie hauptberuflich Schriftstellerin. Adamsberg sei ihr Gegenstück, sagt sie, bedächtig und keineswegs bereit, sein Tempo der schnelleren Welt um ihn herum anzupassen. Mit ihm komme sie zur Ruhe.

Ihrer Millionenleserschaft geht es genauso. Die Heiterkeit dieser Romane - in denen auch mal kräftig Blut fließen kann - und die schlichte Gelassenheit der zentralen Person schaffen ein Lesevergnügen, in das man sich fallen lässt wie in einen Lieblingssessel.

Fred Vargas: Der verbotene Ort. Aus dem Französischen von Waltrud Schwarze, Aufbau, 2009, 423 Seiten, 19,95 Euro.

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Der Detektiv als Tunte

In Istanbul macht ein Killer Jagd auf junge Transvestiten: Das ist der Ausgangspunkt von Mehmet Murat Somers "Die Prophetenmorde", in dem der vielleicht erste Transvestiten-Detektiv aller Zeiten seinen Auftritt hat. Der Held bleibt namenlos, Ermittler ist er nur in der Freizeit. Tagsüber arbeitet er als IT-Experte, nachts verwandelt er sich in die perfekt gestylte Besitzerin eines Transenklubs. Dort werden die Stammgäste systematisch beseitigt, die die Namen von Propheten tragen. Auf die Polizei ist kein Verlass. Gut, dass der selbst ernannte Detektiv über Kenntnisse in Aikido und Thai-Boxen verfügt.

"Paranoia ist etwas durchaus Nützliches und sorgt dafür, dass man vorsichtig lebt", sagt Somers Held an einer Stelle. Der Satz liest sich wie ein Leitmotiv des homosexuellen Alltags in der Türkei, wo eine breite soziale und religiöse Ächtung de facto in einen Zustand der Rechtlosigkeit mündet. Mit seinen Thriller schreibt Somer gegen diesen Missstand an, der Begriff lässt sich lose mit "Tunten-Krimi" umschreiben. In der Türkei sind seine Romane ein Erfolg, was laut Somer auch daran liegt, dass diejenigen, die daran Anstoß nehmen könnten, gar nicht auf die Idee kommen, sie zu lesen. "Belletristik hat hier keine große Tradition." Somer will mit seinen Büchern weniger schockieren als eine Szene feiern, der er sich zugehörig fühlt, mit glamourösen "Mannmädchen", die das leben, wovon andere nicht einmal zu sprechen wagen.

Mehmet Murat Somer: Die Phrophetenmorde. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Tropen Verlag, 240 Seiten, 19,90 Euro. Dieses Buch bei Amazon bestellen...

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Schmierige Typen, präziser Stil

Eine Handvoll mäßig begabter Gauner träumt vom letzten großen Coup - die Geschichte ist bekannt, und man wird nicht müde, sie wieder und wieder zu hören. "Seit Langem schon war uns all das, das Ausführen von Befehlen, die Revolver unter unseren Jacken, die Art und Weise, wie wir auf der Straße gegrüßt wurden und üble Begegnungen hatten, war uns all das über ... Es kommt eine Zeit, da träumt man von was anderem."

Der Handlungsablauf steht natürlich so fest wie das Dur-Moll-Dur eines Hollywood-Liebesfilms. Selbst wenn der Coup an der französischen Küste gelingt, kann er nicht gelingen. Vor allem die Form ist es, die interessiert: Wie die alte Kiste dazu bringen, in neuer Frische aufzuspielen?

Tanguy Viels großartig geschriebenes Buch "Das absolut perfekte Verbrechen" spielt auf 152 Seiten im schmierigen Gangstermilieu. Spätestens seit den 1960ern ist die Liebe französischer Erzähler zum US-Import des Crime Noir ein fester Bestandteil einer bedeutenden Film- und Schreibkultur. Darauf bezieht sich der 1973 geborene Viel, und wenn sein Roman sich liest wie ein Film - knappe, fließende Impressionen, ultrapräzise Schnitte -, dann steckt darin auch die postmoderne Antwort auf zahllose Romanverfilmungen. "Das absolut perfekte Verbrechen" ist die Rückgewinnung des Kinos als Text im Taschenformat - und nebenbei die ideale Lektüre für jeden, dem das Kriminalgenre für gewöhnlich schlicht zu geschwätzig ist.

Tanguy Viel: Das absolut perfekte Verbrechen. Verlag Klaus Wagenbach, 152 Seiten, 16,90 Euro. Dieses Buch bei Amazon bestellen...

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So sind sie, die Superfrauen

Doppelbelastung ist, wenn am selben Tag das BKA um deine Dienste wirbt und der Schuldirektor dringend zum Gespräch bittet, weil der Sohn im Fahrradschuppen eine "Penisrakete" gebastelt hat. Beides erlebt Kriminalkommissarin Bettina Boll zu Beginn von Monika Geiers neuem Roman "Die Herzen aller Mädchen", in dem es im Weiteren um wertvolle Bücher, Paketbomben in Dichterhaushalten und den Handel mit gefälschter Kunst gehen wird. Und natürlich um Kindererziehung und Babysitterprobleme. Frau Boll hat die Hände voll, trotzdem schafft sie es, mit dem Hauptverdächtigen im Paketbombenfall eine Affäre anzufangen. So sind Superfrauen: rothaarig, gewitzt und im richtigen Moment einfach nur Mensch.

Monika Geier stürzte ihre Kriminalkommissarin von Anfang an in wirbelsturmartige Betriebsamkeiten, nun sind wir in der fünften Folge angelangt, wo die Autorin souverän mit ungefähr sechs Bällen gleichzeitig jongliert. Ein Erzählstrang läuft dabei scheinbar für sich: Lisa, träumend, an einem Strand im Sommer. Beinah beruhigend wirken diese urlaubshaften Oasen inmitten der Hektik und geben doch Grund zur Unruhe: Was will uns "Lisa" sagen? Wer ist sie überhaupt? Erst gegen Ende kommen wir der Unbekannten auf die Spur, und damit dem Schlüssel zu einem turbulenten Fall, der nicht die Bodenhaftung verliert, die Bettina Boll - Mutter, Polizistin, zuweilen Sexbombe - garantiert.

Monika Geier: Die Herzen aller Mädchen. Ariadne/Argument Verlag, 348 Seiten, 11,00 Euro.

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Und nun eine Abkühlung

Es ist Heiligabend im kanadischen Montreal, und in einer leeren Wohnung entdeckt Kommissar Emile Cinq-Mars einen toten Weihnachtsmann. Der Kostümierte hängt in einem Schrank am Fleischerhaken, um den Hals trägt er Weihnachtsgrüße an den Kommissar. Der weiß auch gleich, was hier gespielt wird: Seit Jahren erhält Cinq-Mars Ermittlungstipps von einem unbekannten Anrufer. Der tote Junge im Kostüm war dessen Informant. Ist nun die Zeit gekommen, wo Cinq-Mars für seine steile Karriere zahlen muss?

"John Farrow hat mir die Türen eingetreten", sagt der Autor Trevor Ferguson, der "Eishauch" 1999 unter Pseudonym herausbrachte und als "John Farrow" die riesige Leserschaft fand, die ihm mit anspruchsvollen Romanen unter eigenem Namen versagt blieb. In Kanada wurde bei Erscheinen nicht nur der "literarische" Zugang zum Genre, sondern auch das vielschichtige Bild Montreals gepriesen, eine Stadt im Clinch zwischen Biker-Gangs, der russischen Mafia und dem US-Geheimdienst. Stark sind die atmosphärischen Schilderungen; die schneebedeckten Straßen und städtische Grünanlagen, die sich im Laufe der Ermittlungen immer weiter mit Eis überziehen.

John Farrow: Eishauch. Aus dem Englischen von Friederike Levin, Knaur, 587 Seiten, 8,95 Euro.

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