Die erste Begegnung mit Götz Friedrich war für mich sehr beeindruckend. An der Komischen Oper bereitete ich seinerzeit die Wiederaufnahme von Mozarts „Zauberflöte“ in der Inszenierung des Intendanten Walter Felsenstein vor. Damals war der Regisseur Götz Friedrich noch sein szenisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter. Und er hatte die ganze Konzeption zur „Zauberflöte“ derart genau, akribisch vorgearbeitet für Felsenstein, dass ich einfach überrascht war, wie viel man aus einer Partitur und der Geschichte herauslesen kann.

Für mich war eine solche Vorbereitung sowohl inhaltlich als auch von der musikalischen Seite her ein absolutes Neuland. Sicherlich hatte Götz Friedrich seine Studien auf Basis der „Zauberflöten“-Produktion erarbeitet, aber es war so, dass ich mich am Pult bestätigt fühlte, dass die Oper weit mehr war als das, was Felsenstein immer etwas zynisch als „ein kostümiertes Konzert“ bezeichnete. Es war die Erkenntnis, dass Oper immer eine Partnerbeziehung zwischen Theatralischem und Musikalischem herstellen muss. Damit begann meine Arbeit an der Komischen Oper.

Unser Kennenlernen fand genau genommen auf der dokumentarischen Ebene statt. Darüber hinaus konnte ich bei Götz Friedrich schnell feststellen, dass dieser junge Regisseur so tief in die Musiktheater-Arbeit eingetaucht war, dass auch ein gestandener Mann wie Felsenstein davon profitieren konnte.

Mit Götz Friedrich verbinden mich zwei besonders tief greifende Momente der Zusammenarbeit. Das waren unsere gemeinsame „Cosi fan tutte“-Produktion von 1962, wo er die Regie führte, und dann im darauffolgenden Jahr die von ihm bis heute unübertroffene Inszenierung von Richard Strauss' „Salome“. Nach der Generalprobe hat Felsenstein uns gesagt: „Ihr habt daraus ein Elementarereignis gemacht!“ Wobei wir beide wirklich darum gerungen haben.

Er war ein besessener Regisseur

Mit Götz Friedrich konnte man sich wunderbar streiten. Wir haben uns bei der „Cosi“ heftig gestritten, die er als fast realistisches Musiktheater hat spielen lassen. Meine Sicht auf Mozarts Stoff, Figuren und Musik war eine andere. Die „Salome“ dagegen war eine der einheitlichsten Produktionen, die ich an der Komischen Oper machen konnte. Das hing auch an seiner Identifikation mit dem Stoff, der ohne die Musik von Richard Strauss keine Lebensfähigkeit haben würde, zusammen. Götz Friedrich war eben ein besessener Regisseur. Und er war manchmal, wie Felsenstein glaubte, ein wenig zu eitel. Götz Friedrich wäre leidenschaftlich gerne der Nachfolger von Felsenstein an der Komischen Oper geworden. Das hat leider nicht stattgefunden. Unser beider Verhältnis zu Felsenstein war sehr verschieden. Auch, weil der eine Regisseur, der andere Dirigent war. Bei Götz Friedrich war es von den persönlichen Ambitionen, die Nachfolge anzutreten, geprägt. Schließlich ist er 1972, als er eine Gastinszenierung in Drottningholm machte, nicht mehr in die DDR zurückgekehrt, sondern über Hamburg an die Städtische Oper nach Charlottenburg gegangen und hat ein künstlerisch überaus erfolgreiches Leben geführt. Aber irgendwo, das habe ich immer so gefühlt, wäre er auch gerne an der Komischen Oper geblieben. Sein Herz schlug immer auch für jenes Gesamtkonzept Komische Oper Berlin, das er mit Felsenstein entworfen hatte.

Friedrichs Verhältnis zu Felsenstein war deshalb auch immer davon geprägt, dass er Ansprüche als Regisseur formulierte. Dagegen bestand meine Position in der absoluten Identifikation mit Felsensteins Auffassungen vom Musiktheater, wonach die Einheit von Musik und Theater immer das Zwingendste in der Zusammenarbeit war. Dass ich die Komische Oper verlassen habe, hatte ganz andere Gründe als bei Götz Friedrich. Als ich nach nur vier Jahren wegging, fühlte Felsenstein sich brüskiert, wir haben neun Stunden darüber diskutiert. Ich habe ihm klar machen müssen, dass für mich als jungen Dirigenten diese festgelegten Musiktheater-Werte einfach hemmend geworden waren. Ich merkte, dass ich immer mehr verkrampfte und die musikalische Geschmeidigkeit zu verlieren drohte. Aber ich habe in keiner Zeit mehr gelernt, als in diesen wenigen Jahren an der Komischen Oper. Dafür bin ich gerade auch Götz Friedrich sehr dankbar. Wir sind damals zu einer Familie zusammen gewachsen.

Als ich 1964 die Komische Oper verließ, begannen in der DDR einige schwere Jahre für mich. Auf unsere Freundschaft hatte das aber keine Auswirkung. Wenn Götz Friedrich und ich uns begegneten, war mehr die Nostalgie bestimmend als die augenblickliche Situation. Wir fühlten uns als Protagonisten der Komischen Oper, ja des Musiktheaters schlechthin. Auch als Götz Friedrich im Westen blieb, gab es keine Trübung unserer Freundschaft. Ich habe ihn später manchmal besucht. Er wollte, dass ich bei ihm dirigiere. Was sich aber nie ergeben hat. Bis zum Schluss habe ich Verbindung zu ihm gehabt, so oft ich konnte. Manchmal besuchte ich Vorstellungen in der durch ihn geprägten Deutschen Oper Berlin.

Wahrlich keine Berührungsängste

In den Neunzigerjahren, nach der Wiedervereinigung, hatten wir wahrlich keine Berührungsängste, aber leider kaum Berührungsmöglichkeiten. Das war sehr schade. Bei mir nahm die internationale Tätigkeit immer mehr überhand. Bei unserer letzten Begegnung in Berlin wollte er, dass ich doch noch einmal an seinem Haus dirigiere und mit ihm gemeinsam eine neue Produktion mache. Aber das war zeitlich nicht machbar, ich bin andauernd zwischen Leipzig und New York hin- und hergeflogen. Von seinem Tod habe ich unterwegs – ich glaube – aus den Nachrichten erfahren. Es hat mich sehr traurig gestimmt, auch, weil ich nicht an der Trauerfeier teilnehmen konnte. Götz Friedrich und mich hat bis zum Ende eine echte Freundschaft verbunden.

Was zeichnete den Regisseur und Intendanten Götz Friedrich aus? Es war die Besessenheit eines großen Theatermanns. Er war ein sehr kluger Mann, er war sehr gebildet, sehr vielseitig, sehr fantasievoll, hatte seinen ganz eigenen Humor. In seiner Haltung hatte er für mich die größte Ähnlichkeit zu Felsenstein gehabt. Ich erkläre es am besten mit einem kleinen Bonmots, das seinerzeit durch die Komische Oper getragen wurde. Denn eines Tages kam ein Sänger zu Felsenstein und sagte, er könne morgen nicht kommen, weil seine Frau verstorben sei. Und Felsenstein soll ihm geantwortet haben: „Aber morgen ist doch die Hauptprobe.“ Nein, das war kein Ausdruck von Unmenschlichkeit, an der Komischen Oper ging es immer sehr menschlich zu. Aber da gab es dieses Brennen fürs Theater. Götz Friedrich lebte diese absolute Identifikation mit der Oper. Das war seine Größe.

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Unser Autor Kurt Masur war fast 30 Jahre lang Kapellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, war Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra und Musikdirektor des London Philharmonic Orchestra. 2010 erhielt der 83-Jährige den Echo Klassik für sein Lebenswerk.