Er war nicht nur engster Vertrauter der Choreographin Tatjana Gsovsky, sondern als Tänzer und Protagonist verkörperte er in idealer Weise die großen Rollen in ihren Balletten, die er mit starkem Ausdruck und großer Allüre tanzte. Er begeistere und bewegte die Herzen seines Publikums nicht nur in Berlin, sondern ebenso in Düsseldorf und Buenos Aires.
Nach seiner Tänzerkarriere wirkte er als langjähriger Ballettdirektor der Deutschen Oper Berlin (1962-1990) und es führte in Berlin kein Weg an ihm vorbei, wenn es um das klassische Ballett ging. Egal ob vor oder hinter der Bühne, Gert Reinholm war ein Theatermann und Bühnenmensch durch und durch. Für das Ballett der Deutschen Oper Berlin schuf er ein immenses Repertoire, von großen klassischen Werken bis zu ganz modernen Choreographien. Erst nach seinem Tode bemerkte die Berliner Tanzszene, was Gert Reinholm alles nach Berlin gebracht hatte und was er ermöglicht hatte; er präsentierte Choreographen und Tänzer von Rang und Namen, aber auch jene, die sich diesen Ruf noch ertanzten und deren Potenzial er erkannt hatte. Der Ballettkritiker Klaus Geitel schrieb aus Anlass der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Oper Berlin 1990: Gert Reinholm: Tänzer - Sammler - Finder. Die Festschrift liest sich wie ein "Who is Who" der Ballettwelt: neben seinem damaligen Intendanten Professor Götz Friedrich haben Yvette Chauviré, Margot Fonteyn, Maurice Béjart, Roland Petit, Kenneth MacMillan, Hans Werner Henze, John Neumeier, Peter Schaufuss, Marcia Haydée, Konstanze Vernon und viele andere sehr persönliche und herzliche Glückwünsche verfasst.
Gert Reinholm war eine international anerkannte Autorität, deren Rat und Erfahrung immer wieder gefragt war, aber er war auch ein sehr empfindsamer Mensch, der sich altruistisch um andere kümmerte. Er war ein beeindruckender Mensch, er war keiner, der sich verstecken konnte und doch war er immer von uneingeschränkter Bescheidenheit für seine eigene Person. Gert Reinholm war eine Persönlichkeit, die sich nicht verbiegen ließ, jemand, der auch bei Widerständen an seinen moralischen Grundsätzen festhielt. Besonders dafür wurde er verehrt und geliebt.
Ich selbst hatte das Glück alles von ihm zu lernen, was ich in meinem Beruf benötige. Gert Reinholm war nicht nur mein erster Ballettdirektor, sondern viel mehr: er war bis zu seinem Tode mein Mentor. Nachdem er mich 1987 engagiert hatte, fanden wir nach geraumer Zeit heraus, dass wir am gleichen Tage geboren wurden und haben unsere tiefe Verbundenheit auf diesen Umstand zurückgeführt. Ich bin unendlich dankbar, dass ich Gert Reinholm begegnet bin und vermisse auch noch fünf Jahre nach seinem Tod die fachlichen Beratungen, die Gespräche und den Austausch. Visionen zu haben und diese möglichst umzusetzen, war eine seiner großen Stärken. Gert Reinholm wollte, dass der Tanz, das Ballett auch den Kindern nahegebracht wird, die bislang keine Gelegenheit hatten, diese Kunstform kennenzulernen. Es war sein Traum, den Tanz bereits bei den Kindern zu verankern. Als Pädagoge seiner Berliner Tanzakademie sorgte er für eine professionelle Tanzausbildung, aber er wollte noch weiter gehen: der Tanz sollte auch die Kinder und Jugendlichen erreichen, die keine Profis werden würden. Sie sollten die Kunstform Tanz kennenlernen, lieben lernen, sich bewegen und körperlich ausdrücken können ohne jede Sprachbarriere. Gert Reinholm wollte aber auch den Wunsch in den Kindern wecken, Ballett und Tanz anschauen zu wollen. Er hatte bereits die Idee von dem, was man heute "Audience development" nennt.
Diesen Wunsch konnte er zu Lebzeiten aber nicht mehr realisieren. Da Gert Reinholm Kinderlos geblieben war, hat er seinen Nachlass dem Verein Berliner helfen vermacht und seine Absicht, was mit dem Vermächtnis geschehen soll, im Testament benannt.
So kommt es, dass heute die Vision von Gert Reinholm Realität geworden ist, denn dank Berliner helfen e.V. konnte der Verein "Tanz ist Klasse! e.V." gegründet werden, der als Educationsprogramm mit dem Staatsballett Berlin, genau diesen letzten Willen von Gert Reinholm pflegt und begleitet. Damit das Erbe nicht zu schnell aufgezehrt wird und eine Nachhaltigkeit gegeben ist, wirbt "Tanz ist klasse! e.V." immer auch um weitere Spenden. Der gemeinnützige Verein soll in der Zukunft auf eigenen Beinen stehen können und den letzten Wunsch Gert Reinholms weiterhin mit Leben erfüllen. Seit der Gründung des Vereins "Tanz ist klasse!" im Jahr 2007 sind bis heute bereits über 8000 Schülerinnen und Schüler erreicht worden. Die Kleinsten beginnen mit dem Kreativen Kindertanz, in dem sie sich spielerisch an den Tanz annähern, ihr Rhythmusgefühl und den natürlichen Bewegungsdrang fördern, Bewegungsängste abbauen und das Selbstvertrauen stärken.
Unser Workshop-Angebot für Schulklassen, ermöglicht den Kindern und Jugendlichen einen Einblick hinter die Kulissen des Staatsballetts Berlin. Unter der Anleitung unserer erfahrenen Tanzpädagogen tanzen sie die eine oder andere Szene nach oder erarbeiten neue Bewegungsabläufe. Selbstverständlich darf hier ein Blick in das Training der Compagnie nicht fehlen.
Innerhalb unserer mehrjährigen und nachhaltigen Partnerschaften gehen unsere Tanzpädagogen regelmäßig in die Schulen und erarbeiten mit den Schülerinnen und Schülern Themenschwerpunkte, die stets in einer Aufführung der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Derzeit entwickelt Tanz ist klasse! Lehrmaterialien für die allgemeinbildenden Schulen. Die Materialien enthalten Arbeitsblätter für Schüler wie für Lehrer und ermöglichen die Vernetzung von Tanz und Ballett mit den allgemeinbildenden Schulfächern. Anhand zweier beispielhafter Produktionen werden Anknüpfungspunkte angeboten, die innerhalb unterschiedlichster Fächer aufgenommen werden können. Nicht nur für Partnerschulen - wie die Erika-Mann-Grundschule im Berliner Wedding, die mit unserer Hilfe den Tanz im Schulunterricht implementiert - das Lehrmaterial soll für jedermann zugänglich sein, um Bewegung und Wissen zu verbinden.
Die Autorin Dr. Christiane Theobald ist stellvertretende Intendantin des Berliner Staatsballetts
"Visionen zu haben und diese möglichst umzusetzen, war eine seiner großen Stärken"
Christiane Theobald, Schülerin und Weggefährtin von Gert Reinholm


