Kartenverkäufe

Diese Berliner Bühnen kommen am besten an

Zahlen sagen nicht viel aus über die künstlerische Qualität. Doch sie zeigen deutlich, welche Theater in Berlin beim Publikum am besten ankommen. Die Deutsche Oper konnte ihre Auslastung steigern, die Komische Oper verliert.

Foto: Christian Kielmann

Die Deutsche Oper liegt wieder vorn: Zumindest in der Zuschauergunst hat sie die Konkurrenz von der Staatsoper klar auf den zweiten Platz verwiesen: 143.000 Karten verkaufte das von Kirsten Harms geleitete Haus an der Bismarckstraße im ersten Halbjahr 2010. Das sind rund 19.000 Tickets mehr als die Staatsoper absetzen konnte, die in diesem Zeitraum noch im Stammhaus Unter den Linden spielte. Mittlerweile sind die beiden Häuser näher zusammengerückt, seit Anfang Oktober dient das Schiller-Theater als Ausweichspielstätte. Weil in der früheren Sprechbühne die Kapazität mit knapp 1000 Plätzen arg beschränkt ist, dürfte die Deutsche Oper ihre Position in den nächsten Jahren locker behaupten.

Aber die Staatsoper kann sich trösten. In ihrer Paradedisziplin liegt sie vor allen anderen Berliner Theatern, wobei Bühnen mit weniger als 10.000 Besuchern in diesem Artikel nicht berücksichtigt werden: 89 Prozent beträgt die Auslastung – und gezählt werden in der Statistik der Senatskanzlei, die Morgenpost Online vorliegt, nur die verkauften Karten. Bei der tatsächlichen Auslastung kommt die Staatsoper auf mehr als 90 Prozent.

Den beachtlichsten Sprung in diesem Bereich aber macht die Deutsche Oper: Intendantin Kirsten Harms, die das Haus im kommenden Sommer verlässt, verbesserte die Auslastung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um satte 15 Prozentpunkte, von 61 auf 76 Prozent. Und zwar nicht, weil die Zahl der Vorstellungen radikal reduziert wurde, sondern dadurch, dass rund 20.000 Tickets mehr abgesetzt wurden.

Da die Gesamtzahl der Besucher bei der Opernstiftung einschließlich des Staatsballetts mit 409.000 nahezu konstant blieb, ist – analog zu den „Wählerwanderungen“ bei Abstimmungen – ein Blick auf die Verschiebungen reizvoll: Während sich die „Besucherverluste“ bei der Staatsoper (3000 weniger) und dem Staatsballett (minus 3500) noch in Grenzen halten, musste die Komische Oper beim Kartenverkauf einen Rückgang von knapp 11.000 Tickets hinnehmen. Weil gleichzeitig die Zahl der Vorstellungen reduziert wurde, sank die Auslastung nur von 58 auf 56 Prozent. Das ist der niedrigste Wert unter den großen Bühnen!

Als sich der Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses in seiner jüngsten Sitzung mit den Zahlen beschäftigten sollte, stießen sie auf verhaltenes Interesse. Im Mittelpunkt der Beratung stand die Situation der Opernorchester. Zur Lage an der Komischen Oper befragt, sagte Peter F. Raddatz, der Generaldirektor der Opernstiftung, dass man bezüglich der Steigerung der Auslastung auf den neuen Intendanten setzte. Der löst Andreas Homoki allerdings erst im Sommer 2012 ab. Deshalb fordert Alice Ströver, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, dass Klaus Wowereit (SPD) „nicht länger wegguckt“. Der Regierende Bürgermeister und Vorsitzende der Opernstiftung „muss reagieren, weil das Konzept von Intendant Andreas Homoki offenbar nicht aufgeht“. Die Komische Oper gerate angesichts der „miserablen Zahlen nur deshalb nicht in eine ökonomische Schieflage, weil das Haus finanziell gut ausgestattet ist“, betonte Alice Ströver gestern. Gut 22 Euro erlöst die Komische Oper pro Karte. Zum Vergleich: Die Staatsoper kommt auf 47 Euro, die Deutsche Oper auf knapp 43 Euro.

Auch der Friedrichstadtpalast erzielt mit 42 Euro Erlös pro Karte einen ordentlichen Wert. Das Revuetheater fand unter dem neuen Intendanten Berndt Schmidt in die Erfolgsspur zurück. Im 1. Halbjahr 2010, es lief noch die Show „Qi“, verkaufte das Haus 187.000 Karten, die Auslastung stieg von 66 auf 77 Prozent. Ein offenbar beliebter Wert, den auch das Staatsballett, die Neuköllner Oper und das Berliner Ensemble erzielen. Unter den Sprechtheatern ist das das beste Ergebnis. Das von Claus Peymann geführte Haus liegt auch bei den Besuchern (104.000) auf dem ersten Platz, wobei die Statistik nur vom Staat subventionierte Bühnen umfasst.

In der Zuschauergunst folgen das Deutsche Theater (99.000, 75 Prozent Auslastung) und die Volksbühne, die im ersten Halbjahr 2010 auf eine Bestuhlung verzichtete und das Publikum auf Seesäcken Platz nehmen ließ: Mit 63.000 wurden zwar mehr Tickets in mehr Aufführungen verkauft, dennoch fiel die Gesamtauslastung durch die verringerte Kapazität von 70 auf 65 Prozent zurück. Im Schnitt erlöst die Volksbühne pro Karte etwa zehn Euro, halb so viel wie das Berliner Ensemble, und weniger als das Maxim Gorki Theater (12 Euro). Die von Armin Petras geleitete Bühne verkaufte 51.000 Tickets (ein Plus von 5000), die Auslastung lag bei 75 Prozent. Rund 9000 Tickets mehr als im Vergleichszeitraum konnte die Schaubühne (55.000) verkaufen, die Auslastung stieg auf 74 Prozent.

Den größten Sprung legte das Renaissance-Theater hin: Intendant Horst-H. Filohn steigerte die Auslastung von 49 auf 66 Prozent, gleichzeitig setzte das Haus mit 42.000 Tickets über 12.000 Karten mehr ab. Auch die beiden großen Kinder- und Jugendtheater legten zu, allerdings recht unterschiedlich: Das Grips Theater hatte knapp 51.000 Zuschauer und damit 12.000 mehr (85 Prozent Auslastung), das Theater an der Parkaue zählte 37.000 Besucher (ein Plus von 1500) und kam auf eine Auslastung von 79 Prozent.

Auslastungszahlen, von denen die Komische Oper nur träumen kann. Aber vielleicht reißt die Weihnachtsproduktion für das junge Publikum das Ruder herum.