Charakter Design

Warum Yetis zum Pictoplasma Festival gehören

Das weltweit führende und größte Festival für zeitgenössisches "Charakter Design" kehrt zurück an die Spree. Ein Gespräch mit dem Kurator Peter Thaler über Yetis, Berlin als europäische Kunstmetropole und die Teletubbies Kunst.

Foto: Pictoplasma

Haarige Yetis, ungewöhnliche Figuren – das Pictoplasma Festival hat am Mittwoch in Berlin begonnen. 25 Galerien und Projekträume in Mitte zeigen noch vier Tage lang Comic- und Animationsfiguren, sogenannte Characters. Dazu lüften Künstler und Designer, unter anderem Southpark-Chef-Animator Ryan Quincy, auf einer Konferenz im Kino Babylon gegenüber der Volksbühne in Mitte die Geheimnisse ihrer Figuren. Mit einem der beiden Kuratoren des Pictoplasma Festivals, Peter Thaler, sprach Lars Petersen.

Morgenpost Online: Herr Thaler, Kunst ist, was gefällt. Sie werben mit tanzenden, zotteligen Yetis. Warum sollte ich mir so etwas ansehen?

Peter Thaler: Die Yetis sind so etwas wie ein wandelndes Maskottchen des Festivals. Sie spielen eine aussterbende Gattung, von der es an sich keine einzigen realen Bilder gibt, und doch hat jeder Mensch sofort ein klares Bild vor Augen. Das finden wir spannend. Unsere Yetis sind geschlechtslos, sie haben zwei Augen und ein unergründliches Lächeln. Sie verfügen damit über Eigenschaften, die sich sehr gut als Projektionsfläche für alle möglichen menschlichen Befindlichkeiten eignen.

Morgenpost Online: Der Reiz des Festivals liegt also darin, zu ergründen, ob beispielsweise die Yetis traurig oder glücklich sind?

Peter Thaler: Genau. Es geht bei der Gestaltung der Figuren um die Reduzierung auf das Wesentliche, um damit Platz zu schaffen für Interpretation. Viele Figuren spielen mit den Emotionen der Beobachter, indem sie Schlüsselreize ansprechen. Bei den Yetis etwa wird der Beobachter zum Nachdenken angeregt: Woher kommen sie, was wollen die haarigen Figuren mir sagen, wohin gehen sie?

Morgenpost Online: Und die Antwort?

Peter Thaler: Die gibt vielleicht die Abschlussparty des Festivals am Sonnabend in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Morgenpost Online: Sind dann Teletubbies ebenfalls reduzierte Kunstfiguren – oder doch einfach nur nervig?

Peter Thaler: Teletubbies als Kunst zu bezeichnen ist natürlich Quatsch. Das Gegenteil von Kunst als nervig zu bezeichnen aber auch. Aber, nicht alles, was ein guter Character ist, muss unbedingt Bildende Kunst sein. Wir jedenfalls finden ebenso viele starke Arbeiten aus den Bereichen der angewandten Grafik, der Illustration, der Werbung oder der Robotik. Wichtig für uns ist immer, ob es eine Figur schafft, uns von ihrer Existenz zu überzeugen, also ob wir das Gefühl bekommen, es handelt sich um einen echten Charakter.

Morgenpost Online: Woher kommt eigentlich die Idee zu diesen Figuren?

Peter Thaler: Es geht um Figuren ohne narrativen Hintergrund, also nicht um Mickey Maus oder Bernd das Brot, die ja spezielle Geschichten erzählen und eine Biografie haben. Die Figuren, die uns interessieren, sind auf das Wesentliche reduziert, funktionieren wie eine Sprache, über alle Grenzen hinweg. Sie erkennt ein Japaner genauso wie ein Europäer oder Amerikaner. Sie sind ein interkulturelles Werkzeug. Mit der Entwicklung des Internets haben sie einen weltweiten Siegeszug erlebt. Da anfangs das Internet so langsam war, hat es länger gedauert, etwas hochzuladen. So musste man Figuren auf das Wesentliche reduzieren. Heute sind Characters auf Hinweisschildern, in der Mode, in der Kunst oder in der Werbung zu finden.

Morgenpost Online: Sie haben schon in London, New York oder Paris ausgestellt. Doch seit mehr als zehn Jahren ist Ihr Sitz nun Berlin. Was ist in Berlin so viel besser als in anderen Metropolen?

Peter Thaler: Die Stadt hat infrastrukturell Vieles zu bieten. 24 Galerien sind zu Fuß erreichbar, das ist nicht in vielen Städten so möglich. Aber letztlich ist es einfach so, dass wir hier wohnen, und das die Sache natürlich für uns schlicht einfacher macht.

Morgenpost Online: Es fällt auf, dass in der Torstraße besonders viel ausgestellt werden. Wie kommt das?

Peter Thaler: Ja, das stimmt. In der Gegend gibt es eben sehr viele Galerien, was vor allem mit dem dortigen Häuserleerstand zusammenhängt. Und dort haben die Gebäude immer noch diesen unsanierten Chic.

Morgenpost Online: Auf der Konferenz im Kino Babylon wird heute auch der Chef-Animator der erfolgreichen US-Comicserie Southpark, Ryan Quincy, sprechen. Was ist von ihm zu erwarten?

Peter Thaler: Er hat wie viele andere große Namen in diesem Bereich eine ganz andere Seite. Quincy macht haarige Figuren mit großen Köpfen, die nicht unbedingt freundlich gucken. Die Characters muten zwar schräg und comichaft an, haben aber rein gar nichts zu tun mit den Figuren aus Southpark.

Morgenpost Online: War es eigentlich schwierig, so jemanden nach Berlin zu holen?

Peter Thaler: Im vergangenen Jahr hatten wir den Chef-Animator des Animationsfilms Iceage bei uns. Er hat sich sehr geehrt gefühlt, weil ihn die Underground-Szene einlädt und er damit nicht als großer Kommerzmacher angesehen wird, sondern die Szene seine Arbeit ernst nimmt. Das lässt sich sicherlich auch auf Ryan Quincy übertragen.

Morgenpost Online: Wie viele Zuschauer erwarten Sie zum Festival?

Peter Thaler: Auf der Konferenz sind 600 internationale Gäste angemeldet. Dazu kommen mehrere Tausend zu dem Character Walk, also dem Rundgang durch die Galerien und Projekträume, und der Abschlussperformance in der Volksbühne…

Morgenpost Online: … wo dann wieder die Yetis zu sehen sind…

Peter Thaler: Richtig! Sie zeigen rituelle Stammesperformances, tanzen zur Musik von Maximilian Hecker und Dan Deacon. Wer das sehen will, sollte sich aber beeilen, es sind nur noch wenige Karten zu haben.

Einladung zum Rundgang

Öffnungszeiten Die meisten Galerien haben täglich zwischen 12 und 20 Uhr offen. Die genauen Zeiten finden sich unter http://festival.pictoplasma.com .

Eintritt Während der gesamten fünf Tage des Festivals ist der Eintritt frei. Künstler Tipps, wie man sich am besten die Kunst erschließt, gibt ein Faltplan, der in der Galerie „111 a space for contemporary art“ (Torstraße 111) ausgegeben wird. Ausstellende Künstler sind unter anderem Ville Savimaa aus Finnland, Jeremy Dower aus Australien, The Blackheart Gang aus Südafrika, Raymond Lemstra aus Holland, Blexbolex aus Frankreich sowie Rina Donnersmarck aus Deutschland.

Abschluss Das Festival endet mit einem Konzert und einer Party am 9. April ab 20 Uhr in der Volksbühne.

Mehr Infos unter pictoplasma.com