Kaugummis und Aufkleber

Berlin-Besucher hinterlassen klebrige Spuren

"Ich war hier" - diese Botschaften sollen Kaugummis und Aufkleber, die auf Ampeln und Mauerstücke gepappt werden, transportieren. Auch wenn dies einige als Kunst verstehen , ist der Schaden groß.

Foto: Marion Hunger

Nico Busch kaut noch mal, fährt sich mit der Hand durch die blonden Strähnen, dann nimmt er den Kaugummi aus dem Mund. „Dahin?“, fragt der Zwölfjährige seinen Vater noch, und als der nickt, presst Nico die gelbe Masse flink auf das Mauerstück. Zufrieden mustert der Schüler aus Kiel sein Werk, ein kleiner heller Fleck inmitten einer rot-grün-braunen Kaugummi-Masse, die sich quer über den Beton zieht. „Sieht doch super aus“, sagt er.

Die sechs Mauersegmente am Potsdamer Platz sollen eigentlich an die Teilung der Stadt erinnern. Doch lässt sich hier seit einigen Monaten ein ganz neuer Trend beobachten: Tausende Kaugummis kleben an den einst bunt bemalten Platten, hinterlassen von Touristen, die an diesem denkwürdigen Ort ihren ganz persönlichen Abdruck hinterlassen wollen. „Ich war hier“, soll das signalisieren. Und auch wenn die klebrige Masse die geschichtsträchtige Graffiti-Kunst überdeckt: Ein eigenes Fotomotiv ist dieses Werk im Werk allemal. „Die Mauer steht für Unterdrückung, die Kaugummis für die neue Freiheit“, sagt Leander Vierschilling und macht noch ein paar Nahaufnahmen. Für den Geschichtslehrer aus Münster zeigt die bunte Beklebung aber auch etwas anderes. „Die jungen Leute, die sich hier verewigen, wissen von der Geschichte oft nicht mehr viel. Für sie ist das einfach eine Mauer, die man neu gestalten kann.“

Weltweiter Trend

Die Besucher an der Berliner Mauer folgen dabei einem weltweiten Trend. Längst hat der Kaugummi Eingang gefunden in die weltweite Streetart-Szene. Soll heißen: Er ist plötzlich Kunstobjekt und dient der kreativen Gestaltung des urbanen Raums. Legendär ist die „Gum Wall“ am Market Theatre in Seattle im US-Bundesstaat Washington, die schon mehrere Zentimeter dick ist. Anfang der 90er-Jahre nutzten die wartenden Theaterbesucher die Mauer, um Münzen anzukleben. Als Haftmittel dienten ihnen ausgelutschte Kaugummis. Irgendwann blieben die Kaugummis – ohne Münzen. Eine Attraktion ist auch die Bubblegum Alley im kalifornischen San Luis Obispo, eine Gasse, übersät von ausgelutschten Kaugummis der Passanten. Und der Brite Ben Wilson hat sich schon vor Jahren darangemacht, die festgetretenen Kaugummis auf Londons Straßen mit Bildchen zu verzieren. Mehr als 10.000 Miniatur-Kunstwerke hat der Künstler so geschaffen. Die Motive: Currywürste, Chevrolets, Zebrastreifen.

In Berlin indes wird die Beklebung der Mauerstücke für die zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zunehmend zum Problem. Der Grund: Die feste Substanz der Kaugummis beschädigt das Denkmal. „Sie zerstören einen Teil unseres historischen Gedächtnisses“, sagt Senatssprecher Mathias Gille. Bereits Ende August sollten die Mauerteile gereinigt werden. Doch selbst Fachleute waren machtlos. „Man kann die Mauer abkühlen oder Chemie einsetzen. Beides würde aber sowohl die Malereien auf dem Beton als auch den Beton selbst ruinieren“, sagt Gille. Auch vor dem Museum für Kommunikation in Mitte werden die Kaugummis zum Problem. Etliche Gäste kleben ihre Schilder, die sie am Einlass bekommen, nach ihrem Besuch mit Kaugummis auf die Ampel, Mülltonne oder das Halteverbotsschild. Die Ampel etwa ist als solche für Autofahrer kaum noch zu erkennen, rote, gelbe und blaue Aufkleber sind quer über die Signallichter geklebt. „Eine Reinigung wäre sinnlos“, sagt Benedikt Behm-Henkel vom Besucherservice des Museums. „Die Leute würden am nächsten Tag einfach weiterkleben.“

"Ein bisschen eklig ist es ja schon"

Machtlos ist auch die Stadtreinigung. Auf dem von Kaugummi verunzierten Alexanderplatz wurde erst jüngst eine Grundreinigung durchgeführt. Die Kosten in Höhe von 10.000 Euro haben sich Anlieger und Bezirk geteilt. Doch nach ein paar Wochen sah alles aus wie vorher: Die erst vor drei Jahren ausgelegten Granitplatten waren erneut mit ausgetretener Kaumasse übersät. „Eine Reinigung ist kosten- und zeitintensiv. Das ist keine Dauerlösung“, sagt BSR-Sprecherin Sabine Thümler. Nun kümmert sich das zuständige Bezirksamt um die Kaugummi-Plage. Zum Schutz vor den klebrigen Flecken soll der Platz um den Fernsehturm eine Art Teflon-Beschichtung bekommen. Dabei werden die vorhandenen Platten mit einer besonderen Schicht versiegelt, damit sich die Kaugummis leichter ablösen lassen. Die neue Beschichtung soll bis 2013 fertig aufgetragen sein.

Für die Mauerreste am Potsdamer Platz ist dagegen noch keine Lösung in Sicht. Man könne die Touristen lediglich noch stärker auf die Bedeutung des Mahnmals hinweisen, sagt Senatssprecher Gille. „Mehr können wir nicht tun.“ Vielleicht verlieren die Berlin-Besucher aber auch bald von allein die Lust an der zähen Masse. „Ein bisschen eklig ist das ja schon“, sagt Nico Busch noch. Die Spanierin Isabel Couto neben ihm nickt zustimmend. Widerlich finde sie die gedankenlos aufgeklebten Kaugummis. „Man klebt doch auch keine Kaugummis auf die New Yorker Freiheitsstatue.“