Rücktrittsstudie

Guttenbergs Selbstanklage ist wahre Kunst

Medienkritik spielt in allen Rücktrittserklärungen eine fatale Rolle. In der Kunst, scheinbare Reue als Entlastungsstrategie zu benutzen, übertrifft Guttenberg alle.

Rücktritte sind in Deutschland in Mode gekommen und haben überraschend schnell die Würde eines wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstandes erreicht. Melanie Seidenglanz vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim jedenfalls hat allein 2010 zwölf Rücktrittserklärungen gefunden, die sich für sie als „spannende Textsorte“ erweisen. Die dreizehnte, die des Freiherrn von und zu Guttenberg, lag ihr zum Zeitpunkt der Untersuchung noch nicht vor.

Auch so bilden die Politiker mit sechs Rücktritten die Hauptgruppe: Köhler, Koch, von Beust, von Welck (Kultursenatorin Hamburg), Speer (Innenminister Brandenburg) und Carsten Frigge (Finanzsenator Hamburg). Ihnen folgen mit Käßmann, Mixa, Jepsen drei Bischöfe. Den Reigen beschließen Thilo Sarrazin, Gerhard Ruden (Stasibeauftragter Sachsen-Anhalt) und Michael Offer (Pressesprecher Finanzministerium).

Der Schlussstrich wird zum Testament

Wer einen Schlussstrich zieht, hinterlässt ein Testament, schafft ein letztes Mal aus seinem Amt heraus Fakten, kann letztmalig das eigene Bild frisieren, Schuldzuweisungen aussprechen, Wünsche äußern. Dabei kommt es nicht nur auf Argumente, sondern eben auch auf „sprachlich-stilistische Wohlgeformtheit“ an. Und hier beginnt das Arbeitsfeld der Linguisten. Frau Seidenglanz kürt den Altbundespräsidenten zum Sieger: „Köhlers Rücktrittserklärung zeichnet sich durch hohe Textkohärenz aus, jedes einzelne Wort ist gezielt gesetzt.“

Medienkritik spielt in allen Rücktrittserklärungen eine fatale Rolle. Schneidend auch hier der frühere Bundespräsident: „Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. Sie lässt jeglichen Respekt für mein Amt vermissen.“ Mixa findet die ihn betreffenden sich „zusammenbrauenden Berichte ... in dieser oder jener Richtung tendenziös“, Bischöfin Jepsen zeiht die Medien, ihr „Schlimmes (zu) unterstellen“. Am weitesten geht Ex-Minister Speer: „Die Quelle dieser Vorwürfe ist dubios. Kriminelle Kreise sind offenbar involviert.“

"Opfer der Mediengewalt"

Das Resümee der Studie fällt wenig schmeichelhaft aus: „Sämtliche Äußerungen sollen von den eigenen Verfehlungen ablenken und stilisieren den Rücktretenden als Opfer der Mediengewalt.“

Ordnet man die Rücktrittserklärung des Verteidigungsministers in dieses Raster ein, so fällt die weiche, verbindliche Form auf. Köhlers Rücktritt „mit sofortiger Wirkung“ steht bei Guttenberg ein gewundener Satz gegenüber: „Ich habe in einem sehr freundschaftlichen Gespräch die Frau Bundeskanzlerin informiert, dass ich mich von meinen politischen Ämtern zurückziehen werde.“ In der Kunst, scheinbare Selbstanklage und Reue als Entlastungsstrategie zu benutzen, übertrifft der Freiherr alle seine Vorgänger. Den Zweifel, „ob ich den höchsten Anforderungen ... noch nachkommen kann,“ und das Eingeständnis, „ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht“, hat vor ihm kein anderer formuliert. Auch seinen Dank für die erfahrene Loyalität spricht von Guttenberg überschwänglicher als alle anderen aus.

Nur in einem gleichen sich alle diese Rücktrittserklärungen. In keiner von ihnen steht geschrieben: Wartet nur ab, ich komme wieder! Doch eben auch nicht das Gegenteil. Ein „Jetzt könnt ihr mich für alle Zeiten“ hat noch keiner ausgesprochen. Den Rücktritt vom Rücktritt muss man dann später auch nicht wortreich erklären.