Offener Brief im Netz

100.000 Unterschriften gegen Merkel

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Merkel verkündet Ministerwechsel

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Wechsel von Innenminister Thomas de Maiziere ins Verteidigungsressort bestätigt. Neuer Innenminister soll der bisherige Chef der CSU-Abgeordneten im Bundestag, Hans-Peter Friedrich, werden.

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60.000 Menschen haben bislang einen Internet-Brief unterzeichnet, in dem der Bundeskanzlerin vorgeworfen wird, sie verhöhne mit ihrem Verhalten in der Guttenberg-Affäre die Wissenschaft. Nun geben die Initiatoren ein neues Ziel aus: Weil sie von Merkels bisheriger Reaktion enttäuscht sind, wollen sie 100.000 Unterstützer-Unterschriften sammeln und den Brief an die Kanzlerin übergeben.

Am Sonntagabend sollte der erste Brief übergeben - aber das klappte nicht. " Die Pförtner durften ihn nicht annehmen, weil die Poststelle schon geschlossen hatte. Terrorgefahr... ": Im Internet hatte Tobias Bunde, Doktorand in Konstanz, gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern auf der Blog-Plattform Posterous einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin eingestellt. Das war am Freitag - und dann kam der Ansturm. Zusätzlich zu den ursprünglichen Unterzeichnern trugen sich Tausende in die Listen ein. Bis Sonntag waren es mehr als 20.000, inzwischen sind es über 60.000.

Nachdem nun Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zurückgetreten ist und Thomas de Mazière zu seinem Nachfolger bestimmt wurde, melden sich die initiatoren des Briefes erneut zu Wort . Unter Bezugnahme auf die Rücktrittsrede des Verteidigungsministers heißt es: "Wir sind enttäuscht von der Rücktrittsrede Karl-Theodor zu Guttenbergs. Seinen Rücktritt hat allein er zu verantworten, nicht die Medien und schon gar keine Kampagnen. In der Rede hat er sich erneut kaum mit seinem eigenen Fehlverhalten beschäftigt, das sich nicht in der massiven Täuschung in seiner Dissertation erschöpft, sondern auch seinen Umgang mit ihr umfasst."

Weiter schreiben die Initiatoren des offenen Briefes, sie seien "vom Umgang der Bundeskanzlerin mit der Plagiatsaffäre maßlos enttäuscht. Unser Anliegen hat sich mit dem Rücktritt des Bundesministers der Verteidigung nicht erledigt". Anders als in dem ursprünglichen Schreiben wird nun auch eine Forderung erhoben. Der Bundeskanzlerin wird vorgeworfen, sie "verharmlose" im Falle Guttenberg "die schwerwiegenden Täuschungen und den Umgang mit ihnen" und leugne "die Konsequenzen für den Wissenschaftsstandort Deutschland sowie die politische Kultur in unserem Land".

Angela Merkel solle "anerkennen, dass ihr Verhalten der Wissenschaft und überhaupt der Wertschätzung von Bildung und Leistung massiv schadet, und ihre Haltung zu diesen Fragen korrigieren". Merkel habe "immer noch nicht verstanden", worum es den Initiatoren des Internet-Briefes geht. Darum wird nun ein neues Ziel ausgegeben: Nun sollen 100.000 virtuelle Unterschriften gesammelt werden, die dann an die Kanzlerin übergeben werden sollen.

Wer den Brief virtuell unterzeichnen möchte, kann das mit wenigen Mausklicks tun. Die Motivation für das Unterzeichnen wird abgefragt - "Ich bin gegenwärtig Doktorand", "Ich habe selbst einmal eine Doktorarbeit verfasst" oder einfach "Unterstützer". Zudem soll man seinen akademischen Titel und Namen eintragen sowie die Institution, an der oder für die man tätig ist. Dass die Angaben stimmen oder tatsächlich diejenigen unterzeichnet haben, deren Name da steht, wird während des Vorgangs nicht überprüft. Auf der Seite fand sich unter anderem der Hinweis eines Bearbeiters: "'Guttenberg' oder 'Merkel' in die Liste einzutragen war gestern schon nicht mehr lustig. Ich habe jetzt bestimmt schon 20 davon gelöscht."

In dem ursprünglichem Schreiben an die "sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin" heißt es, dass die Verfasser mit "großer Erschütterung und noch größerem Unverständnis" die Debatte um die Plagiatsvorwürfe gegen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) verfolgen. "Wir haben den Eindruck, dass Sie mit aller Macht versuchen, einen Minister zu halten, der trotz massiver Gegenbeweise immer noch die Behauptung aufrecht erhält, er habe in seiner Doktorarbeit nicht bewusst getäuscht."

Dabei habe die kollaborative Plagiatssuche auf der Plattform Guttenplag doch gezeigt, "dass man hier nicht mehr von einigen 'peinlichen Fehlern' reden kann. Es handelt sich um massive, systematische Täuschung". Merkels Stellungnahme zum Fall Guttenberg schließlich - die Kanzlerin hatte in einer Pressekonferenz nach der für die CDU vernichtenden Hamburger Bürgerschaftswahl gesagt, sie habe mit dem CSU-Politiker ja keinen "wissenschaftlichen Assistenten" berufen - werten die Verfasser der Petition als "Verhöhnung aller wissenschaftlichen Hilfskräfte sowie aller Doktorandinnen und Doktoranden, die auf ehrliche Art und Weise versuchen, ihren Teil zum wissenschaftlichen Fortschritt beizutragen".

Merkel habe mit der Stellungnahme zudem indirekt behauptet, "dass es sich beim Erschleichen eines Doktortitels um ein Kavaliersdelikt handele und dass das 'akademische Ehrenwort' im wirklichen Leben belanglos sei". "Durch die Behandlung der Causa Guttenberg als Kavaliersdelikt", heißt es weiter, "leiden der Wissenschaftsstandort Deutschland und die Glaubwürdigkeit Deutschlands als 'Land der Ideen'".

Die Bayreuther Universität hatte Guttenberg vergangene Woche den Doktortitel aberkannt, weil er in seiner Dissertation gegen wissenschaftliche Standards verstoßen hat. Guttenberg war am Dienstag zurückgetreten und will auch sein Bundestagsmandat niederlegen. Guttenbergs Nachfolger wird der bisherige Innenminister Thomas de Maizière (CDU), neuer Innenminister wird der Chef des CSU-Landesgruppe im Bundestag, Hans-Peter Friedrich (CSU).

( dpa/dapd/Reuters/dino )