Ausstellung

Griechen und Römer im Alten Museum vereint

72 Jahre lang war die Berliner Antikensammlung geteilt. Ihre gemeinsame Präsentation im Alten Museum auf der Museumsinsel wird nun zur Sensation.

Da steht er nun, der „Betende Knabe“. Umgeben von wenigen Trinkschalen, die älteren Männern beim Symposion gereicht wurden, auf einem Sockel, der ihn beinahe in Augenhöhe mit der Gegenwart stellt, in einer Raumflucht, wie sie die Lebenden noch nie erlebt haben: die lebensgroße Figur aus Bronze aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., die Friedrich der Große beizeiten erwarb und in Sanssouci aufstellte, der von einem Künstler neue Arme verpasst bekam und der zu den berühmtesten Schätzen der Berliner Antikensammlung gehört. Nach Jahrzehnten des Herumgeschobenwerdens hat er jetzt wieder den Platz, der ihm gebührt.

Wenn am Donnerstag die Antikensammlung der Staatlichen Museen im Alten Museum auf der Museumsinsel eröffnet wird, erfährt Berlin ganz nebenbei so etwas wie eine Weltsensation. Eine der wichtigsten Sammlungen antiker Kunst auf diesem Planeten, die sich durchaus mit der des Louvre oder des British Museums messen kann und höchstens vor den Beständen Italiens oder Griechenlands zurückzutreten hat, präsentiert sich nach 72 Jahren der Trennung wiedervereint.

2000 Meisterwerke auf 3000 Quadratmetern, von den geometrischen Anfängen in Hellas über die Klassik, den Hellenismus, die Etrusker bis zu Augustus und die Kunst seines Imperiums sind jetzt wieder als Gesamtkunstwerk zu bestaunen. Zwei Kabinette präsentieren atemberaubende Schätze der Münz- und vor allem der Schmucksammlung. Berlin hat einen kulturellen Leuchtturm mehr. Und die Gefahr besteht, dass die Stadt das kaum bemerkt.

Denn das Alte Museum gab es ja als Provisorium so lange, wie die meisten Zeitgenossen denken können. Im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen, wurde es 1966 wieder eröffnet und beherbergte die Teile der preußischen Sammlungen, die im Osten verblieben waren, darunter die meisten Skulpturen. In den Neunzigern bekam der Musentempel einen neuen Anstrich. Und, wenn alles gut geht, wird er als letztes Haus auf der Museumsinsel irgendwann in den Zwanzigern dieses Jahrtausends von Grund auf saniert – wenn nicht ein gütiger Gott, von denen so viele in ihm wohnen, sich erbarmt und eine schnellere Lösung herbeiführt.

Erziehung und Spiel, Leben und Tod

Wie auch immer: Berlin hat von nun an einen weiteren Grund, sich zu den Zentren antiker Kunst zu zählen. Im letzten Jahr schon wurden die römischen und die – spektakulären – etruskischen Sektionen im Obergeschoss eingeweiht, jetzt folgen die griechischen darunter. Andreas Scholl, seit 2003 Direktor der Antikensammlung, hat sich im Gegensatz zur thematischen Präsentation des italischen Erbes für eine chronologische Gliederung entschieden.

Beim Gang durch die Epochen werden auch Schritt für Schritt die großen Themen hellenischer Kunst vorstellt, von den Helden der homerischen Epen über die großen Heiligtümer der Archaik und das Menschenbild der klassischen Zeit bis hin zur Kunst der hellenischen Peripherie und Erziehung und Spiel, Leben und Tod in einer Polis.

Radikal wurde ausgewählt. Von den mehr als 4000 Skulpturen- und -fragmenten überstanden nur wenige Dutzend die Prüfung, zusammen mit Keramik, Kleinkunst und einigen Modellen werden sie so vorgestellt, dass ihnen und dem Betrachter Luft zum Atmen und Staunen bleibt. Das Alte Museum, das seit der Wiedervereinigung ein Verschiebebahnhof oder ein Ort für Wechselausstellungen war, scheint auf einmal wieder geworden zu sein, als das es 1825 bis 1828 von Schinkel erbaut wurde: ein Ort ästhetischer und historischer Bildung, in dem nicht hektische Sensationsgier befriedigt wird, sondern der beinahe kontemplative Umgang mit den Grundlagen abendländischer Kunst möglich ist.

Im Zuge des Einzugs gelangen den Museumsleuten auch Entdeckungen. So konnte ein Fragment aus pentelischem Marmor als Teil eines Throns gedeutet werden, von dem aus Zeus einst auf der Athener Akropolis die Welt betrachtete. Gestiftet wurde das wertvolle Weihegeschenk wohl in der Endphase des Peloponnesischen Krieges (ca. 410 v. Chr.), als die Stadt um ihre Existenz kämpfte und spartanische Truppen schon das Umland der Stadt verwüsteten.

Besucherzahlen gingen zurück

Doch in die Begeisterung über die Wunder des „neuen“ Hauses mischen sich auch Fragen: Die Antikensammlung der Preußen-Stiftung bespielt auch zentrale Teile des Neuen und des Pergamonmuseums, dessen Grundsanierung für 2013 geplant ist. An die „archäologische Promenade“, die einmal unterirdisch alle Häuser der Museumsinsel verbinden soll und für die das Alte Museum eine Entwicklungsgeschichte der Schrift bieten könnte, wird das Haus erst nach seiner Grundsanierung angeschlossen. Das kann noch mehr als ein Jahrzehnt dauern. Bis dahin musste man sich bei manchen Lösungen bescheiden. Selbst die meisten Vitrinen sind Umbauten aus älteren Zusammenhängen.

Vor allem aber bedeutet der Auszug seiner populärsten Bewohnerin für das Alte Museum einen rechten Schlag. Um rund 50 Prozent sind die Besucherzahlen zurückgegangen, seit die Nofretete im Neuen Museum Hof hält. Das doppelt so große Nachbarhaus und das Pergamonmuseum bilden zweifellos die Zentren des Weltkulturerbes Museumsinsel. Das Alte Museum muss sich einiges einfallen lassen, um auf seinen Rang aufmerksam zu machen.

Direktor Scholl hat aus der Kritik an der Neukonzeption des Ägyptischen Museums gelernt. Er setzt nicht mehr nur auf die pädagogische Macht seiner Originale, sondern unterstützt ihre Wirkung durch einführende Texte auf Deutsch und Englisch, wenige Medien und Modelle. Ein Audio-Guide-System, das auf Kinder unterschiedlicher Altersstufen und Erwachsene gleichermaßen abgestimmt ist, soll bald folgen. Ein Pädagogikzentrum ist im Aufbau, ein Didaktikraum zum Beispiel für Schulklassen bereits vorhanden. Flankiert wird das ganze von museumspädagogischen Programmen. Man bemüht sich um den Brückenschlag zu den Opfern diverser Bildungsreformen.

Gleichwohl sollen das Original und seine Wirkung im Alten Museum im Zentrum stehen. Dahinter steht die Überzeugung, im Zeitalter des verwirrenden Internet-Getöses werde die Konfrontation mit dem „Betenden Knaben“ zum Fixpunkt, zum ruhenden Pol in einer Welt, die sich nach der Erfahrung des Echtem sehnt, weil sie von Plagiaten beherrscht wird. Das ist ein Ansatz. Ob er gegen den Erfolg des Geschichtslabors mit seinen spektakulären Inszenierungen, wie es im Obergeschoss des Neuen Museums erprobt wird, auf die Dauer Erfolg hat, muss sich zeigen.

Öffnungszeiten: Altes Museum, Am Lustgarten. Tel.: (030) 20905577. Tägl. 10-18 Uhr, Do bis 22 Uhr.