"Fashion Food"

Wie Wachteleier zu Mode-Accessoires werden

Im Berliner Museum für Kommunikation verschwimmen derzeit die Grenzen zwischen Mode und Essen. Spitzenkoch Roland Trettl und Fotograf Helge Kirchberger kreieren für die Ausstellung "Fashion Food"aus Lebensmitteln Haute Couture.

Foto: AFP

Im Empfangsraum riecht es nach Fisch. Sehr streng sogar, doch niemand rümpft die Nase. Der Verursacher baumelt am Haken vom Kleiderständer: ein glibberig glänzender Tentakel vom Tintenfisch. Algen und Seetang liegen auf dem Tisch bereit. Sternekoch Roland Trettl zieht dem Oktopus gerade die Haut über den Kopf und hält sie verzückt gegen das Licht. „Ist das eine geile Maske“ ruft er, und schon hat Verena – das Model – die Haut im Gesicht. Später wird sie noch in schwarze Sushi-Blätter aus Seetang gehüllt. Eine Haarkrone aus Algen komplettiert das Outfit, bevor es zum Fotoshooting geht.

Mode und Essen gehen derzeit im Museum für Kommunikation an der Leipziger Straße 16 eine Symbiose ein. Parallel zur Ausstellung „Fashion Talks“ ist am Freitag die Ausstellung „Fashion Food“ eröffnet worden. Knapp 50 großformatige Fotos des Salzburger Fotografen Helge Kirchberger sind bis zum 29. Januar 2012 im Lichthof des Museums zu sehen. Zurechtgemacht oder besser gesagt „zubereitet“ wurden die Fotomodels von Spitzenkoch Roland Trettl, der sonst im Salzburger Gourmetrestaurant „Ikarus“ am Herd steht. Die meisten Bilder werden erstmals in der Öffentlichkeit gezeigt.

Mit Essen spielt man nicht

Ein Model trägt auf blanker Haut einen Ganzkörperanzug aus dunkler Schokolade, ein anderes eine Königskrabbe als Kopfschmuck. Schwarze Spaghetti gehören zum Punk-Look, ein Umhang besteht aus einer Rotbarbenhaut. Zum Einsatz kommen auch Wachteleier, Liebesperlen, Morcheln, Mohn, Hühnerhaut, Erbsen, Flossen und Kalbskutteln.

Mit Essen spielt man nicht – diesen Spruch kennen nicht nur die Macher der Ausstellung sondern auch die Museumsdirektorin. „Es geht darum, einen anderen Blick auf Mode und auf die Lebensmittel zu bekommen“, kontert Lieselotte Kugler. Die Nachhaltigkeit der Produkte sei dabei ein Thema, aber auch deren Hochwertigkeit. Sie bewundere die Fotos, sagt die Direktorin – sie hätten sie dazu inspiriert, auch einmal ungewöhnliche Kombination beim Kochen auszuprobieren.

Auch der Fotograf Helge Kirchberger hat den Spruch in seiner Kindheit oft von der Mutter zu hören bekommen. „Stimmt. Mit Essen spielt man nicht“, sagt er mit Nachdruck. Das würde er voll unterstreichen. Er wolle aber mit seinem Team Respekt zeigen, Respekt gegenüber den Lebensmitteln. Deshalb solle ihre Schönheit hervorgehoben werden. Vor etwa vier Jahren hatte er die Idee, „einmal etwas ganz anderes zu machen“. Auslöser war ein Fotowettbewerb in Düsseldorf im Rahmen einer Modemesse. Seine Bilder kamen zwar nicht in die engere Wahl. Doch er wusste, dass er auf dem richtigen Weg ist. Heute sieht er sich bestätigt: „Wie viele Bilder der damaligen Fotografen hängen wohl jetzt im Museum“, sagt Kirchberger.

Küchenchef und Fotograf haben sich bei einem Koch-Shooting kennengelernt. Der eine bringt das Wissen über die Zubereitung des „Materials“ mit, der andere die Kunst, alles ins rechte Licht zu rücken. Eines der ersten Fotos war ein Model mit rohem Fleisch auf nackter Haut. Es habe polarisiert, sagt Helge Kirchberger. Sensationell, anmutig, sagten die einen. Wie klaffende Wunden, sagten die anderen. „Wir wollen nicht provozieren“, erklärt der Fotograf. Auch keine negativen Eindrücke vermitteln. Mode habe etwas mit Verführung zu tun und Essen mit Sinnlichkeit. Die Kombination sei einfach perfekt.

Die Fotoideen kommen den Beiden beim Arbeiten und prinzipiell nachts. Zur Ausstellungseröffnung arbeitet Koch Roland Trettl ausnahmsweise am Vormittag. Die Maske aus der Kopfhaut des Oktopus hat er Model Verena doch wieder abgenommen. Das Make-up musste erneuert werden. Und wie fühlt sich das Outfit an? „Anfangs ein bisschen kalt“, sagt Verena. Aber man gewöhne sich dran. Manchmal müsse ein Shooting sehr schnell gehen, erzählt die 26-Jährige. Zu schnell könne das Sushi-Kleid die Form verlieren.

Ausstellung "Fashion Food", Museum für Kommunikation, Berlin-Mitte, Leipziger Straße 16, bis 29. Januar 2012, Öffnungszeiten: Dienstag 9–20 Uhr, Mittwoch bis Freitag 9–17 Uhr, Samstag, Sonntag und an Feiertagen 10–18 Uhr, Eintrittspreise: regulärer Eintritt 3 €, ermäßigter Eintritt 1,50 €