"Based in Berlin"

Wowereits Sommerschau nimmt Gestalt an

Kurator Fredi Fischli ist eines der fünf Mitglieder von Wowereits Sommerausstellung „Based in Berlin", dem Gegenentwurf zur dauerhaften Kunsthalle. Ein Gespräch mit ihm über die Schau und die Rolle des Internets für den Künstler.

Foto: Marcelo Hernandez

Das umstrittene Projekt „Based in Berlin“ – eine von Klaus Wowereit initiierte Sommerschau und Testballon für eine temporäre Kunsthalle – nimmt Gestalt an. Die Jury besteht aus fünf Jungkuratoren. Einer von ihnen ist Fredi Fischli, Jahrgang 1986, der aus Zürich kommt. Seine erste Ausstellung entstand in einer Bar, die zweite kuratierte er in einer Garage. Gabriela Walde sprach mit ihm.

Morgenpost Online : Immer stärker ziehen die Neuen Medien auch in den Bereich Kunst ein. Inwiefern hat das Internet auch die Rolle des Künstlers verändert?

Fredi Fischli: Das Internet hat unsere ganze Gesellschaft verändert, insofern auch viele Künstler und ihre künstlerische Praxis beeinflusst. Man präsentiert seine Arbeit heute über mehrere Kanäle. Man zeigt seine Arbeiten sowohl in realen Ausstellungen, über Abbildungen in Katalogen oder auch virtuell im Netz. Dabei löst sich die Trennung zwischen Hochkultur und Populärkultur scheinbar auf. Das Internet ist ja das Medium des Amateurs, wo wir alle mitmachen können und alle unsere Arbeiten präsentieren. Die Fragen „Wird der Künstler im Internet nun auch zum Amateur?“ und „Welche Identität gibt er sich und seiner Arbeit?“ erfordern ein starkes Kontextbewusstsein, das sich bei vielen Künstlern meiner Generation beobachten lässt.

Morgenpost Online : Das heißt, der Künstler muss sich überlegen, wie er sich wo verteilt?

Fredi Fischli: Die Künstler wissen ganz genau, wo sie ihre Arbeit verteilen, wie sie dies tun und wie die Verteilerkanäle die Arbeiten verändern. Es bilden sich für die Öffentlichkeit nicht mehr sichtbare Interessensgemeinschaften, die sich intensiv untereinander austauschen. Der Austausch erfolgt nach wie vor über Szenen und Gruppierungen, nur das diese nicht mehr durch einen Ort miteinander verbunden sind, sondern international über das Netz – das Medium des Netzwerks.

Morgenpost Online : Sie haben Hunderte von Ateliers in Berlin besucht, wie wichtig sind dort Twitter und Facebook?

Fredi Fischli: Das sind beides Medien, die nicht über das Bild funktionieren. Ich habe festgestellt, dass das Bild weiterhin sehr wichtig ist. In Bilderblogs wie Tumblr oder Flickr beispielsweise legen viele Künstler Bilder zu ihren Arbeiten und ihrer Recherche offen, noch bevor die Werke in eine Institution zur Ausstellung gehen. Twitter wie Facebook sind dagegen Netzwerksysteme, die vor allem die Szenen und Gruppierungen und deren Kommunikation betreffen.

Morgenpost Online : Wie wir am Konzept des Architekturbüros „raumlaborberlin“ gesehen haben, wird es für die Ausstellung keinen festen Ort geben, sondern eine module Situation, ein Dorf aus Containern und LKWs, in denen ausgestellt wird. Ketzerische Frage: Ist der White Cube als Ausstellungsort tot?

Fredi Fischli: Nein, ist er nicht. Der weiße Raum wurde zu einem Konzept, das man über alles stülpen kann, was Kunst ist. Wir wählen mit raumlaborberlin eine flexible Architektur, die wir gemeinsam mit den Künstlern entwickeln können. Neben der Zusammenarbeit mit den Künstlern suchen wir aber auch die Kooperation mit den bestehenden Berliner Institutionen wie den Kunstwerken oder dem Hamburger Bahnhof. Je nach künstlerischer Praxis benötigen manche Arbeiten klassische Museumsräume.

Morgenpost Online : Vermutlich sind bei der offenen Ausstellungsarchitektur auch die Werke alles andere als Malerei oder Skulptur?

Fredi Fischli: Viele Arbeiten sind installativ. Das heißt, sie liefern ihre Hülle schon selbst mit. Oder sie äußern sich stärker über die Zeit als über den Ort. Sie sind ephemer und performativ. Nicht alle Arbeiten brauchen eine räumliche Hülle.

Morgenpost Online : Gibt es die Malerei noch?

Fredi Fischli: Ja, und wie! Medien sterben nicht aus, es kommen nur neue hinzu. Man könnte sogar sagen, die Malerei erlebt ein Revival. Die Malerei ist durch ihre Geschichte dermaßen aufgeladen, dass gerade dieser Umstand von vielen Künstlern als Herausforderung betrachtet wird. Andersherum suchen auch viele Künstler einen Neustart durch die traditionellen Medien. Versuchen unserer Post-Post-Post-Welt einen neuen Gegenvorschlag zu bieten. Dann ist die Malerei ein tolles Medium.

Morgenpost Online : Was ist Ihnen noch aufgefallen bei Ihren Recherchen in Berlin?

Fredi Fischli: Wir sprechen immer von Atelierbesuchen, doch heute ist das anders. Es stellt sich die Frage, ob es das klassische Atelier überhaupt noch gibt. Oft sitzen wir zusammen mit dem Künstler vor dem Laptop, und sie zeigen mir ihre Arbeiten. Man sieht dann das Bild, aber die Arbeit, die dazu geführt hat, ist nicht mehr sichtbar.

Morgenpost Online : Aber irgendwo müssen sie ja arbeiten?

Fredi Fischli: Ja, das ist ein Rätsel. Die Werke entstehen oft erstaunlich schnell – und an mehreren Orten, nicht mehr nur in einer Stadt. Der Künstler bewegt sich, nichts ist mehr lokalisierbar. Man schlägt die Skulptur nicht mehr nur an einem Ort aus dem Stein. In unserer vernetzten Gesellschaft sind die Produktion und das Atelier mobil geworden. Das Atelier reist im Koffer mit!

Morgenpost Online : Nie war also die Globalisierung im Kunstbereich größer?

Fredi Fischli: Unser Titel „Based in Berlin“ soll diesen Umstand der Mobilität aufnehmen und stellt eben in Frage, ob man heute noch an einem Ort verwurzelt ist? Wir leben und arbeiten in Netzwerken. Berlin ist zu einer internationalen Stadt – einer Wahlheimat für viele geworden. Viele Künstler sind nicht hier geboren und aufgewachsen, sondern haben sich bewusst dafür entschieden, hierher zu kommen, um hier zu arbeiten. Ihre Ausstellungen haben sie aber oft im Ausland. Deshalb ist es wichtig, die Künstler hier sichtbar zu machen.

Morgenpost Online : Berliner Künstler haben in einem Offenen Brief gegen den Begriff „Leistungsschau“ protestiert. Verstehen Sie den Furor darum?

Fredi Fischli: Ja, den Begriff Leistungsschau kann man auf Kunst nicht anwenden. Der Begriff impliziert ja, dass Künstler für etwas oder jemanden instrumentalisiert werden. Kunst leistet nie, was sich die Politik von ihr verspricht. Ein gutes Kunstwerk behauptet immer seine Autonomie.