Based in Berlin

Wowereits Lieblingsprojekt startet im Monbijoupark

Kommende Woche beginnt die anfangs umstrittene Gruppenausstellung "Based in Berlin". Die Schau kommt im Monbijoupark in Mitte unter, in einem Gebäude, das auf die Abrissbirne wartet.

Foto: Marion Hunger

Die Leute sagen ja immer wieder, Berlin sei als Kunst-Hauptstadt cool. Manchmal möchte man sich als Berliner die Ohren fest zustöpseln. Nun ist ein Veranstaltungsort im Monbijoupark, gleich an der trubeligen Oranienburger Straße, tatsächlich ein cooles urbanes Plätzchen. So etwas gibt es nur noch in einer Stadt wie Berlin, ein Ort des Übergangs und der Improvisation. Mittendrin im Park mit dem spuckenden Brunnen steht also die knallbunte marode Atelier-Platte, die aussieht als hätte eine Horde Jugendlicher ihr wildes Talent dran gewendet, den Betonkasten mit Graffiti zu verschönen. Das einstige Domizil der Kunsthochschule Weißensee wartet auf die Abrissbirne, doch zuvor wird es jetzt für einige Wochen zum Hauptaustragungsort für die groß angelegte Gruppenschau für Gegenwartskunst namens „Based in Berlin“.

Cookies Club sorgt für Stimmung

Aus der lichtdurchfluteten vorderen Halle schwebt Lounge-Musik in die Bäume hinein; die Leute von Cookies Club sind gerade dabei, die temporäre Bar fertig einzurichten. „Eiswürfel“ steht auf einer monsterartigen Kühlbox. Wenn nicht alles täuscht, werden die Nächte hier lang und die nächsten Tage vielleicht zu einem neuen Sommermärchen. Von hier aus sieht man den Fernsehturm, die schöne Kuppel des Bodemuseums – und die Freiheitsstatue von Danh Vo, der auf der letzten Berlin Biennale Furore machte, weil er seine Kreuzberger Wohnung als Kunst freigab. In Berlin passt halt irgendwie alles zusammen, meint der vietnamesische Künstler. „Alles auf einen Blick, ein wahnsinniges Postkartenmotiv“, schwärmt eine Touristin. Sie hat die riesige Plattform aus Stahl, 13 Meter hoch, die direkt ans Atelierhaus angebaut wurde, noch nicht realisiert. Oben gibt es Berlin im Panorama. Gerade hievt ein Kran im Auftrag des österreichischen Künstlers Oliver Larics drei Geländewagen dort oben hinauf. Sie sehen aus wie ein BMW X5 – doch es sind chinesische Kopien. Idee, Unikat, Original - wie echt ist die Kunst? Welchen Mehrwert hat sie für die Gesellschaft?

Um diese Fragen und andere Themen werden sich die Gespräche drehen, wenn Künstler, Freunde, Kunstfans und Touristen im Monbijoupark auf dem Rasen sitzen werden, um den zahlreichen Performances zuzuschauen, die es jeden Tag geben wird. Mag sein, dass sich einige daran erinnern werden, wie unglücklich der Anfang von „Based in Berlin“ verlief, wie kontrovers die Diskussion in der Stadt war, die in einen offenen Protestbrief mündete. Wie untreffend der anfängliche Titel „Leistungsschau“. Und wie Wowereits Lieblingsprojekt als Wahlkampf-Joker, hoch eingeflogen am Standort Humboldthafen mit einer mobilen Architektur, schließlich als kleinere charmante Lösung im Monbijoupark aufschlug.

Vor Ort ist die Stimmung unter den Künstlern gut, meckern mag mittlerweile keiner mehr so recht. Von den 1,4 Millionen Euro, die in die Schau fließen, gehen 425.000 Euro direkt an sie. Einer von den 80 teilnehmenden Künstlern ist Yorgos Sapountzis (35), der aus Griechenland kommt, seit seinem Erasmus-Stipendium vor neun Jahren hier lebt, bei Rebecca Horn studierte und heute von der Galerie Isabella Bortolozzi vertreten wird. So viel Glück hat nicht jeder. „Toll, dass überhaupt etwas für junge Künstler gemacht wird. In Griechenland käme kein Politiker auf die Idee, so viel Geld in Kunst zu stecken. Nicht jammern, lieber über Kunst reden“, sagt er.

Das will auch Roseline Rannoch. „Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt teilnehmen soll. Eine Diskussion ist auf jeden Fall besser, als sich rauszuziehen.“ Sie bespielt mit ihrer Installation einen der schönsten Räume im Atelierhaus, inklusive idyllischer Terrasse. Ein schwerer blauer brasilianischer Marmorblock steht als Solitär im Raum, die Sprengstoffspuren an den Rändern sehen aus wie aufwendige Dekoration. An den Wänden hängen farbige Off-Setdrucke. Es ginge ihr, versucht sie zu erklären, um Gegensatzpaare, innen, außen, hart, weich, alt, neu.

Ausgewählt wurde sie von fünf Jungkuratoren, deren Ziel es war, sogenannte „emerging artist“, junge Künstler, die erst in den letzten fünf Jahren mit ihren Arbeiten „sichtbar“ wurden, vorzustellen. Die Künstler von morgen. Die meisten von ihnen wird man also nicht kennen, mal ausgenommen Keren Cytter, Cyprien Gaillard oder Kitty Kraus. Und Maik Schierloh, dem Macher des erfolgreichen Off-Space-Ausstellungsraums Autocenter. Seit zehn Jahren bespielt er ihn mit schnell wechselnden Präsentationen.

Eine, die bei „Based in Berlin“ absolut nicht zu übersehen sein wird, heißt Mariechen Danz. Ihr tiefes Lachen hat eine so herrliche raue Whiskey-Melodie, man möchte gleich nach Dublin reisen, da kommt Mariechen Danz her. Sie ist schön, wie eine Berliner Madonna schön sein kann. Mit schwarzumstrahlten Augen, langer blondroter Mähne, gigantischen schwarzen Plateauschuhen und selbst genähter, fliegender Tunika mäandert sie durch ihren Ausstellungsraum „RO 3“. „Knot in Arrow“ heißt die wuchernde Installation, die uns lehren soll, dass es nie nur eine, sondern unzählige Möglichkeiten gibt, Kunst zu interpretieren. Ohnehin fließt bei ihr vieles ineinander, die Disziplinen vermischen sich munter. In der Ecke an Fleischerhaken hängen Kostüme, eine Wand sieht aus wie ein monochromes Bild, nun ja, gemalt hat Mariechen Danz es mit dem Aufguss von vier bis fünf Beuteln Irish Tee. In der Mitte des Raumes steht eine lebensgroße Figur, deren Körperteile in Scheiben zerlegt sind. Jede Schicht, bestehend aus Heu, Gras, Stein oder Müll, wird heraus drehbar sein.

Performances und ein Album

Wie das genau funktioniert, zeigt Mariechen in ihrer Performance „The Dig of No Body“, wo sie mit Alex Stolze von Bodi Bill auftritt. Bei ihm trifft elektronische Clubmusik auf etwas kruden Folksound. Jedenfalls arbeiten die beiden an Mariechens erstem Album „Danz“. Egal, Madonna-Mariechen muss man unbedingt gesehen haben, man wird dann „Based in Berlin“ besser verstehen. Wer nämlich das Atelierhaus mit einem wie auch immer gearteten musealen Kanon im Kopf betritt, kann gleich wieder nach Hause gehen. Performatives ist angesagt - für den Augenblick gemacht. Das passt ziemlich gut, schließlich ist Berlin manchmal genauso.

Künstler, Orte, Zeiten – alles rund um „Based in Berlin“

Eröffnung: Am 7. Juni 2011, 18 Uhr, wird „Based in Berlin“ im Atelierhaus Monbijoupark, Oranienburger Straße 77, Mitte, eröffnet. Öffnungszeiten: Mo-So 12 bis 24 Uhr. Eintritt frei. Täglich gibt es ein Rahmenprogramm mit Filmen, Konzerten, Performances und Diskussionen. Weitere Spielorte Kunstwerke, Auguststr. 69, Di-So 12-19 Uhr, Do bis 21 Uhr.

Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, Di-Fr 10-18 Uhr. Sa 11-20 Uhr/So 11-18 Uhr. Neuer Berliner Kunstverein (nbk), Chausseestr. 128/9. Di-Fr 10-18 Uhr. Sa 11-20 Uhr, So 11-18 Uhr.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, Mi-Mo 10-18 Uhr.

Informationen zu einzelnen Veranstaltungen, Künstlern, Zeiten, Orten und Führungen findet man unter: www.basedinberlin.com . Es gibt auch ein kostenloses App.