Konzert

Deutsches "Rat Pack" auf Swing-Tournee in Berlin

Mit Unterstützung von Kabarettist Michael Mittermeier und einer pompösen Big Band drehten die Sänger Xavier Naidoo, Rea Garvey und Sasha im Berliner Admiralspalast am Rad der Musikgeschichte und verwandeln sich in ein swingendes, witzelndes Ensemble von Format.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Es liegt an der selbstgewählten beruflichen Unstetigkeit, dass sich Musiker im Laufe ihrer Karriere immer wieder über den Weg laufen. Manche lernen sich aus vollem Herzen hassen wie die Pest. Andere finden über die Jahre soviel Gefallen aneinander, dass irgendwann die Frage durch den Raum wabert: Wollen wir nicht mal was zusammen machen? So mag es auch Rea Garvey, Sänger der Popband Reamonn, den Sängern Xavier Naidoo und Sasha und dem Komiker Michael Mittermeier ergangen sein. Durch ihre gemeinsame Liebe zum größten Enterainergespann des vergangenen Jahrhunderts ließen sie sich zu einer gemeinsamen Show hinreißen, die dem Las-Vegas-Swing der 60er Jahre und dem legendären "Rat Pack" Reverenz erweist. "Alive & Swingin'" heißt dieser quirlige Tournee-Zirkus, der jetzt für drei ausverkaufte Abend im Berliner Admiralspalast an der Friedrichstraße Station macht.

Während der Dreharbeiten zur Gaunerkomödie „Frankie und seine Spießgesellen“ ("Oceans Eleven") gaben Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis Jr. und Komiker Joey Bishop Anfang der 60er Jahre einige legendäre Konzerte im längst abgerissenen Sands Hotel von Las Vegas, die der Nachwelt auf Vinyl erhalten blieben. Sie sangen, rauchten, zechten, blödelten, erzählten zotige Witze, nahmen sich keinen Moment lang ernst und boten dem zahlenden Publikum eine Show von unerreichter Größe. Als Hommage an dieses sogenannte "Rat Pack" werfen sich nun auch Garvey, Naidoo, Sasha und Mittermeier in etwas zu engen Smoking und Fliege und zelebrieren eine mit leichter Hand inszenierte Hitrevue, in der sie aber glücklicherweise nie in Versuchung geraten, sich mit den Vorbildern zu messen. Und dass sie tatsächlich swingen, was das Zeug hält, ist auch das Verdienst der zwölf Musiker starken Tobias Kremer Big Band, die diesen Abend auf wunderbare Weise zusammenhält.

Die Rollen sind klar verteilt. Da ist Michael Mittermeier, der Clown, der Komödiant, der Conferencier, der sich freilich weniger als Joey Bishop und dafür mehr Jerry Lewis geriert. Und sowohl Höhepunkte als auch Tiefpunkte seiner Soloprogramme präsentiert. Da ist der Ire Rea Garvey, selbstredend der philosophische Trinker der Truppe, um dessen Deutsch es schlecht bestellt ist. Da ist Xavier Naidoo, der gottesgläubige Bekehrer mit Obama-Geste und schließlich Sasha, der immer lächelnde Weiberheld, dem die Potenz zu Kopf gestiegen scheint. Diese Konstellation bildet den Rahmen für ein von Regisseur Thomas Herrmanns arrangiertes Freundestreffen, in dem sich vier Kumpels ganz den Helden ihrer musikalischen Bewunderung hingeben.

Es ist alles da: die üppige Leuchtreklame, die Showtreppe, die Hausbar am Bühnenrand, flankiert von der versierten Band. "Berlin ist heute Las Vegas!" ruft Mittermeier zu Beginn in den Saal. Und hat das Publikum von Beginn an auf seiner Seite. Schnell merkt man auch, wem hier die meisten Herzen zufliegen: wenn Xavier Naidoo an die Rampe tritt, brandet Jubel auf, stehen die Fans in den Klappsitzen. Und Naidoo ist in der Tat der Star des Abends, ist so unglaublich smart und cool, als wäre er selbst Abend für Abend im Club des Sands Hotel in der ersten Reihe gesessen.

Mit dem Dean-Martin-Kracher "Ain't That A Kick In The Head" beginnt diese Liebeserklärung an vergangene Zeiten. Es gibt "I've Got You Unter My Skin", "The Lady Is A Tramp", "When You're Smiling" und "Luck Be A Lady", aber auch Musicalhits wie "I Could Have Danced All Night" aus "My Fair Lady" und "The Impossible Dream" aus dem "Mann von La Mancha", während Michael Mittermeier die Pausen mit Comedyeinlagen füllt und zu gern selbst singen würde, was ihm seine Mitstreiter aber konsequent verweigern. Viel spannender allerdings wird es in der zweiten Hälfte der Show, in der sich die Viererbande von den "Rat-Pack"-Vorbildern löst, und eigene Stücke und Lieblingssongs ins Swing-Gewand packt. Sasha läuft mit Tom Jones' "It's Not Unusual" zu stimmlicher Höchstform auf, Xavier Nadoo bringt den Admiralspalast mit Jackie Wilsons Soulklassiker "(Your Love Keeps Lifting Me) Higher and Higher" zum Kochen, Rea Garvey rührt mit dem a cappella gesungenen irischen Abschiedslied "Danny Boy" zu Tränen und Mittermeier kommt auch endlich zum Singen und darf sich an Johnny Cashs "Ring of Fire vergreifen.

Man kommt sich inzwischen tatsächlich vor wie bei einem Abend unter Freunden, die statt Klampfe eine etwas groß geratene Band mitgebracht haben. Sasha singt Reamonns Pophit "Supergirl" in wuchtigem Swingarrangement, Xavier Nadoo veredelt Sashas Sommerhit "I Feel Lonely" und Rea Garvey macht sich Naidoos "Ich kenne nichts (das so schön ist wie du)" zu eigen. Und das gute Songs durchaus auch von Bands kommen können, die man per se überhaupt nicht leiden mag, demonstrieren Naidoo und Sasha bei der Ballade "Solange man Träume noch leben kann" - von Münchner Freiheit.

Sicherlich ist hier viel Spontaneität inszeniert, Mittermeiers Zoten werden einem irgendwann zuviel und bei so manchem "Rat Pack"-Klassiker haben sich die Musiker ein wenig überschätzt, doch mit Charme und guter Laune machen sie das alles wieder wett. Bei der Zugabe, Sinatras "My Way", liegen sich die Musiker auf der Bühne und das Publikum im Saal in den Armen. Die Fans sind glücklich. Der Applaus ist frenetisch. So muss es auch damals beim Finale gewesen sein, im Sands Hotel.

Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Berlin-Mitte, Tel. (030) 47997499. 2. und 3. Februar 2011, 20 Uhr, ausverkauft, mit Glück Restkarten an der Tür.