"Die Schwester der Königin"

Scarlett und Natalie zicken um die Krone

König Heinrich VIII. hat die Qual der Wahl: Im Film "Die Schwester der Königin" buhlen zwei Frauen um seine Gunst. Keine leichte Entscheidung, wenn die weiblichen Rollen mit Natalie Portman und Scarlett Johansson besetzt sind. Und wie gemein, dass die Verliererin ihren Kopf einbüßt.

Foto: Berlinale

Am Ende – so viel darf man schon verraten, es ist ja ein historischer Film, und der Verlauf der Geschichte ist bekannt – am Ende steht da ein kleines Mädchen, Waisenkind einer eben geköpften Königin, das ängstlich in die Kamera guckt. Und da wissen wir: das ist „Elizabeth – das Prequel“.

Die Vorgeschichte zu dem derzeitigen Elizabeth-Boom, der sich sowohl im Kino austobt (zwei Filme mit Cate Blanchett) als auch im Fernsehen (Zweiteiler mit Helen Mirren) und sich nicht nur auf Elizabeth I. beschränkt, sondern auch auf Elizabeth II. übergreift („The Queen“, ebenfalls mit der Mirren). Ein wahrlich elisabethanisches Kino-Zeitalter.

Henry VIII - ein Lebemann zwischen zwei Frauen

Und es ist alles andere als ein Zufall, dass Peter Morgan nun das Drehbuch zu dem Liz-Prequel „Die Schwester der Königin“ geschrieben hat: Morgan hat nicht nur das Script zu „The Queen“ geschrieben, sondern vor fünf Jahren auch zu dem britischen TV-Zweiteiler „Henry VIII.“. Und in seinem jüngsten Streich beschränkt er sich nun auf einen Abschnitt aus dem Leben dieses Herrschers.

Henry VIII. so viel ist bekannt, war kein Kostverächter. Er hat einige Frauen verschlissen. Er hat durch die Annullierung einer Ehe gar den Bann der katholischen Kirche in Kauf genommen: der Beginn der anglikanischen Kirche. Er hat, auch so viel ist bekannt, einer weiteren unliebsamen Gattin, Anne Boleyn, den Kopf abschlagen lassen: der Mutter der späteren Elizabeth I.


Diese Anne Boleyn aber hatte eine Schwester, das ist schon nicht mehr so bekannt, und eigentlich hatte der König erst etwas mit dieser. Um diese pikante Geschichte geht es in diesem Kostümfilm, dessen Originaltitel „The Other Boleyn Girl“ ein bisschen treffender ist.

Auweia, die Schwester der Königin ist plötzlich schwanger

Vergessen wir die Ammenmärchen von Prinzen, die durchs Land reiten und Mädchen aus dem Volk aufs Pferd hieven, um sie zur Prinzessin zu machen. In Wirklichkeit hält man sich Mätressen, und die Familie der Maid ist darob nicht etwa beschämt oder erzürnt, im Gegenteil: Sie buhlt und kuppelt kräftig mit, um am Hof Macht und Einfluss zu gewinnen. Und auch Anne Boleyn (Natalie Portman) scheint dem Ansinnen ihres Onkels, des mächtigen Herzogs von Norfolk, nicht abgeneigt.

Lediglich das Schwesterlein mit dem jüngferlichen Namen Mary (Scarlett Johansson), das eben noch mit Anne im Partnerlook-Kleidchen durch den Park promenierte, scheint das moralisch zu beanstanden. Welch Klischee, mag man denken: hier die verruchte Dunkelhaarige, da die puritanisch-prüde Blonde. Aber dann kommt es überraschend anders herum: Anne fällt in Ungnade – und der König findet Gefallen an Mary.


Die wird seine Mätresse – und schwanger. Doch da die Geburt mit Komplikationen verläuft, muss sie geschont werden. Und Heinrich VIII. langweilt sich. So kommt es zu einem erneuten Umschwung: Anne wird zurück an den Hof berufen. Will aber, sehr kühn, nicht eine weitere Mätresse sein, sondern die frigide Königin ersetzen. Und hat nun gleich vier Rivalen: Heinrichs Frau und die eigene Schwester. Die katholische Kirche – und das britische Volk.

Fakten werden ignoriert, zum Beispiel die Syphilis

Klingt nach einer reinen Seifenoper. Und ist über lange Strecken auch genau so inszeniert. Regisseur Justin Chadwick hat zuvor in der Tat vor allem Fernsehserien inszeniert. Royaler Stutenbiss. Für die großen Massenszenen hat das Geld dabei nicht gereicht; das Volk lässt sich immer nur empört aus dem Off vernehmen.

Auch Eric Bana als Heinrich VIII. ist entschieden zu blass (wie Bana, seien wir ehrlich, in eigentlich all seinen Filmen). Er ist zu unentschlossen, zu schlank und zu jung, als wir es aus den Geschichtsbüchern kennen. Fast mit Wehmut erinnert man sich da an Richard Burton zurück, der ihn vor fast 40 Jahren, 1969, in dem anderen Anne-Boleyn-Film, „Königin für 1000 Tage“, verkörpert hat.

Auch sonst ist der Erkenntnisgewinn eher ein geringer: Etliche historische Fakten werden gerade mal gestreift, etwa, welche Auswirkungen die Scheidung des Königs auf die Religion des Landes hatte; andere gar nicht erst angerissen, etwa die Vermutungen von Historikern, dass die vielen Früh- und Totgeburten von Heinrichs Frauen womöglich auf eine Syphiliserkrankung des Herrschers zurückzuführen seien. Stattdessen wird der unerhörten Anklage, mit der der König damals seine unliebsame Frau aus dem Weg räumen ließ: dass sie nämlich mit ihrem eigenen Bruder inzestuös verbandelt sei, zumindest im Ansatz ein Körnchen Wahrheit zugestanden.

Schöne Kostümschmonzette mit eng geschnürtem Mieder

Und doch: Natalie Portman und Scarlett Johansson ins enge Mieder geschnürt und im Höheren-Schwestern-Duell zu erleben, ist ein Schauwert an sich. Wie sie erst noch im Partnerlook durch den Park promenieren und dann bei Hof die Krallen ausfahren.

Dass sie am Ende unterliegen, die Herren Regenten sich aber feige und entscheidungsschwach durchwurschteln, ist uns auch heute nicht so fremd. Und immerhin läuft diese schöne Kostümschmonzette nicht etwa im Wettbewerb, sondern außer Konkurrenz und beschert dem Hof, pardon: dem Festival noch mal ein großes Staraufgebot zum Ausklang. Und mehr sollte dieser Film hier gar nicht leisten.