Morgenpost Online: Mitten im Wahlkampf sind wir, aber weit und breit will sich kein Spitzenpolitiker mit großen Künstlern schmücken. Offenbar gibt es auch keine kulturpolitischen Reibungen?
Joachim Sartorius: Das verwundert kaum. Einerseits ist das Gebiet der Kultur vom großen Konsens aller Parteien abgedeckt. Es gibt keinen Streit, das mag man bedauern. Andererseits haben Politiker bemerkt, dass Künstler schwer zu kontrollierende Gestalten sind. Künstler werben letztlich für sich selbst. Dass Willy Brandt den Wahlkampf auch ohne Günter Grass gewonnen hätte, dass Gerhard Schröder nicht deshalb Kanzler wurde, weil ihn Klaus Staeck unterstützt hat, ist doch wohl klar.
Morgenpost Online: Die Kultur übernimmt aus der Politik gerne Schlagwörter. In Mode ist gerade die Kulturelle Bildung, die natürlich jeder gut finden kann?
Joachim Sartorius: Ja, es gibt Schlagwörter, ich denke etwa an den Dialog der Kulturen, der uns einige Jahre sehr beschäftigt hat. Wir sollten aber nicht über Schlagwörter philosophieren, sondern pragmatisch vorgehen. Kulturelle Bildung halte ich für essenziell. In unserer großen Festivalfamilie gibt es deshalb einige wichtige Programme. Etwa die Kinder- und Jugendbuchsparte beim Literaturfestival, das jetzt am 9. September in unserem Hause beginnt. Da kommen täglich Hunderte von Kindern und Jugendlichen, die mit den Autoren reden und sich Bücher signieren lassen. Das ist eine phantastische Schule des Heranführens an Literatur, an kulturelle Inhalte. Und beim Festival "MaerzMusik" haben wir das Projekt Querklang mit ganz jungen Kindern.
Morgenpost Online: Als Sie 2001 im Dienste des Bundes antraten, hatten Sie viel Gegenwind in der Stadt...
Joachim Sartorius: Ach, ist das nicht der Schnee von gestern? Es gab zwei Probleme, weil ich sehr stark auf das Neue, auf das Zeitgenössische setzte. Wir bekamen Probleme mit dem alten Festwochen-Publikum, der alten tonangebenden Gesellschaft, und es gab Probleme mit den Erwartungen der Politik. Stichwort: "Glamour!" Mittlerweile haben wir eine Reihe neuer Festivals mit neuen Inhalten etablieren können. Wir sind gut aufgestellt. Das Publikum kommt in Scharen. Ich sage so etwas selten, aber ich bin wirklich stolz auf die Entwicklung der letzten fünf Jahre
Morgenpost Online: Wer ist heute die tonangebende Gesellschaft in Berlin?
Joachim Sartorius: Der Begriff galt für das alte West-Berlin. Heute herrscht eine große Pluralität. Es gibt Dutzende von wichtigen Cliquen und Klüngeln. Das ist wie in London oder New York.
Morgenpost Online: Wie viel Bundeskultur braucht Berlin?
Joachim Sartorius: Da müssen Sie den Kulturstaatsminister, Herrn Neumann, fragen. Ich kann nur sagen, wir sind sehr dankbar, beim Bund zu sein. Es bedeutet Planungssicherheit.
Morgenpost Online: Ihr Vertrag ist bis 2011 verlängert worden. Was soll man später rückblickend über die zehnjährige Ära Sartorius sagen?
Joachim Sartorius: Ich hoffe ganz einfach, man wird sagen, hier hat einer mit ästhetischer Konsequenz die Festspiele neu ausgerichtet. Sie haben das kulturelle Leben Berlins mitgeprägt und bereichert.
Morgenpost Online: Die Riesen stapfen Anfang Oktober, zu Beginn des Festivals "Spielzeit Europa", durch Berlin. Ein Spektakel, was doch so gar nicht zu Ihnen passt?
Joachim Sartorius: Wieso? Ich habe lange Zeit in New York gelebt, wo es viel Straßentheater gibt. Ich habe schöne Erinnerungen daran. Die Festspiele zeigen, Sie haben Recht, in erster Linie qualitätvolle, hochkarätige, hochkulturelle Dinge. Nun wollen wir aber ein Geschenk an ganz Berlin machen und hoffen, dass 1,5 Millionen Berliner an den vier Tagen Anfang Oktober mitziehen werden. Wir wollen ein neues Publikum erreichen. Stellen Sie sich den großen Riesen vor! 15 Meter hoch, seine Wimpern 10 cm lang, Schuhgröße 235. Das ist schon überwältigend!
Morgenpost Online: "Spielzeit Europa" ist eigens ein Festival fürs Festspielhaus. Das soll jetzt für 17,4 Millionen Euro aus Konjunkturmitteln saniert werden. Viel Geld für ein letztlich doch nur angemietetes Festspielhaus?
Joachim Sartorius: Das Haus wurde 1963 eröffnet. Es gab liebevolle kleine Reparaturen, aber grundlegende Dinge wurde nicht getan. Unser Mietvertrag geht noch 21 Jahre, die Investition amortisiert sich allemal. Zumal das Festspielhaus ein Schaufenster für die Bundeskulturpolitik in der Hauptstadt ist.
Morgenpost Online: Genau genommen sind Sie Chef einer Kultur-Holding. Warum haben sich eigentlich die Berliner Festspiele als Institution nie so richtig um das Berliner Stadtschloss bemüht?
Joachim Sartorius: Mein Laden ist groß genug, ich habe da keine Ambitionen. In erster Linie ist das Haus der Kulturen der Welt dazu aufgerufen, in Sachen außereuropäischer Kulturen mitzudenken und die künftige Agora zu gestalten.
Morgenpost Online: Heute beginnt in der Philharmonie das Schaulaufen der großen Orchester...
Joachim Sartorius: Das Musikfest ist ein Beispiel dafür, dass wir etwas tun, was ansonsten in Berlin nicht stattfinden würde. Es kommen neben fünf Ensembles 14 berühmte internationale Orchester, aus Chicago, aus Amsterdam, die vier großen Flaggschiffe der Musikmetropole London... Aber das wirklich Bemerkenswerte ist, dass wir diese großartigen Klangkörper auf unsere thematische Linie einschwören, in diesem Jahr ist es das 20. Jahrhundert im Spiegel der Musik, mit seinen Umbrüchen, Exzessen und Katastrophen. Die Komponisten Schostakowitsch und Xenakis sind die beiden Zentralgestalten.




