Kunst

MoMA in Berlin – großer Auftritt mit kleiner Form

Werke von Cy Twombly bis Neo Rauch werden vom MoMA im Martin-Gropius-Bau ausgestellt: Auffallend ist die starke Präsenz der deutschen Künstler.

"Das ist jetzt MoMA light", sagt MoMA-Kurator Christian Rattemeyer. Falsch liegt er damit nicht. Auch wenn die hohe Qualität der meisten Arbeiten und die großen Künstlernamen wie Cy Twombly oder Jeff Koons Erfolg garantieren: Doppelt ums Haus gewundene Besucherschlangen und achtstündige Wartezeiten wie im Erfolgsjahr 2004 wird es diesmal eher nicht geben.

Vor sieben Jahren standen 1,2 Millionen Menschen vor der Neuen Nationalgalerie Schlange, und eine Wiederholung dieses beeindruckenden Bildes ist schon deshalb unmöglich, weil die Ausstellung diesmal im Martin-Gropius-Bau stattfindet.

Zeichnungen stehen im Blickpunkt

Doch auch sonst sind die Ausgangsbedingungen bei diesem zweiten Gastspiel des New Yorker Museum of Modern Art gänzlich anders: Gezeigt werden keine populären Meisterwerke in Öl von Picasso bis Pollock, sondern Zeichnungen. Also die kleine, oft ästhetische Form, eine vom großen Publikum eher weniger geschätzte Gattung, die häufig in ihrer Dienerfunktion für die Malerei unterbewertet wird.

Diese Sicht will das MoMA mit seiner Ausstellung "Kompass", die 250 Arbeiten auf Papier versammelt, nun revidieren, – und das gelingt auf höchst interessante Weise. Im Fokus steht das Zeitgenössische mit Blick zurück auf die Wurzeln in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren.

Die Zeichnung liegt im Trend, nicht nur im Ausstellungsbetrieb. Weil sie ein leicht handhabbares, sehr spielerisches Medium für eine zunehmend mobile Künstlergeneration ist, die sich ungern festlegen lässt. Gleichzeitig gibt es eine neue Liebe fürs Erzählerische in einer Welt, die sich immer stärker zerlegt in Tausende Einzelinformationen und Bilder.

Die Collage als Medium der Stunde

Eines allerdings ist Voraussetzung beim Gang durch die Berliner Schau: hinweg mit der alten Vorstellung, eine Zeichnung sei gebunden an Bleistift und Kohle. Jenseits des Büttenpapiers ist die Zeichnung heute lebendiger als je zuvor, allerdings nur, wenn man ihre medial entgrenzte Form als Beitrag zum aktuellen Dialog über die Bedeutung von Bildern, ihre Aneignung in neuem Kontext sieht:

Die Collage scheint das Medium der Stunde. Was ist Original, was Kopie? Facebook und Twitter sind gar nicht weit entfernt, die Grenzen zum Digitalen längst gesprengt. Der New Yorker Künstler Kelley Walker scannt Bilder aus Zeitungen und Magazinen, übermalt sie mit poppigen Farben – das Werk allerdings existiert nur als Datei, das in jeder Größe und Auflage gedruckt werden kann, je nach Wunsch des Museums.

Im Sommer wird der Schweizer Thomas Hirschhorn den Pavillon seines Heimatlandes bespielen und schon jetzt wissen wir, dass er keinen Weichspüler benutzen wird. Auch in seiner Collage "Provide Ruins" macht er das nicht. Wir sehen Trümmerbilder des Krieges im Irak und allerlei nackte oder netzbestrumpfte Körperteile aus erotischen Hochglanzmagazinen, die Hirschhorn obsessiv mit Kugelschreiber und Filzstift malträtiert, geradezu verstümmelt. Hirschhorns Credo: Die Welt kriegt die Bilder, die sie selbst produziert.

Das Erbe von Judith Rothschild

Umso erstaunlicher ist es, dass die Ausstellung klassisch kuratiert ist. Wer rechts abbiegt, folgt den Abstrakten und ihren zeitgenössischen Ablegern. Wer links geht, begibt sich auf die Spuren des Figurativen und Erzählenden – am Ende steht da der Mythenmaler Neo Rauch, Protagonist der Neuen Leipziger Schule, den die Amerikaner so lieben, mit seinem monumentalen "Verrat".

Ohnehin fällt die starke Präsenz der Deutschen auf: Baselitz, Darboven, Immendorff, Kippenberger, Odenbach, Penk, Polke, Richter, Trockel, von Wulffen. Allen voran Übervater Beuys mit feinsten Verflüchtigungen in Bleistift: in Blättern wie "Aktionsplan" und "Elch und Sonne" ist sein ganzes künstlerisches Universum angelegt. Wenn man böse denkt, könnte man sagen, die Amerikaner wollten das Publikum mit bekannten deutschen Künstlernamen füttern.

Die 250 Blätter stammen allesamt aus der Sammlung "Judith Rotschild Foundation Contemporary Drawing Collection". Ihre Entstehung ist kurios: Judith Rothschild war selbst Künstlerin, sie gehörte zu den American Abstract Artists, und als sie 1993 mit 71 Jahren starb, hinterließ sie mit 30 Millionen Dollar eine schöne Summe.

Die Sammlung – eine Zeitkapsel

Mit einer obsessiven Voraussetzung: Stiftungsverwalter Harvey S. Shipley Miller durfte die Dollars ausschließlich für den Aufbau einer Zeichnungskollektion ausgeben, die später als Schenkung an das MoMA gehen sollte.

Das geschah in kurzer Zeit, in den Jahren 2003 bis 2005, mit Hilfe des beratenden Kurators André Schlechtriem, vielen internationalen Galeristen und Scouts, die weltweit nach interessanten Blättern fahndeten. Zu den "Fahndungszentren" zählten: New York, Los Angeles, London, Glasgow sowie in Deutschland das Rheinland mit Köln und Düsseldorf der 60er bis 80er Jahre – und natürlich Berlin als derzeitigem Zentrum der äußerst vitalen Kunstproduktion. So entstand eine künstlerische "Zeitkapsel", die 2005 mit Abschluss der Kollektion endet.

Am Ende kam das Rothschild-Team auf 2600 Arbeiten von 600 Künstlern. Ein beachtlich breit gespannter Kosmos: ein glühend-orangefarbenes Farbtableau von Cy Twombly, ein hingehauchter Akt ("Thirty Years Old") der jungen Amerikanerin Chloe Piene oder ein Matthew Barney mit einer verrückten "Ursula" (2003), die aussieht, als hätte man sie in drei Eierschachteln verfrachtet.

Eva Rothschilds Teppich aus Papier

Es gibt andere hübsche Entdeckungen zu machen, etwa Douglas Gordons Rucksack mit Notizbüchern aus seiner Studienzeit in der Glasgow School of Art. Hier sind spätere Werkideen auf ganz unmittelbare Weise bereits angelegt. Oder einfach Lucian Freuds schlafender "Head of Leigh" oder Maurice Cattelans humorige wie knorrige Gesichtslandschaften, die nicht mehr sein wollen als sie sind, schlicht wunderbare Fingerübungen.

Im MoMa wurde seinerzeit die Annahme der Schenkung heftig diskutiert. Kritiker meinten, in die Kollektion des Hauses gehörten ausschließlich Meisterwerke. Andere Aspekte wie der Austausch und Einfluss der Künstler, die Vielfalt der Gattung oder ein künstlerisches Umfeld wären dabei nicht zu berücksichtigen.

Oder auch Künstler, die nie Kultstatus haben werden, aber eine interessante Rolle spielen. Die Kritiker konnten sich nicht durchsetzen. Gut so. So sehen wir Künstlerinnen wie Eva Rothschild mit ihrer "Absolut Power". Ein gewebter Teppich, drei Meter groß, mit langen Fransen. Schöner Fake – alles nur aus Papier.

"Kompass – Zeichnungen aus dem MoMA": bis 29. Mai, Martin-Gropius-Bau.