Von der Seitenstraße zurück an den Boulevard: Mit seinem neuen Entwurf für den Umbau des Kudamm-Karrees hat der Architekt David Chipperfield einen Schritt zurück gemacht – und bekommt dafür Applaus. Jetzt soll das Theater nicht mehr an der Uhlandstraße aus dem Blickfeld geraten, sondern wieder vom Kurfürstendamm aus zugänglich und sichtbar sein. So, wie es sich für ein Boulevardtheater gehört. So, wie es für ein Boulevardtheater überlebenswichtig ist. Und wie es zwischen Theater-Direktor Martin Woelffer und dem irischen Investor Ballymore auch 2008 vereinbart worden war.

Das neue Theater, das die zwei bestehenden ersetzt, soll über der künftigen Ladenpassage entstehen und einen eigenständigen, großzügigen Eingang am Kurfürstendamm erhalten, so dass „das Theater wieder als wesentlicher städtebaulicher Bestandteil des Kurfürstendamms wahrnehmbar ist“, teilte die Senatskulturverwaltung mit. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Theater-Direktor Woelffer begrüßten das Konzept.

Damit kehrt Chipperfield zu den ursprünglichen Plänen zurück. Anfang dieses Jahres hatte der Architekt mit seinem Vorschlag einer Theater-Verlegung an die Uhlandstraße für heftige Proteste gesorgt. Wowereit schaltete sich schließlich ein, nachdem auch der für den Bebauungsplan zuständige Bezirk Zustimmung für diese, für die Theater tödlichen, Pläne signalisiert hatte. Die neue Bühne soll rund 650 Plätze haben und sich stilistisch an der historischen Form der Komödie am Kurfürstendamm orientieren, die der berühmte Theaterarchitekt Oskar Kaufmann als rangloses Saaltheater Anfang der Zwanziger Jahre entworfen hatte. Das neue Theater wird eine etwas größere Bühne bekommen und auch über Nebenräume verfügen, wie Martin Woelffer gegenüber Morgenpost Online erläuterte. Er bezeichnete die Pläne als „gut und richtungsweisend“ und hofft, dass „wir jetzt schnell zu weiteren Fortschritten kommen.“

Das Konzept für eine Neugestaltung des Kudamm-Karrees und die Einbindung eines Theaters am Kurfürstendamm wurden Anfang dieser Woche von der Ballymore Group als Investor und dem Architekten vorgestellt. Wowereit, der zugleich Kultursenator ist, sagte: „David Chipperfield hat ein überzeugendes Konzept für die Neugestaltung des Kudamm-Karrees vorgelegt und eine sehr attraktive Lösung für das Theater gefunden, mit der alle Beteiligten zufrieden sein können.“

Ballymore will in den nächsten Tagen auf die Fraktionen des Bezirksparlaments von Charlottenburg-Wilmersdorf zugehen, um das Konzept dort zu erläutern. Die Bezirksverordneten hatten in der Vergangenheit einen seltsam anmutenden Zickzackkurs eingeschlagen. Erst sollten beide Kudamm-Theater erhalten werden, dann stieß die Verlegung an die Uhlandstraße auf Zustimmung, schließlich plädierte man für einen Standort am Kurfürstendamm.

Ohne die Zustimmung des Bezirks kann der Umbau des Kudamm-Karrees nicht starten. Allerdings müssen dann auch konkrete Pläne vorliegen, bislang sind es nur Entwürfe. Sie signalisieren aber zumindest, dass der Investor noch bauen will. In der Vergangenheit war angesichts der Immobilienkrise darüber spekuliert worden, dass das irische Unternehmen Ballymore überlege, das Kudamm-Karree wieder zu verkaufen. Wobei sich das Geschäft wohl nur gelohnt hätte, wenn die beiden Theater vorher abgerissen worden wären. Das hätte den Marktwert der Immobilie erhöht.

Mittelfristig allerdings wird es ohnehin beiden Theatern an den Kragen gehen. Ein kulturhistorischer Verlust. Der legendäre Theaterregisseur und -unternehmer Max Reinhardt, der auch das Deutsche Theater bespielte, hatte die beiden Bühnen in den Zwanziger Jahren betrieben – und damit sein Theaterimperium in den damals boomenden Neuen Westen der Stadt ausgeweitet. Zur Eröffnung der Komödie am 1. November 1924 kamen beispielsweise Reichskanzler Wilhelm Marx und Reichsaußenminister Gustav Stresemann. Von diesem Glanz ist man heute am Kurfürstendamm ein Stück entfernt. Aber vielleicht bringt ihn Chipperfield mit einem spektakulären Entwurf fürs neue Kudamm-Karree zurück.