Ausstellung

Sammlerpaar zeigt seine surrealistischen Bilderträume

Berlin ist in den letzten Jahren eine Sammler-Stadt geworden. Ganz im Sinne des ehemaligen Museumsgenerals Peter-Klaus Schuster, der kulturpolitisch den Satz „Berlin sammelt Sammler" prägte. Dazu gehören auch Ulla und Heiner Pietzsch. Erstmals zeige sie ihre erlesene Privatsammlung in Berlin

Foto: Krauthoefer

Heinz Berggruen bezog sein Museum am Schloss, das heute zu den schönsten Kunsthäusern Berlins zählt, und auch Helmut Newton kehrte zurück in seine Heimatstadt. Erich Marx residiert im Hamburger Bahnhof, und Christian Boros hat einen alten Hochbunker in eine Wunderkammer für die schönen Künste verwandelt. Die Liste der Sammler mit eigenen (privaten) Häusern oder zumindest integrierten Sammlungen an staatlichen Museen ließe sich verlängern. Die meisten von ihnen konzentrieren sich auf Zeitgenössisches, profilierte Privatsammlungen zur Klassischen Moderne sind dagegen seltener.

Erstmals in Berlin zu sehen

Eine davon, bislang der Öffentlichkeit kaum bekannt, gehört dem Berliner Unternehmerehepaar Ulla und Heiner Pietzsch, das die öffentliche Berliner Bühne noch nie bespielt hat. Warum? Scheu mag dabei gewesen sein, vielleicht vor der Strahlkraft eines Sammlers wie Berggruen oder der Macht eines Mick Flick, womöglich war da auch die Angst vor Kritik, der man sich aussetzt, wenn man Kunst zeigt, die allein der subjektiven Leidenschaft verpflichtet ist. „Ick kenne doch meene Berliner...“, berlinert Unternehmer Heiner Pietzsch scherzhaft, „...da kommt ooch noch der Pietzsch. Auf diese Reaktionen wollte ich verzichten.“

Zwei Mal wurde die Kollektion bislang erst ausgestellt. Zuerst im Dresdner Schloss, und dass sie sich auch international profilieren kann, zeigte die Schau in der Peggy Guggenheim Collection in Venedig vor vier Jahren. „Affinities“ hieß sie, was so viel bedeutet wie „Verwandtschaft“, die beide Sammlungen verbindet. Die exzentrische Mrs. Guggenheim war einmal mit dem deutschen Künstler Max Ernst verheiratet, der „Kunsttransfer“ USA –Europa, – das war nur eine Verbindungslinie zur Sammlung Pietzsch.

Nun stellen Ulla und Heiner Pietzsch ihre Werke erstmals in der Neuen Nationalgalerie aus. Naheliegend, schließlich gehört der als Förderer der Künste bekannte Heiner Pietzsch zu den Gründungsmitgliedern des umtriebigen Freundeskreises. Und wenn es so läuft, wie es sich das kinderlose Ehepaar erhofft, wird die Sammlung eines Tages in den Bestand des Museums am Kulturforum eingehen.

Grund genug, Ulla und Heiner Pietzsch einmal in ihrer architektonisch maßgeschneiderten Kunst-Villa in Grunewald zu besuchen. „Schöner wohnen mit Kunst“, so könnte das Motto heißen, das die Berliner verwirklicht haben. Hier ist alles auf ein Rendezvous mit den Künstlern eingestimmt. Frühstück mit Frieda Kahlo, Champagner unter den hüpfenden fragilen Mobiles von Calder? Im Entree empfängt die New York School in ihren jungen Jahren: Rothko, Pollock, Newman – auf Papier, fein gerahmt und somit gezähmt im impulsiven malerischen Gestus. In der Ecke im Flur steht ein gestrenger Polizist in Uniform – eine lebensechte Figur von Duane Hunson. Auf diesen Gag fällt zumindest jeder neue Gast gern herein.

„Wollen Sie erst gucken, lieber sprechen oder soll ich führen?“ fragt der Hausherr galant, der es gewöhnt ist, seine Kollektion zu zeigen. Auf Nachfrage selbstverständlich, man ist ja kein Museum. Eines wird dem Besucher schnell deutlich: mit welcher Liebe zum Detail, ja Zuneigung und Leidenschaft das Ehepaar über die Jahre „ihre“ Werke zusammengetragen hat. So hat Heiner Pietzsch für jedes Bild, jede Skulptur eine ganz eigene Geschichte parat. Besonders genüsslich berichtet er über die „ménage à trois“ zwischen Max Ernst, Paul Eluard und Gala, später Dalís Frau. Max Ernst ist der Hausheilige – die höher liegende, lichtdurchflutete Galerie ist sein Reich. Auf einem inszenierten Fenster-Plateau hat die legendäre, heute fragmentierte Urform des „Capricorn“ ihren Auftritt – ein zentrales Werk im Oeuvre. Mit Blick auf den See eine spektakuläre Kulisse. Ernst’ amerikanische Hausgötter wachen nun im Grunewald, eine schöne Metapher. Die Nationalgalerie besitzt zwei späte Varianten, die in der Schau präsentiert werden. So entsteht eine kongeniale Serie, findet der Chef der Nationalgalerie, Udo Kittelmann. „Besser können eine private und eine öffentliche Sammlung gar nicht ineinander spielen.“

Die Passion für Ernst liegt wohl in der persönlichen Bekanntschaft mit dem Maler Anfang der 1970er Jahre begründet. Im Sprengel-Museum in Hannover lernten sie sich kennen, die Berliner waren von der exzentrischen Aura des Meisters eingenommen, die Leidenschaft für den Surrealismus geboren, heute Schwerpunkt der Kollektion. Über 47 Jahren ist sie gewachsen. Heiner Pietzsch führt uns zu den Protagonisten des Unterbewusstseins, zu all den Traummalern und Metaphysikern des 20. Jahrhunderts: René Magritte, André Breton, Yves Tanguy, Joan Miro, Paul Delvaux, Salvador Dalí, Hans Bellmer oder André Masson. Diese Bilderwelt entführt in schillernde Fantasien, in die Abgründe des Unterbewussten, der Sexualität und der Gewalt. Die Idee des „écriture automatique“ – des vom Rationalen völlig losgelösten, spontanen und freien Arbeitens – bestimmt die Werke der Surrealisten.

Angelegt wurde diese Kollektion nicht auf kunsthistorische Vollständigkeit hin, sondern nach subjektiver Auswahl singulärer Werke von besonderer Qualität. So gibt es in der Sammlung Werke – wie von Max Ernst – die bis zum Tode des Künstlers in dessen Besitz waren, und die Pietzsch später direkt von den Erben kaufte. Das Spezielle an der Sammlung ist, dass auf ungeahnte Weise ein Dialog zwischen der jungen, suchenden New York School der 40er und 50er Jahre und den europäischen Surrealisten entspinnt. Durch die Emigration zahlreicher Künstler wie Max Ernst hatte deren Einfluss direkte Auswirkungen auf die nachfolgende Entwicklung der jungen Amerikaner, die nach eigenen und neuen malerischen Positionen suchten.

1988 haben sich die Pietzschens das Haus bauen lassen – „Wände, Wände, Wände“ – das war die oberste Prämisse. Und: kein Museum sollte es werden, sondern leicht und luftig mit Spaß zum Leben. Pate standen die symmetrischen, klaren Modelle des Bauhauses. Glas, Holz, weiße Flächen.

Es ist nun nicht so, dass das Haus statisch bleibt in einer Hängung. „Wenn wir ausleihen, dann ergänzen wir immer wieder andere Bilder und hängen um“, erzählen die beiden. Werke genug gibt es ja, etwa 300 Arbeiten gehören in die Sammlung, Bilder, Skulpturen, Fotos, etwa 180 davon werden in der Neuen Nationalgalerie zu sehen sein: Im Zusammenspiel mit zehn Werken aus dem Bestand des Hauses am Kulturforum.

Natürlich hat sich das Ehepaar Gedanken über die Zukunft ihrer Kunst gemacht. Sie gehören nicht in die Riege der prominenten Sammler, die ein eigenes Haus für sich beanspruchen, obgleich es früher wohl Avancen in dieser Richtung von Seiten der Staatlichen Museen gab. Heiner Pietzsch findet: „Sammlungen wie unsere tragen auf Dauer kein eigenes Haus. Er weiß, die Werke brauchen Austausch und Dialoge mit anderen. Die beengte Neue Nationalgalerie jedenfalls ist keine Option für ihn, „ich gebe die Werke doch nicht in den Keller“. Pietzsch verfolgt und unterstützt jene Museumspläne, die noch unter der Ägide Lehmann/Schuster entstanden und die eine Rochade vorsehen, wonach die Gemäldegalerie auf die Museumsinsel ziehen wird. Das Gebäude am Kulturforum könnte dann zu einem „Museum des 20. Jahrhunderts“ umgewidmet werden. Die Kunst der Moderne in Berlin wurde durch die Nazis empfindlich zerstört. Diese Lücke könnte man schließen. Das Ehepaar ist bereit, seine Kollektion als Schenkung bei den Staatlichen Museen festzuschreiben. Die Klassische Moderne würde damit in der Nationalgalerie zu neuer Stärke finden. Vorstellbar wäre auch ein Zusammenspiel mit der Sammlung Scharff-Gerstenberg, die auf die Vorläufer der Surrealisten ausgerichtet ist.

Stärkung der Klassischen Moderne

Wenn Berlin nicht reagiert, könnte es sein, dass Heiner Pietzsch’ Geburtsstadt Dresden den Zuschlag bekommt. Berlin allerdings hat einen Heimvorteil: „Ich bin hier verwurzelt.“ Auch Udo Kittelmann ist optimistisch: „Wir lieben die Sammlung, und die Berliner werden sie auch lieben.“ Kulturstaatsminister Bernd Neumann hält die Eröffnungsrede. Wenn das kein gutes Omen ist.