Von den Nazis geächtet

Berlin zeigt die verbotenen Bilder von Emil Nolde

Die Nolde-Stiftung präsentiert in ihrer Berliner Dependance rund hundert der bis 1945 entstandenen Bilder des Künstlers. Darunter sind auch etliche Werke, die noch nie zuvor öffentlich zu sehen waren. Absolute Publikumslieblinge: Die expressionistischen Blumenbilder des Malers.

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Die Nolde-Stiftung präsentiert in ihrer Berliner Dependance rund hundert der bis 1945 entstandenen Bilder des Künstlers. Darunter sind auch etliche Werke, die noch nie zuvor öffentlich zu sehen waren. Absolute Publikumslieblinge: Die expressionistischen Blumenbilder des Malers.

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Nolde kommt zurück. Er war kein klassischer Berliner Künstler, aber die Winter verbrachte der Natur-Fan gern in der Hauptstadt: Emil Nolde, Expressionist von Weltrang, hatte erst in der Tauentzienstraße in Schöneberg, dann in der Bayernallee im Westend seine Wohnung mit Atelier – speziell für die dunkle Jahreszeit.

Er besuchte die Revuen und Vergnügungstempel der 20er Jahre, war mit der Ausdruckstanz-Pionierin Mary Wigman befreundet und malte, was er im Sommer in Norddeutschland und Dänemark skizziert hatte: Blumen. Immer wieder Blumen. „Die Farben der Blumen zogen mich unwiderstehlich an, und fast plötzlich war ich beim Malen“, beschrieb er seine Leidenschaft zu allem, was blüht und gedeiht. In Seebüll in Nordfriesland baute er sich eine Villa, deren Hauptattraktion: ein geistreich gestalteter Privatpark. Heute ist beides Museum und Teil der Nolde Stiftung Seebüll. Deren Direktor Manfred Reuther weiß um die Vorliebe Noldes für Blüten und Stängel, aber auch um seine Ängste, auf die Blumen festgelegt zu werden: „Zeitweise malte Nolde absichtlich keine Blumen, weil er befürchtete, seine Kunst könne hinter dem Motiv zurückbleiben.“

Blumen sind sein Markenzeichen

Tatsächlich: Die Blumen werden Noldes Statthalter nicht los. Sie sind beim Publikum so beliebt wie Popkorn im Kino: Ob Rosen oder Ringelblumen, Lilien oder Lupinen, Hagebutten oder Hecken – die Flora in mächtiger Buntheit wurde ein Markenzeichen des Malers. Und lockte etwa 200 Besucher täglich in die Berliner Dependance der Nolde Stiftung, als sie mit „Mein Garten voller Blumen“ in acht Sälen Blumenbilder satt zeigte. Nahe dem Gendarmenplatz hat Nolde seine jetzige Berliner Adresse. Der lichterne Altbau erlaubt großzügige Hängung, den Bildern tut das gut, gehen sie mit ihrer ungezügelten Farbgebung doch glatt als Stimmungsaufheller durch. So prall gefüllt sind sie mit Strahlkraft und Vitalität, mit Dynamik und rhythmischer Dichte, dass man kaum fasst, was für ein Künstlerschicksal sie bergen.

Denn bei keinem anderen Apostel der Moderne klaffen Selbstbild und Fremdbild so weit auseinander wie bei Emil Nolde. Seine Bilder von 1904 bis 1909 bezeugen Nähe zu den französischen Impressionisten und antizipieren Max Liebermanns spätere Berliner Gartenbilder. Doch Animosität und Konkurrenzkampf ließen Nolde und Liebermann spinnefeind werden, Nolde vergaß seine künstlerische Herkunft, steigerte sich in einen absurden Antisemitismus. Liebermann, einflussreicher Kulturfunktionär, schoss zurück: Statt den begabten Nolde zu fördern, versuchte er ihn zu unterdrücken. Schließlich flog Nolde, nach einem Schmähbrief gegen Liebermann, aus der Künstlervereinigung „Berliner Secession“.

Die Fachwelt ist bis heute gespalten

Bis heute spaltet dieser Zwist die Fachwelt, bis heute scheinen Im- und Expressionismus in Deutschland unversöhnlich. Dabei ist die Entwicklung vom verhaltenen, zart-verträumten Impressionismus hin zum exzessiv-überbordenden, rückhaltlosen Expressionismus bei keinem anderen Künstler so gut ablesbar wie bei Nolde. Das Resultat: Farben, die die Kunstgeschichte zuvor nicht kannte. So konstrastreiche, nachgerade derbe Buntheit auf die Leinwand zu bannen, traute sich noch keiner. Noldes Klatschmohnrot ist legendär, sein Ackermauve, sein Sonnengelb, das Blaugrün seiner Wiesen. Nahm er den Pinsel in die Hand, dräute ein Fest der Farben.

Seine Existenz als Maler war indes ein Neuanfang: Vorher lebte der 1867 Geborene als Zeichenlehrer und Illustrator in der Schweiz. Erst kommerzieller Erfolg – mit Karikaturen der Alpen – ließ ihn freier Künstler werden. Hans Emil Hansen, wie er damals hieß, nahm Malunterricht, heiratete und nannte sich 1902 nach seinem norddeutschen Geburtsort Nolde. Und: Er fand den eigenen Stil. Dabei verstand er sich als Heimatmaler, der Landschaft wegen. Der Erfolg kam schnell. Als er 1906 für nur ein Jahr der Künstlergruppe „Brücke“ beitrat, war Nolde bereits ein Star. Doch die Nazis, denen er zu gefallen hoffte, hatten keinen Sinn für ihn. 1937 ächteten sie ihn in der Hass-Ausstellung „Entartete Kunst“, 1941 erhielt der Deutschdäne Malverbot. Statt zu emigrieren, wählte Nolde den inneren Rückzug, in Seebüll. Dort malte er unter Lebensgefahr heimlich in einer abgelegenen Kammer. Es entstanden meist kleinformatige Bilder, die man bei drohender Entdeckung rasch hätte verstecken oder vernichten können. „Mit verschnürten Händen – ‚Ungemalte Bilder' von Emil Nolde“ heißt die damit gefüllte Ausstellung in Berlin. Rund hundert der bis 1945 entstandenen Bildchen und Bilder werden gezeigt, etliche nie zuvor öffentlich zu sehende Weltpremieren inklusive.

Kurator und Dependance-Leiter Jörg Garbrecht wählte sie unter mehr als 1300 Bildern, so produktiv war der Künstler in der Zeit des Verbots. Neben zauberhaft-entrückten Portraits in Aquarell entstanden auch Ölbilder wie der „Mohn und rote Abendwolken“ von 1943: Darin schieben sich Blüten wie ein Schutzwall zwischen Betrachter und Wiese, zwischen Subjekt und Außenwelt. Mag sein, dass die Liebe zur Natur Nolde in dieser Zeit mental lebendig hielt. Dass die trotz des immerhin von Berlin ausgegangenen Malverbots entstandenen Werke bald hier zu sehen sein werden, hätte den 1956 verstorbenen Nolde gefreut – eine grandiose Rückkehr für einen, der die Cabarets der Hauptstadt stets genoss.