Islamische Kunst

Berlin bekommt berühmte Privatsammlung

Berlin erhält eine der wichtigsten Sammlungen islamischer Kunst. Der Londoner Sammler Edmund de Unger wird seine "Keir Collection" der Stadt als Dauerleihgabe überlassen. Die Schätze sollen im Berliner Museum für islamische Kunst im Pergamonmuseum ausgestellt werden.

Die Liebe des ungarischen Jungen Edmund de Unger zur Kunst begann mit einem Verbot. Dem Sechsjährigem wurde strikt untersagt, einen der prächtigen Teppiche seines Vaters zu betreten. „Er hatte ein rotes Feld und eine gelbe Bordüre, und ich hörte, dass es ein Siebenbürgen-Teppich war“, erinnert sich Edmund de Unger, der 1918 in Ungarn geboren wurde. Die Teppichsammlung seiner Eltern machte den Jungen sensibel für die Schönheit des Ornaments, die Farben und Kontraste und als er nach dem Krieg Ungarn verlassen hatte und nach Oxford gegangen war, begann auch er Teppiche zu sammeln. Aus dem Besitz seiner Eltern hatte er nur einen einzigen retten und mitnehmen können.

Was für die Freunde de Ungers nur „mottenzerfressene Fetzen“, waren, wurde die große Leidenschaft des späteren Immobilienunternehmers. „Allmählich bedeckten sich Fussböden und auch Wände meiner Wohnung mit Neuerwerbungen. Das Ende kam, als ich auf dem Boden überall drei Lagen von Teppichen entdeckte - so konnte es nicht weitergehen“, erinnerte sich de Unger in einem Text, der 2007, anlässlich der ersten Berliner Ausstellung seiner Schätze, erschien.

Was Edmund de Unger als Ende beschreibt, war der Anfang seiner Liebe zur islamischen Kunst. Es folgten 50 Jahre der Jagd nach islamischen Kunstwerken aller Gattungen. Um manche Stücke kämpfte er lange, andere fand er unbeachtet in Antiquariaten oder Läden. Wie das kleine schwarze Metallstück, dass er in London kaufte und zu Hause putzte. Es war ein wunderschönes Silberobjekt. So einfach war es nicht immer. Einst wollte die Besitzerin ein Objekt auf gar keinen Fall verkaufen, doch de Unger erfuhr von einer Nichte, die unbedingt nach London wollte. Also nahm er sie als Au pair-Mädchen auf - und bekam das Kunstwerk. Sein Haus füllte sich und bis heute lebt er mit seinen Schätzen.

Das soll auch so bleiben, obwohl sein Sohn Richard de Unger (42) einen Vertrag mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und dem Berliner Museum für Islamische Kunst über die 20-jährige Ausleihe der Sammlung, die ständig größer wird, unterschreibt. Denn trennen muss sich der 91jährige de Unger von seinen Kunstwerken nicht. Die gesamte Sammlung mit 1500 Stücken verlässt London erst nach seinem Tod für vorerst 20 Jahre. 110 Stücke sind aber schon jetzt in Berlin.

Das dieser Vertrag zu Stande kommt, ist ein großes Glück und hat mit hervorragenden Berliner Sammlung zu tun. Aber es ist auch eine logische Folge der Familiengeschichte. Denn der Vater Edmund de Ungers, der so begeistert von den Siebenbürgen-Teppichen war, hatte noch den großen Berliner Sammler und Museumsdirektor Wilhelm von Bode (1845-1929) kennengelernt. Bodes eigene Teppichsammlung bildete neben der Mschatta-Fassade (einem Geschenk des türkischen Sultans an den deutschen Kaiser) die Grundlage für die 1904 gegründete Abteilung für Islamische Kunst im Kaiser-Friedrich-Museum. Die meisten Stücke stiftete Friedrich Sarre, der der größte deutsche Sammler dieser Kunstrichtung war. Bode machte ihn deshalb auch zum ersten Direktor der neuen Museumsabteilung. Seit dieser Zeit gehört die Berliner Islamische Abteilung zu den besten der Welt. Vergleichbare Sammlungen, die öffentlich zugänglich sind, haben nur Paris, Sankt Petersburg und London. Edmund de Unger, der in Berlin studierte, kannte die Sammlung und war auch während ihrer Aufteilung in West- und Ostberlin immer in Kontakt mit den Wissenschaftlern. Wegen dieser guten Kontakte und der Versicherung, dass seine Sammlung auch ausgestellt wird, entschied er sich für Berlin.

Dass die gesamte Leihgabe erst nach Berlin kommt, wenn der heute 91-jährige Sammler stirbt, stört Museumsdirektor Stefan Weber überhaupt nicht. Momentan und auch in den nächsten Jahren wird im Pergamonmuseum sowieso umgebaut und saniert und Weber arbeitet an der Neupräsentation der Sammlung. „Bisher sind unsere Kunstwerke chronologisch geordnet und nach Dynastien ausgestellt. Wir denken über eine Präsentation in Zeit- und Lebensräumen nach. Das ist für das Publikum leichter verständlich“, sagt Weber. Diese Abkehr von der rein wissenschaftlich motivierten Anordnung der Schätze scheint dringend nötig, denn offenbar ist das Interesse der Besucher an der Islamischen Kunst zwar groß, doch allzu viele Muslime kommen nicht ins Museum. Jedenfalls ist das der erste Eindruck von Stefan Weber, der das Museum als Nachfolger von Claus-Peter Haase seit Februar leitet. Genaue Zahlen kennt bei den Staatlichen Museen allerdings niemand. Erst jetzt hat eine genaue Besucherbefragung begonnen. Weber reicht das nicht. „Normalerweise arbeiten so bedeutende Sammlungen mit Universitäten vor Ort zusammen. Aber in Berlin gibt es keinen Studiengang für islamische Kunstgeschichte und Archäologie.“ Deshalb fehlt der Nachwuchs, fehlen die Wissenschaftler, die zusammen mit den Museumsleuten die Sammlung erforschen.

Doch es wird viel zu forschen geben, denn die Sammlung de Unger, die auch unter dem Namen Keir-Collection bekannt ist, fügt den 20.000 Berliner Objekten nicht einfach 1500 hinzu. Sie füllt vielmehr wundersam die Lücken der Sammlung, etwa mit früher koptischer und arabischer Textilkunst des 5. bis 10. Jahrhunderts. Die de Unger-Stücke der Sammlung frühislamischer bis spätmittelalterliche Buchkunst Ägyptens aus dem 5. bis 15. Jahrhundert stellen die Forschung sogar vor ein neues Aufgabengebiet, ebenso wie Keramiken, Buchfragmente und Bergkristallobjekte der Fatimidenzeit aus dem 10. bis 12. Jahrhundert.

In die neue, doppelt so große Ausstellung des Museums für Islamische Kunst (2800 Quadratmeter), die im Dezember eröffnet wird, will Weber die ersten 110 Stücke nicht integrieren. Vielmehr wird es eine Ausstellung in der Ausstellung geben, die sich mit dem Sammeln und dem Kaufen islamischer Kunst und der Geschichte des Sammlers beschäftigt. Dazu soll in einem Raum die Situation in de Ungers Haus nachstellt werden. Es muss ein wunderbarer Raum werden, denn Besucher berichten von diesem Haus voller Kunstwerke des Mittelalters und der islamischen Kunst, als wäre es ein aus der Zeit gefallener, märchenhafter Ort.