Vorbei die Zeiten, in denen eine Theaterinszenierung mit einem Hauptdarsteller auskam. Mittlerweile vermehren sie sich geradezu inflationär. Selbst bei Ein-Personenstücken kann der Zuschauer nicht mehr davon ausgehen, dass wirklich nur einer auf der Bühne steht. In Katie Mitchells „Wunschkonzert“-Inszenierung wuselt ein Dutzend vielbeschäftigt über die Spielfläche, werden Kameras auf- und abgebaut, Kulissen verschoben, Geräusche gemacht und Gedichte gelesen. Mitchell macht aus Franz Xaver Kroetz’ Drama um eine alleinstehende Angestellte, die kein Wort redet und schließlich Selbstmord begeht, eine Live-Performance. Der Betrachter hat die Wahl: Entweder verfolgt er den Prozess der Herstellung – oder er betrachtet das zweidimensionale Ergebnis auf der über der Bühne hängenden Leinwand.
Vom „Wunschkonzert“ zum Wortkonzert: In Nicolas Stemanns „Räuber“-Inszenierung verschwimmen Figuren und Charaktere. Wenn sich die Gesellschaft auflöst, lösen sich die Identitäten mit auf. Die stimmbandzersetzenden „Freiheits“-Rufe des vierfachen Karl inklusive der Frage, wie viel Freiheit der Mensch verträgt (die vierfache „Kanaille“ Franz skandiert nicht minder laut: „Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt“), kann man auch als Kommentar zu den Ereignissen und deren Folgen vor 20 Jahren in der DDR lesen.
Noch weiter treibt Andreas Kriegenburg das Spiel mit den vervielfältigten Protagonisten. In seiner perfekt durchchoreografierten und rhythmisierten Inszenierung von Kafkas „Der Prozess“ gibt es Josef K. in siebenfacher Ausfertigung, was seine Verlorenheit in einem System, das weder begreifbar noch durchschaubar ist, bildmächtig illustriert. Kriegenburg liefert ein Musterbeispiel für den Trend zu Romandramatisierungen ab. Es macht gespannt auf den Herbst, wenn Kriegenburg als neuer Hausregisseur die erste Saison des Deutschen Theaters unter Intendant Ulrich Khuon eröffnet.
Nur drei Höhepunkte
So herausragend, wie von Theatertreffen-Leiterin Iris Laufenberg angekündigt, war der diesjährige Jahrgang dann doch nicht. An die drei Höhepunkte – Kriegenburgs „Prozess“, Jürgen Goschs „Die Möwe“ und Martin Kusejs „Der Weibsteufel“ – konnte der Rest nicht heranreichen. Aber es gab auch nur eine richtige Enttäuschung: Das Spannendste an Jürgen Goschs zweiter Inszenierung „Hier und Jetzt“ war der Spielort, eine Halle am Alten Postbahnhof am Gleisdreieck.
Den großen Abgesang aufs Individuum stimmt Volker Lösch in „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ an. Im Zentrum seiner Hamburger Inszenierung frei nach Peter Weiss’ „Marat/8Sade“-Stück aus den Sechzigerjahren steht der Chor der Hartz-IV-Empfänger. Die erzählen am Anfang vielstimmig ihre Lebensgeschichten und am Ende lesen sie eine Liste mit den Namen der 36 reichsten Hamburger vor, deren Privatvermögen sich zwischen 400 Millionen und 1,6 Milliarden Euro bewegt. Einige der Betroffenen haben auf Unterlassung geklagt, ihre Namen werden nicht mehr genannt – obwohl die entsprechende Liste im Manager Magazin stand.
In Hamburg sorgte Löschs Inszenierung für einen ordentlichen Skandal; die Kultursenatorin hätte die ganze Produktion gern abgesetzt. Das rechtfertigt schon die Einladung zum Theatertreffen, auch wenn Ästheten um diese Arbeit einen großen Bogen machen. Nebenbei belebt Lösch, dieser Edding-Regisseur, bei dem hinter jedem Bühnensatz ein Ausrufezeichen steht, die Diskussion um das Theater als moralische Anstalt.
Sein „Marat“ steht aber auch für eine andere Tendenz im Theater: die Sehnsucht nach dem Authentischen. Der Hartz-IV-Chor kann seine Forderung nach Umverteilung glaubwürdig artikulieren, weil die Mitglieder jeden Tag erfahren, was Armut in einer an sich wohlhabenden Gesellschaft bedeutet.
Vom Bürgerschreck zum Star
Joachim Meyerhoff untermauert den Wahrheitsgehalt seiner biografisch grundierten Geschichten in „Alle Toten fliegen hoch 1-3“, indem er Dinge, die in seinen Erzählungen auftauchen – wie der Pullover seines toten Bruder – aus einer Vitrine holt und dem Publikum präsentiert. Oder einen mittlerweile aus der Haft entlassenen Mörder auf die Bühne bittet.
Schließlich Christoph Schlingensief, der seine Krebserkrankung thematisiert und dadurch in der Boulevardpresse vom Bürgerschreck zum Star avancierte. In „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ sitzt das Publikum auf unbequemen Bänken, durchs Kirchenschiff rennt ein Gospelchor. Schlingensief zeigt Super-8-Filme, die ihn als unbeschwert spielendes Kind zeigen, später hören wir seine verzweifelte Stimme als Originaldokument aus dem Krankenhaus.
In dem Wunsch nach Authentizität verbirgt sich die Hoffnung nach Gewissheit. Nach etwas Greifbarem in einer Krisenzeit, in der sich Gefühle der Ohnmacht breitmachen. Und viele Angst vor dem Absturz haben. So wie Josef K. im „Prozess“. Kriegenburgs Inszenierung liefert die Bilder für das reale Drama unserer Zeit.
















