Berliner Theatertreffen

Birgit Minichmayr gibt den "Weibsteufel"

| Lesedauer: 5 Minuten
Klaus Dermutz

Foto: dpa / DPA

Von der Wiener Burg über die Volksbühne: Birgit Minichmayr begeistert auf dem Berliner Theatertreffen mit ihrem intensiven facettenreichen Spiel. Auch Tote-Hosen-Chef Campino mag die raue Stimme der 32-jährigen Österreicherin und hat mit ihr einen Song für sein aktuelles Album aufgenommen.

Von Beginn an hat Birgit Minichmayrs Schauspielkunst größte Erwartungen geweckt und sie auch erfüllt. Unisono bescheinigte ihr eben die internationale Berlinale-Kritik für ihre PR-Mitarbeiterin Gitti in Maren Ades Film "Alle anderen" Atem raubende Präsenz.

Für ihr facettenre iches Spiel wurde die 32-jährige Schauspielerin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet - vorläufige Höhepunkt einer an Preisen reichen Karriere.

Auch am Wiener Burgtheater ist Minichmayr ein prominentes Ensemblemitglied, das dem Haus die gewünschte Internationalität verleiht. Minchmayr mixt gekonnt die Genres, wechselt zwischen Theater und Film souverän hin und her. Ein anderer Auftritt zeigte sie als traumverlorene Sängerin: Bei der Echo-Verleihung tauchte sie mit ihrer rauen Stimme in den Song "Auflösen" ein, den sie mit Campino als erste Duett der "Toten Hosen" auch für das aktuelle Album aufgenommen hatte.

Liebe zur Literatur entdeckt

Birgit Minichmayr wurde 1977 in einem Vorort von Linz geboren. Früh fing sie an, Klavier zu spielen und zu singen, war in der Schulzeit bei jeder theatralischen Aktivität dabei und mit ihrer Mutter eine regelmäßige Landestheatergängerin. Die Liebe zur Literatur entdeckt sie mit 15 Jahren, als in der Schule Goethes "Faust" durchgenommen wird und sie die legendäre Aufzeichnung mit Käthe Gold als Gretchen hört. Am Mozarteum wird sie nicht aufgenommen, aber am Reinhardt-Seminar, wo sie Klaus Maria Brandauer als Lehrer findet.

Nach drei Jahren am von Klaus Bachler geleiteten Burgtheater bescheinigt ihr Brandauer: "Birgit Minichmayr ist eine exzellente Schauspielerin geworden. Das ist fein und freut den alten Lehrer. Aber sie ist mehr als das. Manchmal ist sie elf Jahre alt und manchmal so alt wie die Welt. Beruflich und privat, was bei ihr untrennbar ist, ist sie ein prachtvoller ,Kerl'. Ihre Fantasie ist überreich und sie besitzt eine schier nie versiegende geistige und körperliche Kraft. Sie ist eine charismatische Künstlerpersönlichkeit."

In Windeseile erobert Minichmayr die Burg - als junges Mädchen wie als Tragödinnenmegäre. Die tiefste Prägung erhält sie mit dem Regisseur Klaus Michael Grüber. Sie spielt 2003 in seiner "Ödipus in Kolonos"-Inszenierung die treue Tochter Antigone, die den blinden Vater Ödipus auf seiner langen, ausgesetzten Wanderschaft begleitet: "Ich kam zur Bauprobe und habe zunächst nur diese lange schöne Hand gesehen, diese langen Finger. Er hat vor dem Bühnenbild geredet, ich habe nur die Hand gesehen und war gleich verliebt. Allein schon durch seine Erscheinung löste Grüber eine totale Faszination aus. Bei den Proben habe ich ihn stundenlang angeguckt und versucht, ihm nachzuspielen." Grüber bleibt für sie der "große Mystiker".

Die junge Schauspielerin ruht sich an der Burg nicht auf frühem Ruhm aus, sucht die Veränderung, geht zu Frank Castorf nach Berlin: "Die Volksbühne war genau das Pendant, das ich brauchte. Ich wusste intuitiv, an diesem Haus bewirbt man sich nicht. Das Ensemble hat mich unglaublich toll aufgenommen. Ich fühlte mich gleich zu Hause." Doch es bleibt ihr nicht verborgen, in welche Krise die Volksbühne geraten war und wie schwer es für Castorf wurde, mit seinem "religious turn" ein neues Interesse bei Publikum und Presse zu entfachen. Sie empfindet es als ungerecht, dass Castorf eine so massive Ablehnung erfährt und setzt ihre ganze Energie in Castorfs "Gier nach Gold" und seiner "Schneekönigin" und auch in Gotscheffs "Iwanow" ein, um dem Haus neuen Glanz zu verleihen.

Ihr Engagement an der Volksbühne sieht Minichmayr im Rückblick als eine "absolut erfüllende Zeit, die komischerweise auch ein Ablaufdatum hatte. "Die Art, wie sich Castorf und auch René Pollesch mit Theater auseinandersetzen, war für mich einzigartig. Den Zugang zum Theater, den Castorf hat, hatte ich vorher noch nie erlebt, er hat mir absolut gefallen." Kein anderer Regisseur habe ihr so viel über Timing und Komik beigebracht wie Castorf, erzählt Minichmayr, denn davor hatte sie immer große Angst. Sie fragte sich oft selbstquälerisch, wo ihre eigene Komik sei. In Luc Bondys "König Lear" konnte sie 2007 die neu erworbene Komik ausspielen. Ihre Rückkehr ans Burgtheater wurde als Triumph gefeiert.

Frau zwischen zwei Männern

Die Intensität, für die Minichmayr in Maren Ades "Alle anderen" gepriesen wurde, hat im Theater eine Entsprechung in der jungen namenlosen Frau zwischen zwei Männern in Karl Schönherrs "Weibsteufel" gefunden. Martin Kusejs Inszenierung im Akademietheater ist verdient zum Theatertreffen eingeladen. Im "Weibsteufel" spielt Minichmayr eine verschlossene, junge Frau, die gegen die engen Grenzen ihrer Ehe und die trostlos vergehende Lebenszeit revoltiert.

In der Arbeit an Karl Schönherrs 1914 entstandenem Drama löste für Minichmayr die abgehackte Sprache eine große Einsamkeit aus. "Wir haben lange danach gesucht, was dieser Weibsteufeltanz sein könnte. Bei Schönherr kommt die Musik von außen. Wir haben den Tanz durch den Monolog eingeleitet: In ihren Körper kommt eine andere Freiheit hinein. Es ist, als würde sie in ein anderes Reich kippen. Die Männer gehen in die Unbeweglichkeit, während ich die Schlussszene durchtanze."