Das Konzept: 60 Jahre Kunst im Geltungsbereich des Grundgesetzes ("die Kunst ist frei"). Die "Klassiker" unter den deutschen Künstlern wie Polke, Richter, Beuys haben zum Teil eigene kleine Werkräume. Künstler aus Ost-Deutschland, darunter Neo Rauch, werden erst nach 1989 berücksichtigt. Mit Kurator Walter Smerling sprach Gabriela Walde.
Morgenpost Online: Die Idee, eine Jubiläumsschau mit 60 Schlüsselpositionen zu illustrieren, ist so verblüffend wie streitbar. Wie kam es zu dieser Reduktion?
Walter Smerling: Es war eine spontane Idee, eine Jubiläumsschau zu machen. Dann kam die Frage, was denn die BRD auszeichnet - die Sprache kam schnell auf das Grundgesetz. Wir haben den Artikel 5 Absatz 3 - die Kunst ist frei. Das ist außergewöhnlich, wenn wir uns die Situation 1949 vergegenwärtigen. Welche Bedeutung hat die Freiheit für das kulturelle und künstlerische Geschehen in der Republik? Die Künstlerdichte ist erstaunlich, das Ausstellungswesen sehr aktiv. Wir zeigen aus jedem Jahr ein Schlüsselwerk - in der Gesamtheit erhalten wir ein Panorama, das zeigt, wie sich die BRD nach 1949 ästhetisch "häutete". Wir wollen den Leuten aber nicht nur Highlights zeigen, sondern auch Entwicklungen. Ein Karl Hofer oder Rupprecht Geiger ist vielen nicht im Bewusstsein.
Morgenpost Online: Was unterscheidet diese Schau von einer Überblicksausstellung?
Smerling: Das ist kein bloßer Überblick, wir zeigen ausschlaggebende Werke, die ab 1949 für die Folgejahre wichtig waren und die Basis gelegt haben. Insgesamt haben wir an die 130 Positionen diskutiert. Neben den Hauptwerken präsentieren wir Assistenzwerke, damit der Besucher eine Vorstellung davon hat, was Gerhard Richter beispielsweise alles gemacht hat. Neben dieser künstlerischen Entwicklung illustrieren wir auch die zeitgeschichtliche Schiene. Für jedes Jahr gibt es einen Kurzfilm. 1983 entwarf Hanne Darboven beispielsweise ihre "Ost-West-Demokratie", damals eine große Vision, heute längst Realität. Wir fragen, was geschah noch in diesem Jahr?
Morgenpost Online: ... Die gefälschten Hitler-Tagebücher tauchten auf. Eine Künstler-Hitliste aufzustellen ist schwierig. Da kann es nur Sollbruchstellen geben.
Smerling: Wir wissen, dass diese Kritik kommen wird. Doch in der Reduktion liegt die Chance, sich auf Wesentliches zu konzentrieren. Und: Es gibt nicht den Anspruch einer enzyklopädischen Darstellung. Sicher wird es Künstler geben, die fehlen. Aber wir bekennen uns zu unserer subjektiven Haltung. Diese Ausstellung sei hinreißend ungerecht, hat ein Kurator gesagt. (lacht)
Morgenpost Online: Gregor Schneider fehlt, Wolf Vostell, Hans Haacke... Zudem gibt es bereits die Kritik, dass Kunst aus dem Osten nicht vorkommt - erst nach der Wende ins Blickfeld gelangt.
Smerling: Das stimmt nicht. Wir zeigen diejenigen Künstler, die im Geltungsbereich des Artikels 5 in der Lage waren, zu arbeiten. Etwa 13 Künstler aus der ehemaligen DDR sind dabei: Hartung, Rauch, Baselitz, Richter...
Morgenpost Online: Der ist aus der DDR in den Westen gegangen...
Smerling: Wir Kuratoren haben das Thema durchaus kritisch besprochen - die Auseinandersetzung wird im Katalog dokumentiert. Ab Mai wird im Nationalmuseum Nürnberg "Kunst und Kalter Krieg. Deutsche Positionen 1945 - 1989" zu sehen sein. Fokus liegt auf dem Thema Ost und West. Es geht nicht darum, dass wir in der Berliner Präsentation einen Strich ziehen nach dem Motto: Ihr im Osten, wir hier im Westen. Fakt ist, dass diese Grenze existierte und dieses gottverdammte Unrechtssystem. Das hat aber nichts mit der Hochnäsigkeit von uns Westlern zu tun.
Morgenpost Online: Einige Kritiker sehen das aber so.
Smerling: Unsere Konzeption bezieht sich definitiv auf den Freiheitsgesichtspunkt und anlässlich des Geburtstages ist die Schau ein klares Bekenntnis zu unseren Künstlern und ihrem Beitrag zur Kulturlandschaft.
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, 1. Mai - 14. Juni. Tgl. 10 - 20 Uhr.
Der Katalog kostet: 29,80 Euro.








