Ausstellung in Berlin

Jetzt kommt das Essen ins Museum

Beim mittelalterlichen Kaisermahl floss noch tagelang Wein fürs Volk. Bundeskanzler wie Gerhard Schröder zeigen sich heutzutage volksnah an der Currybude. Und zu Hause speisen viele wortkarg vor dem Fernseher. Die Ess-Sitten haben sich stark gewandelt. Das Berliner Museum für Kommunikation widmet ihnen nu eine Ausstellung.

Foto: © Museum für Kommunikation Berlin / Museum für Kommunikation Berlin

Was hat eine Ausstellung über den Wandel der Ess-Sitten einem Kommunikationsmuseum verloren? Viel. Denn erstens wird beim Essen geredet, und wo dies nicht mehr geschieht, ist der Tiefstand der Zivilisation erreicht - wie bei so vielen Familen, die sich gar nicht mehr erst an einem Tisch versammeln, sondern bei denen jeder seine Mahlzeit einsam auf der Fernsehcouch verschlingt.

Zweitens wird derzeit im Fernsehen über kaum etwas mehr geredet als übers Essen. Und drittens kann ein sorgsam inszeniertes Mahl selber eine Botschaft sein. Das wissen Verliebte ebenso, wie es die mittelalterlichen Kaiser wussten.

Bei deren Krönung in Frankfurt floss tagelang Wein fürs Volk aus den Brunnen und Ochsen drehten sich am Spieß. Von all dem erzählt die Schau "Kochen, Essen, Reden" im Museum für Kommunikation in Mitte. Im Kaisermahl war noch etwas von der religiösen Aura aufgehoben, die einst jede Form des gemeinsamen Mahls umgab. Der Monarch zelebrierte damit seine Rolle als Heilsspender. Heutzutage essen Bundeskanzler wie Willy Brandt im Speisewagen oder Gerhard Schröder an der Currybude gerade deshalb mit dem Volk, weil sie zeigen wollen: Ich bin wie ihr.

Früher konnte ein zusammen eingenommenes Essen sogar quasi-vertraglich bindend sein. Deshalb vermied Kaiser Heinrich IV. es, beim Gastmahl mit Papst Gregor VII. (das war der, der ihn zum Gang noch Canossa gezwungen hatte), seinen Teller auch nur anzurühren. Zumindest will ihn der papstfreundliche Chronist, der das Staatsdinner schildert, mit seiner Abstinenz als Friedensfeind brandmarken.

Die Mütter aller Gastmahle sind im Westen einerseits das Symposion, zu dem sich die griechischen Philosophen niederlegten, und andererseits das letzte Abendmahl, zu dem Jesus seine Jünger lud. Sie stehen für die antiken und christlichen Wurzeln der europäischen Kultur. Corinna Engel, die mit Rosemarie Wesp die Ausstellung kuratiert hat, wies darauf hin, dass die Speisen auf dem Abendmahlstisch innerhalb des letzten Jahrtausends von den Malern immer nahrhafter dargestellt wurden.

Picknick-Korb - damals so hip wie heute das iPad

Ein besonders schöner Abschnitt ist dem Essen im Freien gewidmet. Die Ausstellungsarchitekten haben eine Art universellen Stehimbiss gebaut, in dem man sich leider keine Currywurst kaufen kann. Dafür stillt der Anblick von Goethes leibhaftigem Picknick-Korb, einer kostbaren Leihgabe aus Weimar, wenigstens den Bildungshunger. Goethe sagte seinem Gesprächspartner Eckermann 1827 über das ihm so teure Stück Flechtwerk: "Ich habe ihn aus Marienbad mitgebracht, und ich bin so an ihn gewöhnt, dass ich nicht reisen kann, ohne ihn bei mir zu führen. Er kommt der Antike nahe, denn er ist nicht allein so vernünftig und zweckmäßig als möglich, sondern er hat auch die einfachste, gefälligste Form, sodass man also sagen kann: er steht auf dem höchsten Punkt der Vollendung."

Für unsere heutigen Augen sieht das geflochtene Ding in der Vitrine unscheinbar aus, aber damals war derjenige, der solchen einen Korb zum Essen unter freiem Himmel trug, seines Status als Zeitgeistjünger so gewiss wie heute ein iPad-Besitzer. Denn der Ausflug mit Imbiss war gerade erst in Mode gekommen und mit ihm das Wort Picknick, über dessen Urheberschaft heute noch die Franzosen und Engländer streiten.

Museum für Kommunikation

Leipziger Str. 16, Mitte. Tel. 20 29 40.Di - Fr. 9 - 17 Uhr, Sa/So 10 - 18 Uhr.