Mit einem musealen Furor inszenierte Peter-Klaus Schuster seinen Abschied mit einem zehnteiligen Marathon „Kult des Künstlers“. Es gibt einen heimlichen Sieger unter den Ausstellungen. Nofretete hat Besuch bekommen – von „Giacometti, dem Ägypter“ im Alten Museum. Es ist zwar die kleinste, bescheidenste Schau, dafür umso dichter, feiner und sinnlicher. Einfach schön und so still in ihrer Ästhetik.
Dabei ist das Konzept nach dem Motto „Weniger ist mehr“ recht simpel: Die Dauerausstellung wurde nur insofern verändert, als dass einige altägyptische Meisterwerke entfernt und zwölf Skulpturen und zwei Grafiken des Schweizer Bildhauers (1901-1966) eingefügt wurden, die jetzt wie selbstverständlich den Reigen ergänzen, so, als ob sie hier schon immer dazu gehört hätten.
Die Idee für eine Ausstellung dieser Art trug Dietrich Wildung, Chef des Ägyptischen Museums und Giacometti-Liebhaber, lange mit sich herum, bis er irgendwann auf Christian Klemm von der Züricher Giacometti-Stiftung stieß. Da war es nur noch eine Frage der Zeit, die Realisierung voranzutreiben. Spannend ist zu beobachten, wie sich die stolzen ägyptischen Figuren durch Giacometti verlebendigen und eine scheinbare Bewegung im Raum erhalten.
Ein unerwartet konzentrierter Dialog ergibt sich zwischen den ägyptischen Figuren und ihren modernen Nachfahren: majestätisch schaut Nofretete den Betrachter an – genauso wie „Annette VIII“ von Giacometti, deren Hals ebenso grazil gestreckt ist wie der der schönen Königin. Hier geht es um die Idee des Menschenbildes im Laufe der Jahrhunderte. Auch der langbeinige „Cage“ (Käfig) von 1950 scheint von den Ägyptern inspiriert; dieser die Figuren umgebende Kasten gibt den Skulpturen Stabilität – und vor allem beeindruckende Raumwirkung.
Dass Giacometti Zeit seines Lebens unter der „Ägypto-Manie“ litt, wie Dietrich Wildung erklärt, war ein in der Forschung bislang weniger berücksichtigter Aspekt. Der Künstler der Klassischen Moderne war einer der wenigen, die sich so konzentriert und nachhaltig mit der Antike beschäftigt hat. „Was Giacometti im Werk der Ägypter suchte, war die Art der Verewigung. Giacometti war ein Kind seiner Zeit, durch die Erschütterung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verunsichert, suchte er nach Tradition und einer Kunst, die verewigt ist“, so Wildung. Giacometti selbst beschrieb es so: „Die ägyptischen Skulpturen haben eine Großartigkeit, ein Gleichmaß der Linie und der Form, eine perfekte Technik, wie sie nachher niemand mehr beherrschte.“
Stilistisch hat sich der Bildhauerei der ägyptischen Kunst „bedient“, seine überstreckten, amorphen Figuren („Figurine sur grand socle“) entwachsen mächtigen Sockeln, was diesen fragilen Wesen umso mehr Spannung verleiht. Sie thronen mehr als sie sitzen; nach ägyptischer Vorstellung war dieses Thronen Sinnbild des ewigen Lebens.
Ob die Ägypter stark genug wären, um den Dialog mit der Moderne anzutreten – das hatten sich die Ausstellungsmacher zu Beginn der Schau gefragt. Eine wirklich unnötige Sorge.
Altes Museum, Am Lustgarten, Mitte. Tel: 20905555. Bis 15.2., tgl. 10-18 Uhr, Do bis 22 Uhr. Katalog: 19,90 Euro.




