Kassandra

Kriegsvisionen im Deutschen Historischen Museum

Das Deutsche Historische Museum in Berlin widmet sich einem unheilvollem Mythos: "Kassandra. Visionen des Unheils 1914-1945" zeigt Werke deutscher Künstler aus der Zeit vor und zwischen dem Weltkriegen. Erstmals befasst sich das Berliner Museum mit den Themen Kriegsahnung und Kriegsangst.

Foto: Halle, Stiftung Moritzburg, VG Bild Kunst, Bonn 2008 / DHM

"Martin meint es giebt Krieg. Russland England Frankreich gegen Deutschland. Wir wurden einig, dass es für unsere heutige ziemlich demoralisierte Kultur gar nicht schlecht wäre, wenn die Instinkte und Triebe alle wieder mal an ein Interesse gefesselt würden", schrieb der 25-jährige Max Beckmann Anfang 1909 in etwas schludriger Orthografie in sein Tagebuch.

Und Thomas Mann erklärte 1914: "Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte! Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden und eine ungeheuere Hoffnung."

Ausblick auf bessere Zukunft

Es bedurfte erst zerfetzter Leiber, selbst erlebter Schützengrabenkatastrophen und vieler Kameraden-Tode, damit die deutschen Künstler begriffen, was das ist: Krieg. Einige haben diese nachträgliche Furcht nicht mehr erlebt. Sie starben wie Franz Marc. Die anderen waren schockiert, und dieser Schock übertrug sich auch auf ihre Kunst. Sie begannen, richtige Antikriegsbilder zu malen.

Zuvor empfanden die meisten einen Krieg als notwendig und reinigend. Selbst wenn sie Zerstörungsszenarien malten, gab es einen Ausblick in eine bessere Zukunft. Doch vor allem wurden die Künstler von den tradierten Kriegsgespenstern bedrängt: Apokalyptische Reiter, Höllenstürze, personifizierte Kriegsfiguren, die riesengroß über das Land kommen - so hatten sie es bei Albrecht Dürer und Francisco de Goya gesehen. Nur Rudolf Schlichter zeichnete schon Kriegskrüppel als noch gar kein Krieg war.

Der Krieg bedeutete völlige Zerstörung

Die Visionen der deutschen Künstler vor und im Ersten Weltkrieg waren der Apokalypse des Johannes näher als den Mahnungen der Kassandra. Denn bei Johannes heißt es: "Ich bin das Ende und der Anfang." Kassandra dagegen prophezeite den totalen Untergang Trojas. Als Mahner vor dem Unumkehrbaren, Endgültigen empfanden sich die Künstler erst, als sie schon einen Krieg erlebt hatten. Vor und im Zweiten Weltkrieg war deshalb ausschließlich der Gedanke an völlige Zerstörung möglich. Viele Künstler verstanden sich nicht nur als Seher, sondern eben als Kassandra, die zwar sieht, doch der nach dem Fluch des Apollon niemand glaubt.

Ein ungewöhnliches Thema

Zu dieser klaren Unterscheidung zwischen einer Kunst vor dem Ersten und vor dem Zweiten Weltkrieg kommt jedenfalls die Ausstellung "Kassandra. Visionen des Unheils 1914-1945" im Deutschen Historischen Museum, die sich erstmals dieser speziellen Entwicklung in der deutschen Kunst widmet.

Es ist ein nahe liegendes, aber ungewöhnliches Thema für ein Historisches Museum. Doch während sein Direktor Hans Ottomeyer die vergangene große Ausstellung zum Thema "Kunst und Propaganda" (gezeigt Anfang 2007) vorbereitete, fiel ihm auf, dass das Thema des Künstlers als Kriegsmahner noch niemals in einer Ausstellung thematisiert wurde.

Das erstaunt und man könnte fast meinen, Kriegsbilder seien zu anspruchsvoll und zu düster für die am Event orientierten Kunstmuseen. Im Deutschen Historischen Museum dagegen erwartet man durchaus das düstere, kriegerische und stört sich nicht an realistischer Malerei, die die Kriegsdarstellung zwangsläufig erfordert und mit der es nur zu illustrieren ist. Die in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts viel geliebte Abstraktion kann hier nicht vorkommen, sondern allein der lange verpönte Realismus und Spuren des Surrealismus.

Man sieht dieser Ausstellung an, dass sie sich erstmals umfassend dem Thema Kriegsahnung, Kriegsmahnung und Kriegsangst widmet. Sie vereint 350 Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen - so viele Bilder auf so engem Raum sind lange nicht mehr in eine Kunstausstellung gehängt worden. Dicht an dicht wird Bekanntes neben weniger Bekanntem und viel Unbekanntem präsentiert. Denn während nach dem Ersten Weltkrieg umfassend Kunst zum Thema Krieg ausgestellt wurde, arbeiteten die Künstler in der Nazizeit im Verborgenen. Nicht nur, weil sie verfemt oder emigriert waren, sondern weil die Politik der Nazis eine bestimmte Kunst vorschrieb. Eine Figur wie Kassandra, mit der sich nun viele Künstler identifizierten, hatte da keinen Platz.

Als der Maler Karl Hofer 1947 schrieb: "Der Künstler ist eben ein geistiger Seismograph", da versuchte er den alten Mythos vom Künstler als Mahner wieder zu beleben. Eine schöne Selbststilisierung, die mit dieser Ausstellung zumindest teilweise widerlegt wird. Denn immer erst als die Künstler am eigenen Leib Krieg, Blut, Mord, Ausgrenzung, Isolation erfuhren, reagierten sie mit ihrer Kunst darauf. Die Sehergabe ist eben doch nicht so breit gestreut, wie die Vorstellung vom Künstler als Medium das gern hätte. Das erkannt zu haben, ist die Leistung dieser Ausstellung und ihres umfassenden Kataloges.

Deutsches Historisches Museum , Unter den Linden 2. Mitte. Tel. 20 30 40. Tgl. 10 bis 18 Uhr. Bis 22. Februar, Katalog: 48 Euro