Er kommt auf geradezu unspektakulärer Weise auf die Bühne; ganz in schwarz und ohne aufdringliches Showgetöse. Mit charmant gespielter Überraschung nimmt Lionel Richie den lautstarken Jubel auf, der ihm in der O2 World entgegenbrandet. Setzt sich an den auf Hochglanz polierten Flügel und eröffnet ganz allein seine neue Show mit „Easy“, jenem Hit der goldglitzernden US-Funk-Formation The Commodores, deren Frontsänger und Hitgarant er einst war.
Das macht Lionel Richie immer so im Verlauf seiner derzeitigen Deutschlandtournee durch überdimensioniert große Hallen. Aber genau das wollen die rund 8000 Besucher in der nicht ganz ausverkauften O2 World auch hören: jene Balladen, in denen Richie Trennungswut und Abschiedsschmerz durch gefühlsselige Streicheleinheiten ein wenig erträglicher werden lässt. Schon bald steigt seine junge, aufbegehrende Band mit ein. Die Musiker bringen „Easy“ mächtig auf Trab – und werden auch später den alten Erfolgen eine gehörige, rockige Portion Energie verpassen. Das funktioniert überraschend gut.
Aber anders wäre eine Begegnung mit Lionel Richie, der im Juni 60 Jahre alt wird, wohl auch nicht zu ertragen. Die überzuckerten Balladen sind so süß wie orientalisches Baklava, jenes in Honig und Rosenwasser getränkte Dessert, das ohne einen starken türkischen Mokka auch nicht zu auszuhalten wäre. Genauso serviert Richie seine emotionsbewegenden Liebeslieder im Wechsel mit pulsierender Partymusik, mit treibenden R&B Hymnen und krachenden Gitarrensoli.
Schon bei „All Around The World“ tobt und tanzt er ausgelassen über die Bühne und so mancher im Publikum empfindet da die Bestuhlung als eher störend. Aber da steht sowieso schon alles. Lionel Richie ist ein gewiefter Entertainer, der weiß, wie er sein Publikum auf seine Seite zieht. Und schon bald liegt ihm die Halle denn auch zu Füßen.
Die Bühne ist elegant und modernsten Tourneeanforderungen angepasst. Auf großen, breiten Bildwänden begleiten Farbenspiele und Filmeinspielungen kunstvoll kitschig die einzelnen Songs. Bei „Ballerina Girl“ zeigt er sogar stolz ein Foto seines Enkelkinds. Der Sound wird überraschend rockig ausgepegelt, die Musiker beherrschen ihr Metier aus dem Eff-Eff.
Solch aufwendige Inszenierungen, wie sie Richie noch in den Achtzigern in Berlin aufgefahren hat, gibt es freilich nicht mehr. Damals haben es die Bühnendesigner durch waghalsige Seilkonstruktionen geschafft, Richie und die komplette Band bei „Dancing On The Ceiling“ an der Decke der Deutschlandhalle tanzen zu lassen. Inzwischen vertraut Richie ganz auf die Kraft der Musik und bleibt auf dem Boden. Wie gigantische Nachrichtenticker begleiten Laufbänder mit dem Songtext das Stück, das die Show nach exakt 90 Minuten vorerst beendet.
Es zeugt von Lionel Richies Größe, dass seine Balladen nie Gefahr laufen, in hemmungslosem Kitsch zu versanden. Ob „Hello“, „Say You, Say Me“ oder „Three Times A Lady“ – er hat Perlen in einem Genre geschaffen, das gern mit Kuschelpop umschrieben und von Beliebigkeit ummantelt wird. Es sind beziehungsstiftende Unikate, oder, wie Richie bei „Three Times A Lady“ anmerkt, Lieder, bei denen Menschen sich verliebt, verlobt, verheiratet haben – oder aber in verheerenden Beziehungsstress gestolpert sind. Diese Lieder haben Lebensläufe begleitet. Entsprechend ist das Publikum merklich mit Pärchen bestückt, junge Liebespärchen ebenso wie gestandene Ehepaare hängen Richie an den Lippen oder wiegen die Hüften, wenn er mit „Clap Your Hands!“ zum Mitmachen animiert.
Der Balladenmann macht ordentlich Power, stemmt immer wieder die Arme in die Hüften oder wirft sie posierend in die Höhe, wenn er erneut von Applaus umwogt wird. Alles tanzt, wenn er glorreiche Commodores-Zeiten mit „Machine Gun“ oder „Brick House“ beschwört. Und bei „Endless Love“, mit dem er den Zugabenblock eröffnet, lässt er die Frauen im Publikum den Part mitsingen, den auf der Platte einst Diana Ross sang. Das klappt famos. „All Night Long“, dieser karibischen Budenzauber, steht am Ende eines Abends mit einem Meister überzuckerter Balladen, der seinen Hits live eine gehörige Portion Pfeffer beimengt.


