Gossip-Konzert

Schwergewicht Beth Ditto tobt in Columbiahalle

Die Kalauer um ihre Körperfülle drängen sich in jede Rezension: Doch Beth Ditto, die deutlich übergewichtige Frontfrau von Gossip, ist mehr als ein Rollenmodell. Sie ist eine Musikerin, die mit ihrer umwerfenden Stimme die ausverkaufte Berliner Columbiahalle zum Toben brachte.

Nach Bierbechern und Blumen segelte ein BH zur Bühne in der Berliner Columbiahalle. Tief bewegt las ihn Beth Ditto auf. Ein handelsüblich winziges Wäschestück, und für den Rest des Abends trug die Sängerin es wie ein Strumpfband um den nackten Schenkel.

Wenn Beth Ditto mit der Discopunk-Band Gossip zu Konzerten einlädt, geht es nicht nur um einen gelungenen Tagesausklang. Es geht auch um Fleischbeschau für einen guten Zweck: Die geltende Menschennorm soll mit mehr Toleranz behandelt und die Welt wieder ein wenig besser werden. Selbstverständlich wird auch die Musik von Gossip über die bemerkenswerten körperlichen Reize ihrer Sängerin verkauft. Beth Ditto tritt nicht einfach auf. Sie strandet auf der Bühne der Columbiahalle in Berlin, zunächst im sogenannten kleinen Schwarzen, das am Schenkelansatz endet.

Zwischen „Love Long Distance“ und „8th Wonder“ fällt dann Dittos Kleid, und sie setzt das Konzert im schwarzen Mieder fort. Die Angaben über den Körper schwanken in Musik- und Modeheften. Man kann sagen: um die 100 Kilo, verteilt auf anderthalb Meter Höhe. Aber auch die Kalauer über Beth Dittos Fülle drängen sich beträchtlich in den Würdigungen. Eine runde Sache und ein dickes Ding, der Klangkörper, die Breitseite, die Kalorienbombe. Es sprengt alle Dimensionen.

Seit Madonnas frühen Selbstermächtigungen gab es lange keine weibliche Ikone mehr, die ihre Haut auf eigene Verantwortung so offensiv zu Markte trug. Der Zirkus um Beth Ditto ist zwar nichts für Dialektiker. Aber was soll’s: Man kommt nur schwer an ihr vorbei, ihre Musik ist gut und die Geschichte ist es umso mehr. Geboren 1981 in Arkansas, wuchs Mary Beth Patterson in einem religiösen Kaff im Wohnwagen einer allein erziehenden Mutter unter sechs Geschwistern auf. Das schulte ihre Stimme.

Dass sie arm und fett und lesbisch war, schärfte ihr Selbstbild und trieb sie heraus aus Searcy in Arkansas nach Olympia in Washington. Dort wütete bereits die Band Bikini Kill, die Speerspitze der Riot-Grrrl-Bewegung. Gossip war geschlossen aus dem Süden ausgewandert, neben Ditto der sensible Nathan Howdeshell an der Gitarre. Seit die Band die Subkultur von Portland, Oregon, bereichert, spielt Kathy Mendonca, deren burschikoses Antlitz nun das aktuelle Cover von „Music For Men“ schmückt, Schlagzeug.

Bis 2006 war Gossip im lokalen Untergrund aktiv. Bis „Standing In The Way Of Control“ die Vorbehalte der Republikaner gegen Homosexuellen-Hochzeiten beklagte und in stürmische Musik verpackte. Anschließend war Ditto keine singende Lesbe mehr, die sich um ihr Gewicht nicht weiter scherte. Ditto war ein Rollenmodell und eine Sensation.

Noch heute löst die Hymne im Konzertsaal unfassbare Freude aus. Als Zugabe zwischen „What’s Love Got To Do With It“, dem Ständchen zum Geburtstag Tina Turners, und „We Are The Champions“, dem Triumphgesang des toten Freddy Mercury.

Dass Gossip nun in ausverkauften Mehrzweckhallen gastieren und „Music For Men“ in jedem ordentlichen Haushalt läuft, darum hat sich Amerikas Musikpate gekümmert. Als Rick Rubin künstlerischer Leiter bei Columbia Records wurde, wandte er sich an Beth Ditto. Rubin speckte die Musik der eingeführten Marke sorgsam ab. Heraus kamen ermutigende Popsongs, die auch jeden mitreißen, der lediglich am unfreundlichen Chef zu leiden hat. Ein Hit wie „Heavy Cross“ zum Beispiel. Darin bündeln sich auch live die Energien des Trios und des strahlenden Gast-Bassisten sowie Punk und Disco auf das Herzlichste.

Beth Ditto, die mit rotem Bubikopf und maskenhaftem Make-up obenrum wie Batmans Robin aussieht, bleibt die Körperaktivistin mit der umwerfendsten Stimme. Wenn man Amy Winehouse außer Acht lässt, die Stimme der Auto-Aggression. Man kann sich der Umarmungen Beth Dittos kaum erwehren. Was auf ihrer Bühne landet, würdigt sie, und wenn sie es zurück wirft, fragt sie nach, ob keine ernsthaften Verletzungen entstanden sind.

Sie plaudert über ihre Vagina und dankt den Gästen unentwegt. Man kauft Beth Ditto gern die Botschaft ab: Bleib, wie du bist! Würde der Wahnsinn nicht so gnadenlos grassieren, seit sie nackt auf Magazintiteln zu sehen ist, Stella McCartney und Kate Moss ihr Styling loben und Karl Lagerfeld in ihr die „neue, so ganz andere Muse“ sieht. „Obama der Fetten“ wurde Ditto schon genannt. So wogt sie durch den Lifestyle wie der fleischgewordene Ablasshandel aller Magersüchtigen.

Man möchte schreien. Aber das nimmt einem ebenfalls Beth Ditto auf der Bühne ab. Sie ist ja nicht von gestern. Sie genießt den Zirkus. Sie entwirft für ein Versandhaus Übergrößen-Garderobe. Sie sagt: „Es gibt tonnenweise fette Menschen“. Sie sagt auch: „Ich bin mir vollkommen im Klaren darüber, dass ich für die Öffentlichkeit nichts weiter bin als eine lustige Applikation.“ Der Fehler im System, der dem System seine Bedrohung nimmt und für mehr Schmiere im Getriebe sorgt. Dem Neobarock traut niemand weniger als sie. Beth Ditto glaubt nur an den Mainstream. An den Konsens zwischen Klatsch, Geschlechter-Theorien, Hässlichkeit und Schönheit - und den Blues, wo die Fat Lady immer schon die Größte war.