Konzert

The XX in Berlin - Schwermut ist doch tanzbar

Sie treten gleichzeitig vor das Publikum, unter die blauen Scheinwerfer vor die schnaufenden Nebelmaschinen, jeder an sein Mikro. Sie links, er rechts. In der Bühnenmitte leuchtet das weiße X, genau wie auf dem Cover des hochgelobten Debutalbums der Band The XX.

Romy Madley Croft trägt ein schwarzes Sakko, ihren Hals rahmen ein Dutzend Silberketten, beschwert von diversen Anhängern. Dass Oliver Sim ebenfalls ganz in schwarz antritt, versteht sich von selbst. Vor dem ersten Ton tauschen die beiden einen langen Blick aus. Es wird der letzte sein an diesem Abend. Den Rest des Konzerts meistern die 19-Jährigen Londoner routiniert. Nur jetzt, zu Beginn, schwören sie sich ein: es ist der obligatorische Uhrenvergleich.

Dann geht es los, wie auf der Platte mit dem eingängigen Intro. Die Leute im Friedrichshainer Astra johlen. Es ist 21 Uhr, der Club in der Revaler Straße ist ausverkauft, zwei Mal an diesem Freitagabend. The XX werden in derselben Nacht noch einmal auftreten, kurz vor 1 Uhr. Daran denkt niemand in dem Moment, da Romys langsam gezupfte E-Gitarre den Hit Crystalised einleitet. Es ist das bekannteste, meistgespielte Stück der Gruppe.

Fünf Meter trennen Romy und Oliver voneinander. Die Bühne des Astra ist nicht groß, die Entfernung wirkt wie ein weiter Graben. Aber das ist Teil der Show. In Interviews haben sie oft betont, sich ohne Worte zu verstehen. Und es stimmt: The XX, das sind drei Freunde. Drummer Jamie Smith hat berufsbedingt im Hintergrund Stellung bezogen und bleibt fast unsichtbar.

Überhaupt sind The XX die Könige des Understatement. Die Inszenierung ihrer Auftritte besticht durch Bewegungsarmut. Olivers schläfrige Augen schauen ins Leere, während Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand unaufhaltsam über Basssaiten marschieren. Ein rhythmisches Kopfnicken, mehr nicht. Nichts anderes würde zum schwermütig stampfenden Sound passen, dieser genial-minimalistischen Synthese aus Elektro, Gitarre und Wave. Und doch tanzt das Publikum spätestens bei Islands, dessen treibender Beat die Arme der Fans in die Höhe reißt.

Vielleicht kommt das energiegeladene Islands sogar zu früh? Nein, denn da ist schon der nächste Hit. So ein Album gibt es nicht oft. "You are so great", schreit eine weibliche Stimme aus dem Publikum, als ein langanhaltender Applaus verhallt ist. "Thank You", haucht Romy als Antwort ins Mikro, "so are you". Beide können sich ein flüchtiges Lächeln nicht verkneifen.

Das Konzert ist kurz, nach gut einer Stunde ist es aus. Schlusspunkt ist ein überraschend explosives Drum-Solo von Oliver. Lichter aus. Klatschen. Lichter wieder an, jetzt in rot. Die einzige Zugabe ist eingeplant: für Stars, waten die drei noch einmal durch den Bühnennebel, hinter ihnen glimmen elektrische Sternenlichter. Dann ist wirklich Schluss, der Abgang ist schnell und ohne Pathos. Er wäre es auch gewesen, müssten The XX an diesem Abend kein zweites Mal spielen.