Konzert

Pete Doherty gibt in Berlin den Rock-Romantiker

Berlin ist einfach nicht München. Dort hatte der britische Musiker Pete Doherty kürzlich Buhrufe für seinen Auftritt erhalten. Nicht so in Berlin. Hier wird applaudiert, nachdem der Romantiker des Rock n’ Roll samt Deutschlandfahne und Alkoholika seinen akustischen Soloauftritt in der Kulturbrauerei beendet hat.

Man hatte schon gedacht, er sei jetzt geläutert. Beim Berlin-Festival im vergangenen Sommer überraschte Peter Doherty mit pünktlichem Erscheinen und Lust am eigenen Auftritt. In den Klatschspalten tauchte der englische Sänger dagegen immer seltener auf, seitdem die chaotische Beziehung mit Supermodel Kate Moss beendet ist. Von neuen Gefängnisaufenthalten nach Drogeneskapaden wurde nichts vermeldet. Obendrein überraschte sein im Frühjahr veröffentlichtes Soloalbum „Grace/Wastelands“ mit reiferem künstlerischem Ausdruck.

Doch nun das! Am letzten Wochenende stimmte Doherty bei einem Auftritt in München die erste Zeile des Deutschlandliedes an und sorgte damit weit über die Grenzen der bayerischen Landeshauptstadt hinaus für Empörung.

Durch seinen jüngsten Fehltritt wurde das schon länger angekündigte akustische Solokonzert im Kesselhaus der Kulturbrauerei noch einmal zusätzlich interessant. Am Morgen des Veranstaltungstages vermeldete die zuständige Agentur, dass keine Karten mehr zu haben seien. Wieder einmal hatte sich also bestätigt, dass Affronts und Kontroversen das Geschäft wunderbar ankurbeln.

Und damit das auch noch eine Weile so bleibt, verhält sich der Sänger auch in Prenzlauer Berg alles andere als geschmacksneutral. Bevor er die Treppe zur Bühne emporsteigt, kündigt er sein Kommen von unten mit dem Wedeln einer Deutschlandfahne an, die er danach auf seinen Gitarrenverstärker steckt.

Daneben stehen reichlich alkoholische Getränke, denn nichts ist dem Sänger ein größeres Gräuel als der Gedanke an eine bevorstehende Ausnüchterung. Er lallt und schwankt ein bisschen, die Stimme wirkt arg angegriffen. Doherty hört sich an wie einer, der unbeirrt weiter singt und bechert, obwohl der Wirt im Pub die Türen schon verschlossen hat und nur noch Gäste da sind, die schon zum Inventar gehören.

Im Grunde genommen hat man nichts anderes erwartet. Doherty ist unter den jungen Musikern einer der letzten echten Romantiker des Rock ’n’ Roll, sein Hang zum Fauxpas lässt ihn authentisch erscheinen. Natürlich hat er auch ein paar Songs geschrieben, in denen das gewisse Etwas steckt. In „What A Waster“ steckt sowohl das Aufbegehren von The Clash als auch die Sensibilität der Smiths. Mit „Down In The Tube Station At Midnight“ bedankt er sich bei weiteren Helden, der Gruppe The Jam. Zum Schluss darf natürlich auch nicht der Lobgesang auf Albion fehlen, den alten Namen für England und die Britischen Inseln.

Doherty ist hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich als Pop-Patriot versteht. Daran ändert auch die Deutschlandflagge nichts, die er kurz vor Mitternacht zusammen mit den vielen Getränken wieder mit hinter die Bühne nimmt. In München erntete er Buhrufe, in Berlin aber erhielt er für seine sympathisch verschrobene Vorstellung viel Applaus.