Nofretete rüstet sich langsam für ihren Umzug ins Neue Museum. Damit kehren die Altägypter dorthin zurück, wo 1850 ihre Erfolgsgeschichte begann. Ihr Domizil ist so gut wie fertig. Am 5. März erfolgt die Schlüsselübergabe und vom 6. bis 8. März feiert das 233 Millionen Euro teure, von David Chipperfield wieder aufgebaute Museum seine Tage der offenen Tür.
Motto: noch 222 Tage bis zur feierlichen Eröffnung am 16. Oktober. Biennale-Künstlerin Candida Höfer, die dafür bekannt ist, dass sie Serien von öffentlichen Räumen fotografiert, wird noch im Februar für einige Tage mit der Kamera anrücken, um die noch leeren Räume des Museums aufzunehmen. Eine Situation, die einmalig sein muss für die Künstlerin.
Im Februar schließt das Museum
So schließt das Ägyptische Museum am 22. Februar im Alten Museum. Weil aber für Dietrich Wildung, Chef der Ägypter, feststand, dass Berlin ohne Nofretete nicht funktioniert, bleibt die majestätische Königin in der Sonderausstellung "kulturGuterhalten" (ab 27. März) vorerst noch präsent im Haus. In dieser Schau wird der Fokus auf den Themen Konservierung, Restaurierung und Analysemethoden liegen. Die Besucherzahlen unterstützen die Entscheidung für den vorläufigen Verbleib im Alten Museum: 2007 und 2008 zählten Wildung und sein Team jeweils rund 650.000 Gäste in der Ägyptischen Sammlung.
Nach Schließung dieser Schau zieht Nofretete eine Etage tiefer, in einer "pfiffigen Konstellation" wird sie dort zusammen mit Kleopatra, der "Skandalnudel" vom Nil, und dem betenden Knaben im Rahmen der Antikensammlung zu sehen sein.
Die verbleibenden Highlights des Ägyptischen Museums wandern indes Richtung Süddeutschland in die Präsentation mit dem ironisch gefärbten Titel "Last Exit München". Ganz nebenbei wird hier Kulturpolitik betrieben. Diese Schau soll einmal mehr die föderale Struktur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die auch von den Ländern finanziert wird, transparent machen. Für Wildung ein Austausch mit durchaus "segensreicher Funktion" in Zeiten des Umzuges.
Wildung gibt derzeit seinem Konzept für die Ausstellungspräsentation im Neuen Museum den letzten Schliff. Vom Umfang her wird sie dreimal größer sein als zuvor am Lustgarten - und die Anzahl der Exponate erhöht sich um 30 bis 35 Prozent. In gewisser Weise ist es auch eine Premiere, denn viele der Exponate waren seit Schließung des Museums 1939 nicht mehr ausgestellt. Dazu gehören auch drei Grabkammern, eine davon wurde im Mauerwerk des Neuen Museums zum Schutz vor den Bomben einzementiert und erst 1991 wieder entdeckt.
Wildung war von Anfang an klar, dass eine zeitgemäße Präsentation nicht mehr als historischer Verlauf vom dritten Jahrtausend v. Chr. bis zur Römerzeit dargestellt werden könne, wie es weltweit in Museen üblich war. Es geht nicht um den Mythos, sondern um die künstlerische Sicht auf die Skulpturen. Das Gestaltungsprinzip folgt thematischen Aspekten: den altägyptischen Lichtvorstellungen oder dem Gottesbegriff. So ein Vorgehen bleibt nicht ohne Kritik, doch Wildung weiß, wie sein Publikum tickt. "Wir haben in unserem Museum zu 85 Prozent touristische Besucher, Nofretete gehört zum Pflichtprogramm. Das kann man negativ sehen - oder daraus eine Tugend machen."
Nofretete wird in einer Riesenvitrine thronen
Über die Freitreppe des Neuen Museums wird der Besucher via Südkuppel, Römischen Saal, Bacchus-Saal und Bibliothek der Antike in den majestätischen, grün gestalteten Nordkuppelsaal mit seinem Lichtauge und den Nischen gelangen, dort wird dann in einer Riesenvitrine Nofretete thronen - ganz allein, stolz und - allansichtig. Ihr Blick fällt Richtung Südkuppel - auf den großen Gott Helois.
Es wird nur knappe Objektbeschreibungen geben, dafür Raumtexte, der Besucher soll sich ganz auf die Magie des ausgestellten Objektes einlassen, sagt Wildung. Die Skulpturen nehmen die Augenhöhe des Betrachters ein, was den Dialog zwischen Betrachter und Objekt entscheidend stärkt. Ein Faible hat Wildung für die Lichtgestaltung, zwei Jahre hat er mit dem renommierten Lichtdesigner Volker von Kardorff, der auch das Brandenburger Tor in neuen Glanz getaucht hat, daran getüftelt. Wichtig ist vor allem, dass die Lichtquelle nicht aus der Vitrine kommt, sondern im Raum positioniert wird, um mit Schattenmodellierungen den Gesichtern die rechte Aura zu geben: Ausdruck von Licht und Sonne in der Ägyptischen Welt.
Es gibt dreidimensionale Bilderrahmen
Typisch für die Ersteinrichtung werden die sogenannten "Caves" sein, die Käfige. Sie umgeben die Skulpturen wie dreidimensionale Bilderrahmen; ohne diese Umgrenzung hätten die Figuren weniger Körperlichkeit, durch diese Vitrinen erhalten sie etwas Hoheitsvolles. Sie "bewohnen" ihren Raum. Sie thematisieren eben nicht nur die Frage nach dem Raum im Raum, sondern auch die Besonderheit der ägyptischen Skulptur mit ihrer Basis und dem starken Rückenpfeiler.
Wenn Nofretete in wenigen Monaten endlich umzieht, geht für Wildung ein Traum in Erfüllung - rechtzeitig zum 20. Dienstjubiläum in der Hauptstadt. Als er im Januar 1989 sein Amt antrat, aus Bayern kommend, da hatte er eigentlich gar kein Bedürfnis, die "heile Welt Münchens mit der gut ausgestatteten Museumslandschaft mit weitestgehender Freiheit" einzutauschen gegen die starke Hierarchie der Staatlichen Museen Berlin. Die Zusammenführung der geteilten Sammlungen war zu dem Zeitpunkt noch Utopie. Zehn Monate später war bekanntlich alles anders.
Seit 1967 hatte das Ägyptische Museum seinen Standort in der "Charlottenburger Idylle", wie Wildung es nennt. Mit Nofretete das bestbesuchte Museum das Quartiers. Dort hätten die Ägypter auch getrost bleiben können bis zum endgültigen Umzug auf die Insel im Oktober. Doch für Wildung war das Interim wesentliche Voraussetzung für einen Probelauf der Sammlung, die sich im Neuen Museum beweisen muss. Deshalb der Umzug ins Alte Museum. Dort sollte das künftige Konzept und die Präsentation im Alten Museum quasi mit millionenfacher Publikumsbeteiligung "1:1" durchgespielt werden: Besucherführung, Ausstellungstechnik, Lichtdesign und Vitrinengestaltung. Der Ägypten-Chef ist sich sicher: "Ein großer Flop wird im Neuen Museum nicht stattfinden, wir haben alles probiert."




