Deutsche Oper

Intendantin Kirsten Harms kämpft um ihre Position

Der neue Generalmusikdirektor Donald Runnicles tritt heute sein Amt an der Deutschen Oper in schwierigen Zeiten an. Morgenpost Online sprach mit der Intendantin Kirsten Harms über ihre Position und wie die Spielstätte unter dem Berliner Spar-Diktat international konkurrenzfähig bleibt.

Foto: ddp

Morgenpost Online: Frau Harms, was hat Sie geritten, erst mit einem Defizit von 800.000 Euro in die Öffentlichkeit zu gehen, um es kurz darauf auf 76.000 herunter zu rechnen?

Kirsten Harms: Es geht um zwei verschiedene Dinge. Ich habe ein kleineres zeitweiliges Problem benutzt, um ein größeres, grundsätzliches zur Sprache zu bringen. Bei dem einen geht es um ein bilanzielles Defizit für 2008, das wegen unseres Besucherrekords und eines internen Ausgabestopps geringer ausfiel als befürchtet. Das andere ist ein riesiges strukturelles Problem an der Deutschen Oper, die prädestiniert ist, große Oper zu sein – aber dafür nicht auskömmlich finanziert wird, auch um international konkurrenzfähig zu bleiben. Die unerwartete Zahlung zur Sanierung der Rentenkassen oder die anstehenden Tarifsteigerungen würden uns dann nicht gleich aus der Balance bringen, wären die Strukturen gesund.

Morgenpost Online: Die von Ihnen öffentlich angezettelte Diskussion widerspricht dem von Ihnen gepflegten Image der Frau in Weiß. Als Intendantin haben Sie sich über Jahre hinweg auffällig harmoniesüchtig verhalten.

Harms: Alle wissen, dass ich lärmende Auftritte nicht schätze und ganz auf diskrete Verhandlungen setze. Manchmal muss man aber öffentlich Position beziehen. Das bin ich den Fans der Deutschen Oper und meinen Mitarbeitern schuldig. Deshalb hat sich im Januar die weiße Frau, wie Sie das sagen, kurzfristig in ein rotes Tuch verwandelt. Es ging mir darum, ein Dilemma zu beschreiben: Wie kann man diese wirklich einmalige, aber nicht billige Kunstform Oper in angemessener Qualität am Leben erhalten. Die Oper hat ja nicht nur Freunde. Gegen die Gegner müssen wir uns wehren.

Morgenpost Online: Wie haben Ihre Verhandlungspartner auf Ihren Vorstoß reagiert? Zumal der Regierende Bürgermeister gerade eine Etaterhöhung ablehnte.

Harms: Es ist doch völlig klar, dass die Oper nicht im luftleeren Raum agiert. Wir sind nur eine von vielen Institutionen, die um die knappen Ressourcen der Stadt ringen. Ich muss als Opernintendantin aber aufzeigen, was unwiederbringlich verloren ginge. Die Politik hat dafür Verständnis signalisiert.

Morgenpost Online: Gibt es hinter den Kulissen Verhandlungen?

Harms: Mit 38 Millionen Euro können wir natürlich Oper machen, aber das große, internationale Flair können wir nicht mehr bieten. Genau das braucht aber das größte Opernhaus Berlins. Oper in Berlin hat Hauptstadtfunktion und wird gnadenlos mit den Häusern der anderen Weltmetropolen verglichen. Nach außen ist es kaum vermittelbar, warum wir so wahnsinnig lange voraus planen. Es gibt nicht unendlich viele gute Sänger für bestimmte Rollen – derzeit vielleicht vier Lohengrins oder drei Isolden weltweit. Das Gleiche gilt für Regisseure. Der Opernmarkt ist enger geworden, die führenden Häuser konkurrieren heftigst miteinander. Wenn es bei den 38 Millionen und den Tarifsteigerungen bliebe, müssten Orchester und Chor verkleinert werden. Wir würden dann überwiegend kleinere Stücke spielen, in weniger prominenter Besetzung. Wir produzieren jetzt schon wesentlich günstiger und haben viel mehr Angebot als vergleichbare Häuser in ungleich reicheren Städten.

Morgenpost Online: Dass Sie meiner Frage nach Verhandlungen ausweichen, ist auch eine Antwort. Zuletzt sprachen Sie von zwei Millionen Euro, die das Haus mehr benötigt?

Harms: Die Etatentwicklung hängt vor allem von der Höhe der künftigen Tarifsteigerungen ab.

Morgenpost Online: Welche ersten Spareinschnitte werden Sie heute in der Jahrespressekonferenz diskutieren müssen?

Harms: Um den Haushalt abzusichern, haben wir die Anzahl der Vorstellungen und Premieren gekürzt. Jetzt gibt es 152 Aufführungen, vier Premieren und weit weniger Veranstaltungen mit speziellen Angeboten. Früher gab es einfach mehr.

Morgenpost Online: Was ist für Sie der schmerzlichste Verlust?

Harms: Das Markenzeichen meiner Intendanz. Wie im letzten Jahr die Braunfels-Oper mit Christoph Schlingensief, dieses Jahr die Respighi-Erstaufführung durch Johannes Schaaf, hatte ich im nächsten Jahr auf die Wiederentdeckung von Waltershausens Oper „Oberst Chabert“ gesetzt. Als Regisseur konnten wir einen echten Weltstar, den armenisch-kanadischen Autorenfilmer Atom Egoyan gewinnen. Er hat so umwerfende Filme wie „Exotica“ und „Ararat“ gemacht, 2003 war er Jury-Präsident der Berlinale. Wir mussten ihm leider kurzfristig absagen, jetzt gibt es eine konzertante Aufführung. Seine Inszenierung hätte sicher international für Furore gesorgt. Er hatte ein tolles Konzept und passte sehr gut zu den überaus bildmächtigen Regisseuren unserer nächsten Spielzeit.

Morgenpost Online: Sie treten heute auch das erste Mal mit Ihrem neuen Generalmusikdirektor Donald Runnicles auf. Haben Sie sich schon zusammen gerauft?

Harms: Wir arbeiten ja schon eine Weile zusammen. In schwierigen Situationen lernt man sich eigentlich besonders gut kennen. Die Arbeitsatmosphäre ist von Offenheit und Vertrauen geprägt.

Morgenpost Online: Traditionell haben Generalmusikdirektoren, zumal Schwergewichte wie Runnicles, in Opernhäusern die Vormachtstellung. Fühlen Sie sich in die zweite Reihe zurück gestellt?

Harms: Ach, ist das so? Ich bin die Intendantin des Hauses mit allem, was dazu gehört. Er ist ein erfahrener Generalmusikdirektor, ich bin eine erfahrene Intendantin. Ich fühle mich nicht in der zweiten Reihe.

Morgenpost Online: Ihr Vertrag läuft 2011 aus. Gibt es Verlängerungsverhandlungen?

Harms: Es gibt immer überraschende Entwicklungen. Aber die Mitteilung darüber bleibt dem Regierenden Bürgermeister vorbehalten.