Sanierung

Warum die Staatsoper 150 Plätze verlieren soll

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Stefan Kirschner

Foto: picture-alliance/ ZB / dpa-Zentralbild

Der Architekt HG Merz saniert die Staatsoper Unten den Linden. Der Saal soll erhalten bleiben. Gleichzeitig aber wird erwartet, dass Akustik und Sichtverhältnisse verbessert werden. HG Merz will für diese Aufgabe Zuschauerplätze opfern. Morgenpost Online sprach mit ihm über die Pläne.

Morgenpost Online: Herr Merz, haben Sie denn die Denkmalschützer schon davon überzeugt, dass die Staatsoper piefig ist?

HG Merz: Das Treffen steht noch bevor. Aber ich habe mich bereits mit Generalmusikdirektor Daniel Barenboim und dem designierten Intendanten Jürgen Flimm getroffen.

Morgenpost Online: Das heißt, Sie wissen, was die Herren der Staatsoper von der Sanierung erwarten?

HG Merz: Für Herrn Barenboim ist der Klang das Wichtigste. Wie der Zuschauerraum schlussendlich aussieht, ist ihm relativ egal. Er kann gut mit einem neuen leben und er kann gut mit einem alten leben. Entscheidend für ihn ist, dass der Saal funktioniert. Deshalb müssen wir die Akustik verbessern.

Morgenpost Online: Und auch die Sichtverhältnisse und den Sitzkomfort?

HG Merz: Sicher, auf solche Dinge wurde in den 50er-Jahren nicht so viel Wert gelegt wie heute. Das, was ich als piefig bezeichnet habe, ist neben der räumlichen Enge, die Farbe. Nicht nur das mittlerweile verblasste Rot, das viel zu viel Weißanteile hat und das traurige Beige, die zusammen ein bisschen trist aussehen. Mich erinnert das etwas an meine Großmutter, die diese leicht morbide Farbigkeit liebte.

Morgenpost Online: Aber Beengtheit ist nicht nur eine Frage der Farbe?

HG Merz: Die Enge der Staatsoper liegt natürlich in der angelegten räumlichen Disposition. Der einzig richtig großzügige Raum ist der Apollo-Saal, der immer als Foyer angelegt war. Da stimmt alles.

Morgenpost Online: Das größte Problem stellt der große Saal dar. Ohne eine Vergrößerung des Volumens wird sich die Akustik nicht verbessern lassen?

HG Merz: Das sagen die Akustiker. Sowohl der, der bei dem später aufgehobenen Wettbewerb dabei war, als auch der neue. Das Raumvolumen sollte um mindestens 40 Prozent angehoben werden.

Morgenpost Online: Was halten Sie vom Anheben der Decke?

HG Merz: Man muss sich überlegen, wie man das Volumen vergrößert. Vergrößert man es für immer, also statisch, oder dynamisch, indem man einfach den Saal während der Vorstellung verändert – und im Normalzustand in seiner Proportion belässt. Darüber könnte man ja mal nachdenken.

Morgenpost Online: Also bei Wagner sähe der Saal dann anders aus als wenn Mozart gespielt wird?

HG Merz: Ja, könnte sein.

Morgenpost Online: Barenboim liebt Wagner…

HG Merz: …also müssen wir uns auf Wagner einstellen. Aber wir haben gerade erst angefangen. Wir entwickeln Alternativen, suchen nach Möglichkeiten, wie man das Volumen erhöhen kann, ohne dass man dem Saal seinen Charakter nimmt. Das ist das Wichtigste.

Morgenpost Online: Das klingt nach der Quadratur des Kreises?

HG Merz: Ja, das ist schwierig. Zumal die Erwartungshaltung sehr groß ist.

Morgenpost Online: Und Sie haben nicht viel Zeit?

HG Merz: Verdammt wenig. Wir müssen bis zum Sommer einen Vorentwurf einschließlich Kosten vorlegen.

Morgenpost Online: Durch die Aufhebung des Wettbewerbs wurde ein Jahr verloren – und die Denkmalschützer haben jetzt eine stärkere Position als vor einem Jahr.

HG Merz: Sehen wir es mal positiv. Die Zeit fehlt uns natürlich, aber durch dieses Jahr sind viele der Beteiligten sensibilisiert. Alle kennen das Haus und die Probleme jetzt viel besser. Man weiß, was welcher Eingriff bedeutet.

Morgenpost Online: Beim Deutschen Theater war der Denkmalschutz recht kompromissbereit, auch dort wurden die Sicht- und Sitzverhältnisse verbessert.

HG Merz: Auch wir streben Verbesserungen an, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Das könnte allerdings zu Lasten der Anzahl der Sitze gehen. Insgesamt könnte es weniger Plätze geben, dafür aber bessere. Wenn man die Anzahl halten wollte, dann müsste man einen vierten Rang einführen – wie das Herr Braunfels vorgeschlagen hat. Aber das geht nicht.

Morgenpost Online: Weil es politisch nicht gewollt ist?

HG Merz: Die Vermischung von Original und Fake ist äußerst problematisch und nicht unser Stil. Es wäre zudem bei der Erschließung technisch ziemlich schwierig.

Morgenpost Online: Was sagt der künftige Intendant dazu?

HG Merz: Der möchte so viele Plätze wie möglich, klar.

Morgenpost Online: Wie viele bleiben denn von den 1390 übrig?

HG Merz: Wenn wir 100 bis 150 verlieren, wäre es okay. Dann müsste man zum Ausgleich die Preise vielleicht etwas anheben. Die Lindenoper gehört ja bisher nicht zu den teuren der Republik.

Morgenpost Online: Reicht denn das eingeplante Geld für die Sanierung der ganzen Oper? Oder gibt es schon abgespeckte Varianten, so dass beispielsweise das Magazingebäude nicht komplett saniert wird?

HG Merz: Das war mal geplant. Dass man dort eine Wand einzieht und dann einen Teil nicht nutzt, ihn vermietet oder verkauft.

Morgenpost Online: Sind die Planungen vom Tisch?

HG Merz: Darüber wird noch diskutiert.