Kunstmarkt

Berliner Sammler sind clever und nehmen sich Zeit

Die Finanzkrise hat auch den Kunstmarkt fest im Griff. Derzeit laufen die Geschäfte zwar nicht glanzvoll, aber das von einigen geradezu herbeigesehnte Katastrophen-Szenario ist nicht eingetreten. Und - so scheint es - Geld ist genug da.

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Rekordmeldungen, eine nach der andren, in den vergangenen vier tagen: Das größte Kunstauktionshaus der Welt, Christie's, versteigerte in Paris die Kunstsammlung von Yves Saint Laurent und seinem Lebensgefährten Pierre Bergé.

Mit einem Gesamtergebnis von knapp 340 Millionen Euro war auch die Auktion selbst ein absoluter Rekord: Noch nie wurde so viel Geld für eine Privatsammlung bezahlt.

Aber hier spielte der Glamour-Faktor eine erhebliche Rolle. Und die Qualität der Objekte tat das ihrige dazu. Dann klappt's auch mit dem Kunstmarkt.

Bisheriges wird kritisch hinterfragt

Denn: Per Saldo laufen die Geschäfte auf dem Kunstmarkt derzeit nicht gerade glanzvoll. Aber das von einigen geradezu herbeigesehnte Katastrophen-Szenario ist nicht Wirklichkeit geworden. Die Galeristen, Kunsthändler und Auktionatoren sitzen in der Vorhölle. Und aus der kann man ja bekanntlich wieder heraus. Es scheint, dass ein großer Teil des herrschenden Unbehagens schlichtweg psychologisch bedingt ist: Die gute Laune ist weg, man kauft deswegen nicht, obwohl Geld genug da ist.

Der Galerist Marcus Deschler: "Ich glaube, die Krise trifft jeden, nämlich zumindest psychologisch. Alles, was bisher völlig selbstverständlich war, wird jetzt überkritisch hinterfragt. Wir haben bei einem Projekt Probleme, was andere Aktivitäten blockiert, aber in dem Segment, in dem ich tätig bin, herrscht eher eine Kopf-Krise als eine Finanz-Krise. Ich fürchte allerdings, dass es ähnlich ablaufen wird wie um 1990/91. Damals hat es gut drei Jahre gedauert, bis sich der Markt wieder erholt hatte."

Ganz so pessimistisch sehen das nicht alle. Andreas-Christian Arndt vom Auktionshaus Leo Spik meint nämlich: "Wir haben zwar gespürt, dass unsere internationalen Kunden aus dem Westen, sprich Amerika, Italien und Frankreich, weggefallen sind. Aber die aus dem Osten, besonders aus Russland, sind geblieben, und von daher noch wichtiger geworden. Richtig ist, dass wir den Einfluss so stark nicht erwartet haben. Jedoch sind wir optimistisch: Die Frühjahrsauktionen (26.-28. März, Red.) werden wohl besser laufen als man jetzt noch anzunehmen geneigt ist. Die Hysterie wird sich nämlich legen. Zumal im niedrigeren Preisbereich Anlagen spannender sind als ganz da oben."

Mit junger Kunst liegt der Sammler richtig

Das ist in der Tat der Fall. Man hat auf den internationalen Auktionen des vergangenen halben Jahres sehen können, dass es ganze Sammelgebiete gibt, die, auch weil maximal bis zwei oder drei Millionen gehend, wenig bis gar nicht betroffen waren. Wer viel Geld hat - und nicht alle Reichen haben Verluste gemacht - braucht auch jetzt keine schlaflose Nacht wegen eines Kaufs zum Preis von einer Million zu verbringen. Aber allein wegen der Stimmung verkaufen sich Bilder der internationalen Top-Künstler im höheren zweistelligen Millionenbereich nicht mehr "einfach so".

So sieht es auch der Kunsthändler und Galerist Boris Brockstedt: "Grundsätzlich waren die vergangenen vier Monate nicht so schlecht, das hat aber nicht unbedingt etwas mit Berlin zu tun. In Berlin ist Zurückhaltung zu spüren; der Berliner ist clever und nimmt sich Zeit. Bessern wird sich die Situation erst dann, wenn die negativen Schlagzeilen endlich von der ersten auf die dritte Seite der Zeitung wandern."

Dennoch: Der Tenor ist, dass es hätte schlimmer kommen können. So sagt Michael Schultz, der zwei Galerien in Berlin und je eine in Peking und Seoul (Korea) betreibt: "Natürlich leidet der Kunstmarkt auch unter den schlechten Konsumdaten. Aber es ist weniger schlimm als befürchtet. Die schnellen Geschäfte, die macht man nicht mehr, alles braucht mehr Zeit, ist dafür aber auch nachhaltiger. Ich gehe davon aus, dass sich der Markt in der zweiten Jahreshälfte erholt. Es gibt viele auch junge Sammler auf der Welt. Und die freuen sich, denn im Moment ist es besonders spannend, sich mit ganz jungen Positionen zu befassen. Jetzt ist dafür die richtige Zeit. Später ist man damit nämlich ganz vorn."

Junge Kunst lässt sich derzeit gut sammeln

Wer mit junger Kunst - die eher unter 10.000 oder sogar unter 5000 Euro rangiert - zu tun hat, bestätigt auch das. Etwa Jette Rudolph, die "cutting-edge"-Queen von Berlin: "In unserem Preis-Gefilden finden weiterhin Verkäufe statt. Aber innerhalb der Galeristenszene gibt es Grabenkämpfe. Ich finde, eine Krise sollte Anlass zum Experimentieren sein. Aber man will aufwachen und feststellen, es war nur ein schlechter Traum."

Das wird so nicht sein. Aber der Kunstmarkt wird sich wieder erholen. Das hat er bisher immer geschafft. Auch und gerade in Berlin.