Investoren springen ab

Wowereit scheitert mit Kunsthalle am Humboldthafen

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Gabriela Walde

Foto: Liegenschaftsfonds Berlin

Klaus Wowereit muss neu planen: Die drei Investoren für die von ihm gewünschte Kunsthalle sind abgesprungen. Nun denkt der Regierende daran, Landesgeld in einen neuen Bau am Humboldthafen fließen zu lassen - Berlin soll selbst bauen. Dabei gibt es bereits einige geeignete Immobilien in der Stadt

Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister und Kultursenator in Personalunion, wird wohl umdenken müssen. Seine Idee vom Ausbau des Humboldthafens zu einem Kunstquartier mit privatem Museum und permanenter Kunsthalle ist gescheitert. Lediglich drei Investoren hatten sich um das Filetgrundstück nahe des Berliner Hauptbahnhofes beworben, keiner aber konnte beziehungsweise wollte die Bedingungen der Ausschreibungen erfüllen. Alle drei sprangen ab.

In Zeiten der zugespitzten wirtschaftlichen Situation nicht eben verwunderlich, sah das Mischkonzept doch vor, dass der Bewerber nicht nur den gleichwohl reduzierten Kaufpreis des Grundstückes zahlen, sondern auch die nicht unerheblichen Kosten für den Bau eines Privatmuseums und der Kunsthalle übernehmen sollte. Bereits Ende Dezember hatte Wowereit in einem Interview mit Morgenpost Online zugegeben, „dass die Angebotslage nicht bombastisch ist“.

Kenner des Verfahrens verweisen darauf, dass das Profil des Wettbewerbes um das Top-Grundstück ganz auf den in Amerika lebenden Berggruen-Sohn Nicolas, Kunstsammler und Immobilienmakler, zugeschnitten gewesen sei, er aber nicht den Preis für das Grundstück zahlen wollte. Der agile 47-Jährige hatte im vergangenen Jahr immer wieder versichert, wie stark sein Interesse an einem ausgefallenen Neubau für ein eigenes Museum in Berlin sei, wo er seine Sammlung zeigen wolle. Ganz im Sinne Wowereits, der sich ein Kunsthaus mit „Bilbao“-Effekt wünscht, also eine sensationelle Architektur wie beim Guggenheim-Museum in Spanien, das scharenweise Touristen in die Stadt zieht und eine ganze Region kulturell aufgewertet hat. Über Größe und Umfang der Berggruen-Kollektion ist lediglich bekannt, dass der Sammlungsschwerpunkt auf Andy Warhol und Jeff Koons liegt.

Berggruen hält an Berlin fest

Berggruen, der derzeit in Brasilien ist, lässt über seine Sprecherin ausrichten, dass sich sein „grundsätzliches Engagement für Berlin und die Kunst“ nicht verändert habe. Ende des Monats will er nach Berlin kommen, um Gespräche zu führen. Gut vorstellbar ist, dass es zwischen Senat und dem Berggruen-Sohn doch noch einen Deal geben wird.

Klar ist, dass Wowereit am Projekt Kunsthalle festhält. Ginge es nach ihm, würde „noch in dieser Legislaturperiode der erste Spatenstich getan“. Nun gibt es für den Senat drei Möglichkeiten, die Kunsthalle noch voranzutreiben: die Neuausschreibung des Wettbewerbs, den Ausbau von landeseigenen Immobilien wie etwa die Kreuzberger Blumengroßmarkthalle oder einen aus Landesmitteln finanzierten Neubau am Humboldthafen. Dem Vernehmen nach schlägt Wowereits Herz für diese Option. Wenn das Verfahren scheitere, so Senatssprecher Torsten Wöhlert, dann „bauen wir eben selbst!“

Fraglich, ob das wirklich die beste Lösung ist. Es existieren in Berlin schließlich viele Immobilien, die sich mit relativ geringen Mitteln zu einem Ausstellungshaus umbauen lassen würden. In der Diskussion waren einige Standorte. Neu ist der Vorschlag von Dimitri Hegemann („Tresor“), Teile des gigantischen, spröden, aber atmosphärisch-lichten Kraftwerks in der Köpenickerstraße als Kunsthalle umzuwidmen.

Ein „Ort des Übergangs“, der dem prozesshaften Charakter junger Kunst entgegenkomme. Hegemann, genialisch angehauchter Kulturmacher, denkt in großen Dimensionen und scheut nicht den Vergleich mit der Tate Modern in London, einer umgebauten Turbinenhalle als Museum für Gegenwartskunst. 3,6 Millionen Euro veranschlagt Hegemann für den Umbau der Industrieruine mit 22.000 Quadratmetern. Künstler und Institutionen aller Couleur hätten bereits ihr Interesse bekundet: Michael Ballhaus, Matthew Barney, Laurie Anderson, die Philharmoniker und James Turell, der Räume durch Licht in sakrale Architektur verwandelt. „So ein Ort für die Kunst und Kultur würde zu einer Marke für Berlin“, ist sich Hegemann sicher. Die Entscheidung für diesen Standort wäre spektakulär und mutig.

Der Senat muss realistisch planen

Schaut man sich in der Stadt um, so wäre die Wahl des Standortes Blumengroßmarkt in Kreuzberg momentan wohl die realistischste und gleichwohl solideste. Die Vorteile für die Halle liegen auf der Hand: Sie ist im Landesbesitz, liegt in einem gewachsenen Kiez, der sich zunehmend zum Kunststandort mausert, und in nächster Nachbarschaft zum Jüdischen Museum, der Berlinischen Galerie und zahlreichen neuen Galerien. Ein Domizil, das Alice Ströver (Bündnis 90/Die Grünen) favorisiert. „Die Halle steht in einem extrem wandlungsfähigen und spannenden Gebiet in Kreuzberg“. 6000 Quadratmeter ist die Halle groß – mit einem Umfeld von zusätzlichen 24.000 Quadratmetern.

Das Areal müsste sich die Kunsthalle allerdings teilen mit dem Jüdischen Museum, das auf dem Gelände ein zusätzliches Forschungs- und Bildungszentrum einrichten möchte. Dafür sind sechs Millionen bereitgestellt. Das Jüdische Museum plant bereits, sollte sich der Senat für diesen Ort entscheiden, sollte es eine schnellstmögliche Entscheidung geben. Ströver: „Wir müssen jetzt handeln, sonst gehen künstlerische Entwicklungen irgendwann an uns vorbei!“ Platz ist genug für beide Institutionen, die sich sicherlich gegenseitig befruchten könnten.

Bei der Kunsthallen-Debatte wird eines schnell vergessen – kulturpolitisch gibt es noch kein fixes Konzept für die Bespielung. Bei einer öffentlichen Diskussion in der temporären Kunsthalle am Mittwoch wurde diese Gemengelage noch einmal offensichtlich. Wie ist der inhaltliche Auftrag? Soll es einen Intendanten geben oder lieber verschiedene Kuratoren mit unterschiedlichen Handschriften? Soll die Kunsthalle eine „Berliner Sprache“ sprechen oder von vornherein international ausgerichtet sein? Wie sichert sie sich ihre Unabhängigkeit gegenüber den Kunstvereinen und Institutionen wie dem Hamburger Bahnhof, der sich künftig unter Kittelmann wohl verstärkt der Gegenwartskunst öffnen wird?

Eins ist sicher: die Kunsthalle, wo auch immer sie entstehen wird, wird Wowereit noch eine Menge Kopfzerbrechen bereiten.