Es ist schon fast Elf. Da fällt endlich ihr berühmtester Satz: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ – er soll den sonst mit politischer Sympathie gesehenen russischen Genossen wegen ihrer „antidemokratischen Tendenzen“ ins Stammbuch geschrieben werden. Mit der Diagnose „Knochentuberkulose“ bei der kleinen Rosa Luxemburg hat der Abend dreieinhalb Stunden vorher angefangen. In sage und schreibe 30 Szenen erzählen Volker Ludwig und Franziska Steiof, die bei der Uraufführung auch Regie führt, das Leben der Pazifistin, Revolutionärin, Theoretikerin der Internationale und angeblichen „Staatsfeindin Nummer eins“.

Relativ wenige Spieler springen in vielerlei Rollen. Nur Regine Seidler verkörpert die eine, die zentrale Figur. Sie zeigt sie mit großer Unermüdlichkeit, im Laufe des Abends ergrauenden Haaren, nicht nachlassendem Optimismus und schließlich, 1914, verheulter Verzweiflung über die Zustimmung der SPD für die Kriegskredite. Aber eine authentische Identifikationsfigur gelingt ihr nicht, kann ihr nicht gelingen. Ob sie auch singend die „mächtigste Stimme der Internationale“ ist, lassen wir dahingestellt.

Rundherum viele personifizierte Namen: Herr Bebel und Herr Mehring, Herr Kautsky und Herr Liebknecht, Frau Zetkin und Frau Jacob. Adrette Kostüme, sorgfältige Perücken. Die historisch namhafteren Herren haben allesamt einen eine Neigung ins Schrullige und Altväterliche, wo sie Luxemburgs Vorstellungen nur zurückhaltend wohlwollend bis hinderlich und abweisend begegnen.

Frau Luxemburg steigt samt Arbeitspapieren ins Liebesbett

Politisches und privates Leben werden gleichzeitig abgehandelt. Sozialistenkongresse, SPD-Parteitage, Gefängnis und politischer Richtungsdisput über den Sinn von Generalstreiks auf dem Weg zur Revolution. Und andererseits die verschiedenen Liebesbeziehungen Rosas – vor allem zu dem Revolutionär Leo Jogiches aus Wilna, aber auch zu Clara Zetkins Sohn Kostja, mit Witold Feynstein oder dem Anwalt Paul Levi. Frau Luxemburg steigt samt Arbeitspapieren ins Liebesbett, macht sich Sorgen um Messerbänkchen. Wenn sie ihr Glas auf künftige „Massenstreiks“ hebt, verschluckt sich die SPD-Prominenz fast am Champagner.

Man ist schon zufrieden, dass hier keine Heiligenlegende, kein Märtyrerdrama gestrickt wird. Aber das Genre der biografischen Soap-Revue wird dem Porträt der Luxemburg ebenso wenig gerecht, wie es das politisch-historische Umfeld angemessen verdeutlichen kann. USPD, Spartakus, Räte - was war denn das? Mit allerdankbarstem Beifall quittiert das Premierenpublikum die weichspülerische Aufbereitung: neben ein paar alten Arbeiterliedern werden auch reichlich seicht musicalhafte und schnulzige Songs gesungen. „Was mir fehlt, ist das Leben....du-du-du, da-da-da“, in dieser Art.

Franziska Steiofs Inszenierung, die Grips-typische Spiellaune lassen die Sache weit frischer aussehen, als sie auf dem Papier steht. Aber die Autoren haben „Rosa“ nicht für Kinder und Jugendliche geschrieben. „Grips“ stellt das „historische Stück“ ausdrücklich für Erwachsene auf den Spielplan. Gerade von dem Theaterkraftmenschen Volker Ludwig, mit seiner Kabarett-Erfahrung, hätte man in diesen Tagen eher ein ironisch scharfes und witziges Stück erwartet, das auf Politik, Wirtschaft, Kriege, Globalisierung und Personen in der Jetztzeit reagiert. Dass sich in diesem Es-war-einmal-Stoff, zumal in dieser Spielform, die von den Autoren versprochene „Aktualität“ mitteilen könnte, bleibt ein leeres Versprechen.

Grips Theater: Altonaer Straße 22 in Tiergarten. Kartentelefon: 397 47 477. Termine: 9. November 18 Uhr, 26.-29.November jeweils 19.30 Uhr.